Hallo Tennis-Fans,
im Moment stelle ich mir fast jede Nacht den Wecker und stehe auf, wenn tolle Matches in Melbourne laufen. Als Roger gegen del Potro gespielt hat, habe ich natürlich geguckt. Da sitze ich dann - ganz Fan - vor dem Fernsehen und zeige bei jedem tollen Punkt die Faust. Da gehe ich voll mit! Klar drücke ich Roger die Daumen, wir haben auch seit ich aufgehört habe, immer noch Kontakt. Er ist ja genau wie ich ein großer Fußballfan, und vor allem wenn sein FC Basel in der Champions League spielt, schreiben wir hin und her. Ich halte dann immer mit meinen 96ern dagegen, auch wenn wir ja "nur" in der Europa League dabei sind. Aber das kann ja noch werden.
Wenn ich so die Australian Open schaue, tut es schon ein bisschen weh. Ich verbinde so viele positive Erinnerungen damit. Es war definitiv neben den US Open mein Lieblingsturnier. Da werde ich doch etwas wehmütig, nicht mehr mitspielen zu können. Es fing schon 1995 an, als ich in Melbourne den Juniorenwettbewerb gewann. Ich wusste damals gar nicht, wo ich stehe und bin dann doch relativ leicht durchs Turnier gekommen. Im Finale habe ich gegen den Koreaner Jong-Min Lee mit 6:4 und 6:4 gewonnen. Das ist immer noch ein absolutes Highlight für mich, wenn ich zurückblicke. Zu sehen, welche großen Spieler da in der Siegerliste standen, hat mir damals viel Auftrieb gegeben.
Seither fühlte ich mich mit Australien immer irgendwie verbunden. Ich mag die Menschen, die freundliche und lockere Mentalität. Und mir gefiel auch immer das gute Wetter - wir Tennisspieler leben ja auf der Sonnenseite oder reisen ihr hinterher. Ich hatte eine tolle Zeit in Australien, meist war ich drei, vier Wochen dort und habe um Neujahr herum schon mit dem Hopman Cup angefangen, dann noch oft in Kooyong gespielt. Gewohnt habe ich die Jahre über in Melbourne immer in der gleichen Region, meistens im gleichen Hotel und in einer der oberen Etagen. Die Aussicht von dort war umwerfend, überhaupt ist Melbourne eine der tollsten Städte. Neben Hannover natürlich ;-) Sie hat einfach so eine freundliche Atmosphäre, wie das Cafe neben dem Hotel, in dem ich jeden Morgen gefrühstückt habe. Das wurde von einer griechischen Familie betrieben, und es war immer so, als wäre man zu Besuch bei Freunden.
Sportlich gesehen war natürlich 2006 mein Highlight, als ich das Halbfinale erreichte. In diesem Turnier lief fast alles optimal. Aber - das muss ich zugeben – ich hatte ich dabei auch ziemlich viel Glück. In meiner ersten Runde gegen Paradorn Srichaphan war ich schon fast ausgeschieden, habe richtig schlechtes Tennis gespielt und dann zwei Matchbälle abgewehrt. Wenn mir da einer gesagt hätte, ich komme ins Halbfinale... Selbst im Viertelfinale habe ich nicht gut gespielt und mich irgendwie durchgekämpft gegen Sebastien Grosjean. Aber dann wurde ich mit einem Match gegen Roger belohnt. Es war eine unglaubliche Atmosphäre in der Rod-Laver-Arena – Gänsehaut pur. Das war schon etwas ganz Besonderes. Wenn man gegen Roger spielt, sind die Fans natürlich doch irgendwie für ihn, obwohl sie mich als Außenseiter auch super unterstützt haben. Es war ein tolles Match. Aber als Roger im dritten und vierten Satz eins draufgelegt hat, da konnte ich nicht mehr mithalten.
Ich weiß noch, dass ich mich früh im Turnier am Knöchel verletzt und eigentlich Schmerzen hatte, aber die vergisst man während einer Partie. Man spielt sich so in einen Rausch hinein, hat nur noch den Tunnelblick. Solche Matches wie gegen Roger waren für mich immer etwas ganz besonderes. Da sollte man alles auf dem Platz lassen, was geht. Dann kann man auch mit einer Niederlage leben, wenn man alles versucht hat. Eine hängt mir dagegen immer noch nach: die als ich 1998 im Viertelfinale von Melbourne gegen Nicolas Escude verloren habe. Das war eine der bittersten Niederlagen meiner Karriere. Aber ich habe sehr viel daraus gelernt. Nach einer 2:0-Führung zu verlieren, ist mir danach nicht noch mal passiert.
Mit meinen Schützlingen im Trainingszentrum Hannover schaue ich mir auch die Highlights aus Melbourne an, vielleicht spornt es sie ja ein bisschen an. Und wer weiß, ob nicht einer von ihnen auch mal bei den Australian Open durchstartet! Ich für meinen Teil gebe alles dafür. Vielleicht sieht man sich mal gemeinsam in "Down under"!
Kiwi