Es ging in Bamberg für die deutsche Mannschaft zwar um Sein oder nicht Sein, und diese Frage wurde leider negativ beantwortet, doch eigentlich ging es am Ende mehr um eine ganz andere Frage: die "Kohli-Frage". Wie krank war Philipp Kohlschreiber wirklich? War er zu krank, um zumindest zum Anfeuern nach Bamberg zu reisen? Oder gar zu schwach, um wenigstens eine SMS mit guten Wünschen ans Team zu schicken?
Fragen über Fragen, und irgendwie hatte man doch darauf gewartet. Auf den Knatsch. Auf die Misstöne, denn ohne ging es im Davis Cup ja selten ab. Und mittendrin war in den letzten Jahren dabei auch oft genug Philipp Kohlschreiber. Begonnen hatte es im Februar 2007, als er damals beleidigt aus Krefeld abreiste, weil er nur der fünfte Mann im Team sein sollte. Er forderte schon immer viel ein, lange passten diese Ansprüche aber noch nicht mit seinen Leistungen zusammen. Bei den Arrivierten im deutschen Team sammelte Kohlschreiber da von Beginn an wenig Pluspunkte. Patrik Kühnen setzte allerdings auf ihn, sah in ihm früh den kommenden, starken Spieler. Und so gewährte er Kohlschreiber auch schon mal Sonderrechte, wie beim Viertelfinale 2008 gegen Spanien. Auch da war der interne Zoff vorprogrammiert.
Zwischenzeitlich raufte man sich zusammen, schuf eine Art Burgfrieden, so lange Kohlschreiber im Davis Cup wichtige Punkte sammelte. Nun aber sagte Kohlschreiber für Bamberg ab, mit einem Magen-Darm-Infekt, den er aus Frankreich mitgebracht hatte. Er sagte aber bereits am Mittwoch ab, das irritierte zunächst einmal Kühnen. Denn eigentlich hatte man vereinbart, medizinisch alles daran zu setzen, damit Kohlschreiber zumindest am Samstag oder Sonntag zum Einsatz käme. Der Plan war damit geplatzt. Ab Mittwoch herrschte Funkstille.
Bis Tommy Haas nach dem Aus am Samstag öffentlich seine Enttäuschung bekundete. Seine tiefe Enttäuschung über Kohlschreiber, der es nicht mal für nötig befunden hätte, für einen Tag als Unterstützung aus München anzureisen. Sein Handy sei ausgeschaltet gewesen, hieß es von den anderen Teammitgliedern. Keiner habe Kontakt mit ihm gehabt, auch Kühnen nicht. Man wundere sich jedoch, wie man am Mittwoch noch sterbenskrank sein, aber am Montag wieder beim Turnier in Rotterdam antreten könne. Das sei eine überaus schnelle Heilung gewesen, bemerkte Florian Mayer. Einerseits war es der Frust über das bittere Aus gegen Argentinien, der aus ihnen sprach, andererseits fühlten sie sich von Kohlschreiber im Stich gelassen.
In guter Form wären ihre Chancen mit ihm wohl größer gewesen. Sauer war besonders Haas, denn er wusste, dass mit dem Aus vermutlich auch sein Traum, einmal den Davis Cup zu gewinnen, endgültig geplatzt war. Denn erst in einem Jahr können die Deutschen wieder um den Titel spielen, wenn sie nicht im September absteigen. Und dann ist Haas fast 35 Jahre alt. Am Sonntag meldete sich Kohlschreiber schließlich via "Bild" zu Wort. Er sei krank und ansteckend gewesen, der Arzt habe von Reisen abgeraten. Kohlschreibers Management stand die ganze Zeit mit ihm in Kontakt, verstärkte mit der Nicht-Informationspolitik aber wieder das Außenseiter-Image Kohlschreibers. Zudem bleibt der fade Beigeschmack durch die rasante Genesung und den Antritt in Rotterdam. Ob es Konsequenzen für Kohlschreiber haben würde, ließ Kühnen offen. Man wolle demnächst mal miteinander sprechen, kündigte er an. Redebedarf gäbe es genug. Boris Becker monierte sogar, Kohlschreibers Aktion sei wenig mannschaftsförderlich gewesen. Damit hat er tatsächlich mal Recht. Konsequenzen muss Kohlschreiber dennoch nicht fürchten. Denn er weiß, dass Kühnen ihn braucht.