Das Motto des neuen 
DTB-Präsidenten: Vom 
Tennis fürs Leben lernen 



Von Jörg Allmeroth

 

Im Regionalliga-Team des TC Oberursel spielt der Riese mit der asketischen Figur nur die bescheidene Rolle des Ersatzmannes, beim Deutschen Tennis Bund aber ist er seit dem 13. November die Nummer eins: Karl-Georg Altenburg, der 48-jährige Investmentbanker, ist nicht nur der neue, sondern auch einer der jüngsten Präsidenten, den der weltgrößte Tennis-Fachverband jemals zu seinem Dirigenten erkor . „Es ist ein wundervolles Gefühl, dieses Amt ausüben zu dürfen“, sagt Altenburg, ein Mann mit Basketballer-Statur, der auf dem Tennisplatz seit jüngsten Jahren stets fürs Leben lernte: „Dieser Sport hat mich geprägt. Er hat mir gezeigt, wie man mit Siegen und wie man mit Niederlagen umgehen muss.“ Auch seinen ausgeprägten Ehrgeiz („Ich wollte immer schon Erfolg haben“) versucht Altenburg regelmäßig in sportlichen Grenzen zu halten: „Fairness ist für mich keine Phrase, keine Vokabel, die man so dahin sagt. Das ist eine Verpflichtung für mich.“

 

Bauchlandung in Rumänien

 

Altenburgs berufliche Biographie weist durchaus Brüche auf, es ist keineswegs ein geschliffener, glatter Werdegang, der ihn zuletzt bis auf den Chefposten der deutschen Dependance von JP Morgan führte, einer US-Bank. Der studierte Maschinenbauer arbeitete zunächst als Unternehmensberater, wechselte dann aber nach New York zum Geldinstitut Salomon Brothers. Der Habitus jener „Masters of the Universe“ an der Wall Street, die in jungen Jahren selbstverständlich in Börsen- und Bankerjobs Traumgehälter beziehen und ihren Reichtum auch allzu selbstgewiss zur Schau stellen, ist dem gebürtigen Mülheimer indes stets fremd geblieben. Was Altenburg an seinem Job und an seinem Leben im „Big Apple“ eigentlich faszinierte, war die Melange seiner Kollegen aus aller Herren Länder, eine „internationale Gemeinschaft von Leuten aus Indien, Südamerika oder Australien.“ Um die Jahrhundertwende versuchte sich Altenburg dann auch selbst einmal als Unternehmer, hob mit Freunden in Rumänien eine Mobilfunkgesellschaft aus der Taufe, doch das Projekt erwies sich in einem noch immer von Bakschisch-Kultur geprägten Land als äußerst diffizil: Eine „lehrreiche Bauchlandung“ habe er da erlebt, sagt Altenburg. 2004 kehrte er zu JP Morgan zurück.

 

Freunde und Weggefährten beschreiben den fast zwei Meter großen Mann als selbstbewusste Führungspersönlichkeit, gleichwohl aber auch als „unkonventionellen Kumpel- und Machertyp.“ Dass er nicht ins Schema F der glattgebügelten Managerelite passt, durfte vor Jahr und Tag auch ein „Welt“-Redakteur feststellen, der für eine Interviewfahrt mit Altenburg verabredet war, vom JP-Morgan-Sitz in Frankfurt zum dortigen Redaktionsbüro. Altenburg kam nicht in einer der notorisch dunklen Oberklasse-Limousinen, sondern in einem „ungewaschenen VW Bus“ vorgefahren – schlichtweg aus Opportunitätsgründen: „Für einen Tag, an dem ich meine fünf Kinder zur Schule bringen muss, gibt es keinen besseren Wagen.“ Schon damals wehrte sich Altenburg auch gegen die Vorstellung, er lebe als privilegierter Investmentbanker „unter einer Käseglocke“, abseits des wirklichen Lebens – und wieder benannte er sein „geliebtes Tennis“ als Kronzeuge: „Als ich nach Deutschland zurückkam, hatte ich schneller eine Tennismannschaft als ein Haus gefunden“, so Altenburg, „über den Sport habe ich so viele unterschiedliche Menschen kennengelernt, er weicht alle gesellschaftlichen Grenzen auf.“

 

Nachholbedarf bei Kindern mit Migrationshintergrund

 

Der Satz könnte auch eine gewisse Prophetie entwickeln, wenn es um die Zukunftsaufgaben beim Deutschen Tennis Bund geht. Altenburg nahm am Sonntag in Berlin jedenfalls gern den Gedanken des grußwortsprechenden Innensensators Körting auf, der gesagt hatte, Tennis erreiche „bisher sicher nicht die Kinder in Wedding oder Neukölln oder Kreuzberg.“ Der neue Präsident gab nach seiner Kür klar zu Protokoll, dass „wir bei der Einbindung von Kids mit Migrationshintergrund noch enormen Nachholbedarf haben“. Gerade der Deutsche Fußball Bund zeige da mit den Özils und Khediras, „wo es langgehen muss.“ Altenburg weiß allerdings, dass sich der Verband in seiner Außendarstellung und in seinen Medienaktivitäten noch mehr professionalisieren muss – wenn er denn den Nachwuchs für sich begeistern will. An seinen eigenen Kindern erlebt es der Chef von 1,5 Millionen DTB-Mitgliedern ja selbst: „Ich finde es schade, wenn Stunden und Stunden bei Facebook verbracht werden“, sagt er, „Sport, also auch Tennis ist eigentlich viel spannender. Nur müssen wir da als DTB auch eine ganz neue Ansprache finden.“

 

Und vor allem eine einheitliche, denn zum Aufgabenbündel von Altenburg und seinem Team gehört auch, den DTB zu einem Verband mit nationaler Kampagnen- und Schlagfähigkeit zu machen. Ein Föderalismus, in dem jeder eigene Aktionen ausheckt und in dem beispielsweise unter Street Tennis jeder Gau etwas anderes versteht, sei „fatal und selbstmörderisch“, sagt selbst einer der Landeschefs. Altenburgs Team begann jedenfalls am Montag schon einmal mit seiner Bestandsaufnahme in der Hamburger Verbandszentrale, der Blick in die Bücher und Bilanzen dürfte nicht sonderlich erfreulich gewesen sein. Kein Wunder, dass die Idee eines Umzugs des DTB nach Frankfurt da weiter umgeht, ein kostensparendes und sportpolitisch sowieso sinnvolles Manöver. Noch schweigen alle Beteiligten aber dazu.

 

Auch bald Harmonie mit bayrischem Verband?

 

Dass Altenburg in seiner Antrittsrede betonte, er wolle Präsident aller Mitglieder und Verbände sein, war eine natürliche Platitüde in einem solchen Moment. Aber dass er das Lagerdenken der letzten Wochen, der Wochen eines bitteren Wahlkampfstreitens, auch zugunsten sinnvoller Kompromisse überwinden kann, bewies er gleich am Sonntag. Da nahm der Rheinländer die ehemalige Profispielerin und Ärztin Eva-Maria Schneider als Vizepräsidentin für den Jugendsport in sein Führungsteam auf, nachdem es keine Mehrheit für seinen Kandidaten gegeben hatte. Die selbstbewusste Medizinerin, alles andere als eine Kompromisskandidatin und Quotenfrau, schmückt die Mannschaft des Bankers nun zusätzlich. Und ihre Berufung könnte auch zur Harmonisierung mit dem aufständischen Bayern-Verband beitragen, der ihn, den Neuen an der Spitze, ja bis zuletzt bekämpft hatte.

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