Jahresumfrage - 
Walter/TVBB: 
"Das Schöne am Tennissport 
ist seine Internationalität" 



tennisnet.com hat die Präsidenten der deutschen Landesverbände zu einer kleinen Umfrage über die Situation im deutschen Tennis eingeladen. Einige Präsidenten standen uns Rede und Antwort. Heute: Dr. Klaus-Peter Walter, der Präsident des Tennisverband Berlin-Brandenburg (TVBB).
 
1. Was war Ihr persönliches Tennishighlight 2011?
 
Walter: Zwei Ergebnisse haben mich außerordentlich beeindruckt: Im Davis Cup gegen Frankreich führt Florian Mayer gegen Richrad Gasquet 6:4, 6:4, 5:4, dominiert bis dahin mit seiner wuchtvollen Vorhand und seiner spielerischen und geschickten Taktik seinen Gegner, muss aber aufgrund seiner Krämpfe in seinem Aufschlagspiel zum Matchgewinn eine andere Taktik anwenden, hat Pech bei seinen überraschenden Netzangriffen und scheitert im fünften Satz. Das zweie Ereignis, aber anderer Art, war das Spiel von dem späteren Sieger Gael Monfils gegen seinen Davis-Cup-Kameraden Gael Monfils in Hamburg. Oberflächlich gesehen war das Spiel eine Zumutung. Stundenlang spielten beide den Ball bei jeder Punktrally zunächst 20-30 Mal mit empfundenen 30 km/h in die Mitte des Spielfeldes, ohne erkennbare Dynamik - ohne den Damen nahetreten zu wollen - wie in einer 3. Damenmannschaft. Beide verfolgten offensichtlich die Taktik zu warten, bis der andere das Risiko eines aggressiven Schlags eingeht, um dann geschickt zu kontern. Zumeist hat dann Monfils die Geduld verloren und einen Ausbruch aus dem Endlosgeschiebe versucht, der fast immer scheiterte. Highlight ist für mich dabei gewesen, dass das Tennisspiel unvermindert so viele taktische Varianten bei der Gestaltung und Bewältigung hat, dass es für die Spieler jeder Leistungsstärke stets eine neue Herausforderung ist und für die Zuschauer dankbare Erinnerungen hervorrufen kann. Die Zähigkeit der beiden Gewinner, die eigene Taktik bis zum Erfolg durchzuhalten, hat sich gelohnt.
 
2. Wie sehen Sie die Entwicklung des deutschen Tennis allgemein?
 
Walter: Bereits in jedem Tennisclub hat die Leistungsstärke der Spieler in einem Maße zugenommen, dass ich mich frage, ob es noch gesteigert werden kann. Ich selbst hatte früher in einem Berliner Club in der ersten Herrenmannschaft gespielt und muss erkennen, dass ich gegen einen Spieler der heutigen Mannschaft unseres Clubs kein einziges Spiel gewinnen könnte. Alle sind topfit, unglaublich schnell und spielen fast fehlerfrei bei höchster Schlaggeschwindigkeit. Gutes, modernes Tennis wird mittlerweile in jedem Verein gespielt, nicht umsonst sind deutsche Tennisspieler unter den Top 100 gut vertreten. Ich beobachte zudem, dass die Jugend von heute viel gewissenhafter, ausgiebiger und ernsthafter trainiert, als meine Generation es je gemacht hat. Bestätigt wurde gerade von der ITF, dass die DTB-Trainerausbildung zu den besten der Welt gehört. Von daher bin ich sehr zuversichtlich, dass das deutsche Tennis sich weiterhin bestens entwickeln wird.
 
3. Was könnte Ihrer Meinung nach verbessert werden, um das deutsche Tennis zu stärken?
 
Walter: Mir kommt das Wort "deutsches Tennis" in den Medien zu häufig vor. Das Schöne am Tennissport ist ja gerade seine Internationalität. Bei einem Turnier sollte der Beste gewinnen, gleich wo er geboren ist und im Sportteil als toller Sportler gefeiert werden. Das Publikum ist meines Erachtens so reif, das zu unterstützen. Beispielsweise ist Roger Federer 10km westlich von Lörrach aufgewachsen, also fast in Deutschland. Muss das eine Rolle bei der Abstinenz der Tennisberichterstattung in den Medien in Deutschland spielen? Zu Ihrer Frage, verbessert werden sollten Aktionen, das Ehrenamt in den Vereinen interessanter zu machen. Gerade junge Nachwuchsspieler und Mitglieder sollten ermuntert werden, lokal Verantwortung zu übernehmen, denn nur in den Vereinen, also unten, können die 1,6 Millionen Mitglieder dabeibleiben und den Tennissport attraktiv halten.

 
4. Von welchem Spieler erwarten bzw. erhoffen Sie sich 2012 das Meiste - deutscher Spieler/internationale Spieler?
 
Walter: Florian Mayer und Robin Kern bei den deustchen Spielern, Roger Federer international.
 
5. Von welcher Spielerin erwarten bzw. erhoffen Sie sich 2012 das Meiste - deutsche Spielerin/internationale Spielerin?
 
Walter: Sabine Lisicki und Julia Görges bei den deutschen Spielerinnen, Serena Williams international.
 
6. Braucht Tennis Regeländerungen, um noch attraktiver zu werden?
 
Walter: Nein, der Match-Tiebreak hat schon genug Irritationen hervorgebracht, von weiteren Verkürzungsansätzen der Spielzeit halte ich, mit wenigen Ausnahmen bei witterungsbedingten Engpässen, in der normalen Spielpraxis nichts. Die Spielfeldmaße sind offenbar auf die menschliche Physis abgestimmt, auch hier sehe ich keinen Änderungsbedarf.

 
7. Wie könnte der Tennissport seine mediale Präsenz steigern? Woher beziehen Sie Informationen zum Tennissport?
 
Walter: Etwas abhanden gekommen sind die Emotionen in engen Matches. Offenbar hat das Trainerteam des Spielers bei der Durchforstung möglicher Schwachstellen hier ganze Arbeit geleistet. Tennis sieht im Fernsehen deshalb manchmal nach reiner Arbeit aus. Und nicht jeder schaut jemandem gerne bei der Arbeit zu. Hier könnte das spielerische Element gerade junger Nachwuchsspieler eine Belebung auslösen, um die Berichterstatter zu begeistern. In Berliner Medien wird die Berichterstattung außerordentlich stiefmütterlich behandelt. Obwohl drittgrößte Sportart und von der Leserschaft her ausgeprägt tennisaffin, hat der Fußball fast den ganzen Sportteil einer Tageszeitung in Beschlag. Unterstellt wird in den Redaktionen und beim Herausgeber, dass wohl nur Fußball Leser interessieren würde. Meine Informationen zum Tennissport erhalte ich von einer großen deutschen überregionalen Tageszeitung, von Fachzeitschriften und von den wenigen Sendungen des Senders Eurosport zum Damentennis.

 
8. Was kann das deutsche Fed-Cup-Team 2012 erreichen?
 
Walter: Wenn es gut geht, können die deutschen Damen den Fed Cup gewinnen.
 
9. Was kann das deutsche Davis-Cup-Team 2012 erreichen?
 
Walter: Mit der schweren Auslosung gleich gegen Argentinien im ersten Spiel sollte dennoch der Verbleib in der Weltgruppe zu erreichen sein.
 
10. Haben Sie einen Wunsch für den Turnierkalender - in Deutschland und/oder international?
 
Walter: In Berlin findet seit ein paar Jahren kein hochrangiges Damenturnier und auch kein Herrenturnier mehr statt. Sollte also ein unentdeckter Sponsor oder Gönner auf der Suche sein, für mindestens drei Jahre einen nennenswerten Betrag einsetzen zu wollen, wären die Tennisspieler in Berlin und Brandenburg aber auch die Tourspieler höchst dankbar. Kleiner Brötchen backen wir schon, im Mai haben wir in Bad Saarow ein Damen-ITF-Turnier der Kategorie 10.000 US-Dollar.
 
Die Fragen stellten Harald Buchheister und Christian Albrecht Barschel

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