Von Christian Albrecht Barschel
Karl-Georg Altenburg (48) wurde am 13. November bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Tennis Bund (DTB) mit 77 von 111 Stimmen zum neuen DTB-Präsidenten gewählt. Georg von Waldenfels, der von 1999 zwölf Jahre lang den DTB leitete, entschied sich kurz vor der Wahl, nicht ein weiteres Mal zu kandidieren. Altenburg ist Deutschlandchef der Investment-Bank JP Morgan und will den mit 1,6 Millionen Mitgliedern drittgrößten Sportverband Deutschlands modernisieren. Zu seinem Team gehören unter anderem Vize-Präsident Carl-Uwe Steeb und der hauptamtliche Geschäftsführer Stephan Brune. In seiner Freizeit spielt Altenburg leidenschaftlich gern Tennis und hat durch diesen Sport viel für das Leben gelernt.
Herr Altenburg, herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum DTB-Präsidenten. Haben Sie sich in Ihr Amt schon gut eingearbeitet?
Ja, soweit man das sagen kann. Wir sind mitten in der Bestandsaufnahme.
Was wird sich in Ihrer Amtszeit beim DTB konkret ändern?
Wir haben eine ganze Menge Aufgaben vor uns, die wir angehen. Zunächst einmal müssen wir uns nach der notwendigen Bestandsaufnahme darauf fokussieren, die Finanzen zu konsolidieren. Mit Blick nach vorne wollen wir eine Marke aufbauen, Tennis sowohl in der Spitze als auch in der Breite wieder attraktiver machen und neue Erlösquellen generieren.
Sie haben mit Carl-Uwe Steeb als Vize-Präsidenten einen sehr erfahrenen Mann im Team. Welche Aufgaben wird Herr Steeb übernehmen?
Herr Steeb wird sich um den Bereich Leistungssport kümmern. Eine unserer Kernaufgaben ist es, ein Top-Nachwuchsprogramm zu erarbeiten, das so professionell wie möglich ist. Hier gibt es in verschiedenen Landesverbänden bereits gute Ansätze, zum Beispiel in Bayern. Auch national brauchen wir ein starkes Nachwuchsprogramm. Den aktuellen Spitzenspielern, denen wir damit nicht mehr helfen können, müssen wir bessere Rahmenbedingungen anbieten.
In Ihrem Programm für Ihre Präsidentschaft haben Sie ebenfalls angekündigt, sich mehr um den Nachwuchs zu kümmern, „Tennis soll wieder cool werden“. Wie sehen Ihre Pläne konkret aus?
Wir wollen den Tennissport allen Altersschichten näher bringen, insbesondere aber den Kindern und Jugendlichen. Um das zu erreichen, müssen wir die Ansprache ändern und moderner werden. Die Jugend hat in ihrer Freizeit heute eine Menge Alternativen, angefangen vom Internet bis hin zu anderen Aktivitäten. Der Konkurrenzkampf um die freie Zeit unseres Nachwuchses ist härter geworden. Deswegen müssen wir aktiver werden und zeitgemäßer auftreten.
Im Vorfeld der Wahl fiel ja dann auch plötzlich der Name Michael Stich. Hat Sie das irritiert?
Das hat mich überhaupt nicht irritiert. Es ist eine freie Wahl, für die sich jeder bewerben kann. Ich glaube aber, dass das durch die Medien hochgespielt wurde.
Mit Rainer Schüttler, Alexander Waske, Marc-Kevin Goellner und Markus Zoecke leiten einige aktuelle und ehemalige Profis Tennisakademien in Deutschland. Besonders die Schüttler-Waske-Akademie hat mit den Erfolgen von Andrea Petkovic, Angelique Kerber und Cedrik Marcel Stebe sich bereits einen Namen gemacht. Wird der DTB den Kontakt zu den privaten Akademien in Zukunft intensivieren?
Wir haben zu allen Kontakt, die gute Arbeit leisten. Ich habe die Schüttler-Waske-Akademie vor meiner Amtszeit bereits besucht. Dort wird in der Tat höchst professionell gearbeitet. Aber natürlich gibt es auch noch weitere gute Tennisakademien. Insgesamt umfasst der Themenbereich viele Aspekte, die zu einem Gesamtkonzept geformt werden müssen: Wo und wie trainieren wir, mit welchen Trainern, wie sieht die Förderung aus, welche Rolle spielt die Industrie dabei?
Das Urteil über die Prozesskosten im Gerichtsstreit mit der ATP um das verlorene Rothenbaum-Verfahren steht noch aus und folgt in den nächsten Monaten. In erster Instanz hat der DTB gewonnen. Welche Auswirkungen hätte ein negatives Urteil für den DTB?
Das wäre natürlich eine sehr schlechte Nachricht für uns. Wir hoffen aber, dass es nicht dazu kommen wird, schließlich wurde in erster Instanz bereits zugunsten des DTB entschieden. Wir können in diesem Fall nur abwarten. Sicher ist, dass wir uns unabhängig vom Ausgang des Verfahrens bemühen werden, wieder eine gute Beziehung zur ATP aufzubauen.
Es wird darüber spekuliert, dass der DTB von Hamburg nach Frankfurt in die Nähe des DOSB umziehen könnte. Was ist dran an diesen Gerüchten?
Da ist nichts dran. Es gibt derzeit eine Reihe von dringenden Themen, die bearbeitet werden müssen. Da hat niemand Zeit, über so etwas nachzudenken.
Das deutsche Damentennis boomt. Im Vergleich zu fünf Herrenturnieren in Deutschland (München, World Team Cup, Halle, Stuttgart, Halle) gibt es nur ein Damenturnier. Werden Schritte unternommen, um ein zweites Damenturnier nach Deutschland zu holen?
Ein weiteres Turnier wäre natürlich wünschenswert, schließlich haben unsere Damen in der zurückliegenden Saison mit tollen Leistungen überzeugt. Wir sind aber erst etwas mehr als eine Woche im Amt und noch in der bereits erwähnten Bestandsaufnahme.
Herrentennis findet im deutschen Fernsehen häufig nur im Pay-TV statt, Damentennis wird von Eurosport dagegen gut abgedeckt. Vom Wimbledonturnier gibt es keine Live-Bilder mehr im Free-TV zu sehen. Das Finale bei den Gerry Weber Open zwischen Philipp Kohlschreiber und Philipp Petzschner war das einzige Tennismatch in diesem Jahr, was bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu sehen war. Wann kommt der deutsche Tennisfan wieder in den Genuss mehr Spiele von Federer, Nadal, Djokovic & Co. zu sehen?
Das geht nicht über Nacht. Wir müssen von Grund auf einen Neuanfang machen, eine Marke aufbauen, Tennis attraktiver präsentieren und in die Nachwuchsarbeit investieren. Wenn wir diese Dinge zusammenfügen, wird auch das öffentliche Interesse wieder steigen. Für die Tennispräsenz im deutschen Fernsehen spielen natürlich aber auch die ATP und WTA eine Rolle.
Was war Ihr persönliches Highlight im Tennisjahr 2011?
Für die größten Höhepunkte haben sicherlich die deutschen Damen gesorgt, insbesondere die Leistungen von Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Angelique Kerber bei den Grand-Slam-Turnieren. Auch die Tatsache, dass Philipp Petzschner die US Open im Doppel gewonnen hat und diese Woche beim ATP-Tourfinale in London spielt, ist fantastisch.
Auf was freuen Sie sich im Tennisjahr 2012 am meisten? Wem trauen Sie von den deutschen Spielern am meisten zu?
Ich glaube, dass 2012 das Jahr unserer Damen wird. Sie sind auf jeden Fall auf dem Sprung nach ganz oben.
Neben Ihrem Amt als DTB-Präsident sind Sie auch Deutschlandchef der Investmentbank JP Morgan. Haben Sie überhaupt noch Zeit, selbst Tennis zu spielen?
Das Amt des DTB-Präsidenten geht natürlich auch zu Lasten meiner Freizeit. An meinem Vollzeitjob bei JP Morgan hat sich ja nichts geändert. Meine Freizeit ist damit natürlich stark eingeschränkt, aber die Zeit für Tennis nehme ich mir, am liebsten zusammen mit meiner Mannschaft. Wir trainieren jeden Samstag zwei Stunden. (Foto: DTB)