
Frau Rittner, was steht für Sie unter dem Strich nach diesem Jahr 2011?
Da stehen natürlich vier Mädels und von jeder ganz bestimmte Eindrücke. Es waren Riesenmomente, wo mir auch das Herz aufging. Als Jule (Julia Görges, Anm. d. Red.) in Stuttgart beim Porsche Grand Prix gegen die Nummer eins der Welt gewinnt, da habe ich am Rand gesessen und gedacht: 'Das kann jetzt irgendwie alles nicht sein'. Das war schön. Aber angefangen mit Andreas (Petkovic, Anm. d. Red.) Viertelfinale in Australien, und überhaupt die Tatsache, bis zum Ende bei einem Grand Slam dabei zu sein. Das war auch eine ganz neue Erfahrung. Dann Sabine (Lisicki, Anm. d. Red.) im Halbfinale von Wimbledon, die Atmosphäre und das Tennis, das sie gespielt hat.
Was ist Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?
Ein ganz besonderer Moment war das Match gegen Li Na, für mich eines der besten Live-Matches, das ich je gesehen habe. Und das wird es auch immer bleiben, weil es einfach so eine Qualität hatte, mit so vielen besonderen Momenten und solcher Dramatik. Aber dann kam als Überraschung am Ende des Jahres nach dem nächsten Viertelfinale von Andrea noch das Halbfinale von Angelique (Kerber, Anm. d. Red.), die als Vierte einfach das Zeichen setzte: 'Okay, was ihr könnt, das kann ich auch.' Das hat die Sache abgerundet. Natürlich kam noch der Aufstieg als Fed-Cup-Team hinzu, mit der schönen Atmosphäre in Stuttgart.
Das deutsche Damentennis machte wieder positive Schlagzeilen...
Ja, gegen Ende des Jahres zahlt sich das ein bisschen aus mit Auftritten der Mädels in der Öffentlichkeit. Das schaue ich mir an und denke: 'Das geht jetzt in eine ganz andere Richtung.' Und das fühlt sich sehr sehr gut an.
Was erwarten sie nach so einem erfolgreichen Jahr denn für die neue Saison?
Ich glaube, genau das ist der Punkt – die Erwartungshaltung ist von allen Seiten, inklusive uns selber, unheimlich gestiegen. Als erstes erhoffe ich mir, dass alle gesund bleiben. Das ist das Allerwichtigste. Denn wenn sie gesund und fit bleiben, dann werden sie ihren Weg gehen, da habe ich überhaupt gar keine Zweifel bei keiner von denen. Die sind jetzt so erwachsen und so erfahren, dass sie die Stabilität finden werden. Und mit Stabilität ist im Damentennis in der momentanen Phase alles möglich.
Was sind denn Ihre persönlichen Erwartungen?
Meine persönlichen Erwartungen für 2012 liegen natürlich im Fed Cup. Im Februar haben wir direkt ein Highlight gegen Tschechien, das ist wie geschrieben: Gegen den Titelverteidiger zu spielen mit der Wimbledonsiegerin, die vielleicht bis dahin die Nummer eins ist. Und wir haben noch eine Rechnung offen, in Brünn haben wir 2:3 im entscheidenden Doppel verloren. Das wird richtungsweisend für die ganze Saison werden, und wir wollen das unbedingt gewinnen. Aber das wird sehr schwer.
Der Druck wird nach diesem Jahr enorm ansteigen. Wie werden die Vier damit umgehen?
Die spüren natürlich, dass wir außen anders betrachtet werden. Ganz viele Coaches kommen zu mir und sagen, wir wären Geheimfavoriten beim Fed Cup. Jeder ist gespannt, ob es eine der Vier jetzt mal in ein Grand-Slam-Finale schafft. Aber sie sind mittlerweile in sich so gefestigt und auch nicht mehr in ihren ersten Jahren, sondern im dritten, vierten, fünften. Ich habe deshalb ein unheimlich gutes Gefühl, dass jede für sich einen Weg gefunden hat, mit dem Druck von außen – und vor allem, der von ihnen selbst ausgeht – umzugehen. Bisher hatten alle eine sehr gute Vorbereitung machen können, ich glaube, es wird ein gutes Jahr für uns.
Man hat das Gefühl, dass es bei den Spielerinnen ein Miteinander ist ohne den in anderen Sportarten gängigen "Zickenkrieg". Wie haben Sie das erreicht?
Ich denke, es liegt daran, dass ich bei dieser Generation ganz früh angefangen habe, schon vor Jugendturnieren immer wieder gemeinsame Lehrgänge und Trainingslager zu machen. Und dieses Miteinander hat dann zur Folge, dass sich die anderen da sehr dran orientieren, wenn eine von ihnen Erfolg hat. Die anderen sagen sich dann: 'Das kann ich doch auch.' Die ziehen sich gegenseitig hoch. Diese Sogwirkung klappt bei den Vieren, aber auch schon mit denen, die nachkommen. Das hätte ich so schnell gar nicht erwartet. Das ist ein sehr positives Zeichen und das verfolgen wir auf jeden Fall so weiter.
Trotz des guten Miteinanders könnte es im Februar aber ein wenig Ärger im Paradies geben: Sie haben vier Spielerinnen, zwei können aber im Fed Cup nur Einzel spielen. Befürchten Sie da Konflikte?
Wir werden in Australien alle gemeinsam Essen gehen, und ich werde das ganz offen ansprechen. Keine Entscheidung, die ich treffe, dürfen die Vier persönlich nehmen. Es wird immer nur eine Momentaufnahme sein und am Ende ist es eine Bauchentscheidung von mir. Und es wird für die ein oder andere sicher bittere Momente geben, das ist klar. Aber ich glaube, eine Stärke von uns als Team ist unsere Kommunikation. Wir sind sehr homogen und die Mädels sind jetzt erwachsen genug, das richtig einzuschätzen. Jede muss wissen, dass sie wieder ihre Chance bekommt. Das ist ganz wichtig, wenn man so eine Leistungsdichte hat.
Haben Sie Sorge, dass dieses Gefühl von Miteinander vielleicht bei noch größerem Erfolg der Einzelnen doch mal auseinander bricht?
Natürlich wird es schwieriger, dafür liegt der Fokus für den größten Teil des Jahres auf sich selber liegt und jede in ihrer Einzelkarriere unheimlich viel vor hat. Aber wir haben alle ein Ziel und das haben wir auch definiert: Wir wollen diesen Fed Cup mal gewinnen. Ob jetzt 2012, 2013, egal. Aber wir haben die Qualität und das Potenzial, es muss ein bisschen Glück hinzukommen. Aber das ist unser gemeinsames Ziel, und das haben alle im Hinterkopf. Sie legen momentan alle ihre Termine um den Fed Cup, das zeigt ja auch, wie wichtig er für sie ist.
Aber was macht Sie so sicher, dass es nicht doch Eifersüchteleien geben wird, weil die eine vielleicht nun doch öfter im Fernsehen war als die andere?
Die Umfelder der Mädels machen mich da so sicher. Denn ich weiß, wenn eine von ihnen so anfangen würde, dass sie eifersüchtig wäre oder es Spannungen gäbe, würde ich es ganz offen ansprechen und hätte da die Unterstützung der jeweiligen Trainer. Man muss einfach mit ihnen reden und sie müssen verstehen, wie es läuft mit der medialen Aufmerksamkeit und dass sich das auch ganz schnell wieder drehen kann. Da hätte ich auf jeden Fall die Umfelder hinter mir, das ist ganz wichtig. Die Situation ist ja nicht neu, es sind Vier. Aber wir haben mit Andrea eine tolle Nummer eins, die sagt, dass sie ganz froh ist, wenn auch die anderen Erfolg haben, damit sich nicht alles auf sie fokussiert.
Welchen Stellenwert hat denn neben dem Fed Cup London 2012?
Einen sehr großen. Das wird ein Riesenhighlight. Ich durfte bei den olympischen Spielen 1992 in Barcelona mitmachen, als Teamchefin hatte ich noch keine Spiele, da national niemand qualifiziert war. Es ist jetzt schon ein ganz aufgeregtes Thema unter den Mädels. Angie hatte Tränen in den Augen, als ich ihr sagte, dass sie mit dem Halbfinale von New York für London qualifiziert ist. Auch Jule schafft es hoffentlich noch, die Ausgangslage ist gut und die spielerische Stärke hat sie. Mit diesem Team nach London fahren zu können, ist schon etwas ganz Besonderes. Ich freue mich darauf, und es ist auch für mich als Teamchefin ein kleiner Traum, der sich da erfüllt - mit welcher Medaille auch immer wir dann hoffentlich nach Hause kommen.
Aufgezeichnet von Petra Philippsen; Foto: Jürgen Hasenkopf