Famose Kerber und 
peinliche Spielplanung: 
Die Tops und Flops 
der US Open 



Von Christian Albrecht Barschel

 

Die TOPS von den US Open

 

Angelique Kerber

 

Aus deutscher Sicht war natürlich das größte Highlight bei den US Open der Auftritt von Angelique Kerber. Eine deutsche Halbfinalistin in New York war nach den zuvor gezeigten Leistungen von Andrea Petkovic und Sabine Lisicki zwar keine Utopie, aber dass ausgerechnet das deutsche Sorgenkind Kerber diese Halbfinalistin geworden ist, muss einfach als ganz große Sensation bezeichnet werden. Ausgerechnet bei einem Grand-Slam-Turnier auf der ganz großen Bühne ist der Knoten bei der 23-Jährigen geplatzt. Kerber spielte ein furchtbares erstes Halbjahr und flog kurzfristig sogar aus den Top 100. Die Kielerin steht nach dem Halbfinaleinzug in der Weltrangliste mit Platz 34 so gut da wie noch nie und erntet die Früchte für ihre harte Arbeit, nachdem sie sich eine mehrwöchige Auszeit nahm und sich voll und ganz aufs Training konzentrierte. Es bleibt abzuwarten, ob der US-Open-Lauf die Initialzündung für die Karriere von Kerber gewesen ist oder ob es einmaliges Grand-Slam-Märchen für die Deutsche war.

 

Andrea Petkovic

 

Andrea Petkovic gehört zu den härtesten Spielerinnen auf der Damentour – vor allem sich selbst gegenüber. Angetrieben vom großen Traum, am Ende des Jahres beim Saisonfinale in Istanbul der besten acht Spielerinnen dabei zu sein, ignorierte sie die Warnungen ihrer Familie und ihres Umfeld, die US Open doch sausen zu lassen. Doch Petkovic blieb stur und wollte trotz eines Meniskuseinrisses im Knie unbedingt spielen. Ihre Hartnäckigkeit und Ausdauer wurden mit dem Viertelfinale belohnt, obwohl sie in der zweiten Runde bereits kurz vor dem Knockout stand. Ob es die richtige Entscheidung war bei den US Open zu spielen, werden die nächsten Wochen zeigen. Hält „Petkos“ Knie oder hat es Schäden durch den Einsatz davon getragen? Wenn sie sich für Istanbul qualifiziert und fit bleibt, haben sich alle Mühen gelohnt. Es ist aber noch ein langer Weg für Petkovic. Der einzige Kritikpunkt ist ihr Auftritt im Viertelfinale gegen Carloline Wozniacki. Auch in ihrem dritten Major -Viertelfinale verschlief Petkovic den ersten Satz und fand erst zu spät in das Match. Hoffen wir es, dass die Darmstädterin dem „deutschen Viertelfinalfluch“ bei den Grand-Slam-Turnieren nicht zum Opfer fällt.  Es bleibt aber noch genügend Zeit...

 

Philipp Petzschner

 

Die Doppelkonkurrenz geht leider immer so ein bisschen unter im ganzen Trubel um die Einzel-Endspiele, aber das, was Philipp Petzschner bei den US Open erreicht hat, ist wahrhaft ein historischer Erfolg. Gemeinsam mit Kumpel Jürgen Melzer schnappte sich der Deutsche den Doppeltitel  und wurde der erste deutsche Doppelsieger in New York seit 74 Jahren. Damals hatten Gottfried von Cramm und Henner Henkel das Turnier gewonnen. Erstaunlich ist auch, mit welcher Leichtigkeit Petzschner und Melzer das Finale für sich entschieden haben. Der Bayreuther hat eindrucksvoll bewiesen, dass er zu den besten Doppelspielern der Welt zählt und dass sein Wimbledonsieg im Vorjahr keine Eintagsfliege war. Ein Karriere-Grand-Slam im Doppel mit Jürgen Melzer scheint nicht ausgeschlossen für den hochtalentierten Petzschner, dem man wieder zurufen möchte: Warum schaffst du solche Leistungen nicht auch öfter im Einzel?

 

Tommy Haas

 

Das vierte deutsche Highlight bei den US Open aus deutscher Sicht war Tommy Haas. Pünktlich zu seinem erklärten Lieblingsturnier kam der 33-Jährige in Form und begeisterte die Zuschauer, die den Wahl-Amerikaner schon seit Jahren ins Herz geschlossen haben. Haas ist und bleibt ein exzellenter Wettkämpfer, der auch nach den größten Nackenschlägen nie aufgibt. Der Einzug in die dritte Runde war nach den vielen Niederlagen seit Comeback-Beginn eine Bestätigung für die harte Arbeit. Zwar hatte der Deutsche in den ersten beiden Runden keine wirklich hochkarätigen Gegner vor der Brust, aber solche Spiele müssen auch erst einmal gewonnen werden. Wären die Plätze in New York etwas schneller gewesen, hätte Haas sicherlich auch Juan Monaco geschlagen. Dann wäre es zu einer fetten Belohnung in Form eines Achtelfinals gegen Roger Federer in der Night Session gekommen.

 

Samantha Stosur

 

Natürlich muss die US-Open-Siegerin immer als Highlight bezeichnet werden. Aber dass diese am Ende Samantha Stosur heißt, kam dann doch sehr überraschend. Die Australierin hatte vor Turnierbeginn erst zwei Turniersiege auf dem Konto – für eine Top-10-Spielerin sogar etwas dürftig. Stosur gilt nicht als die mental stabilste Spielerin, aber in New York strafte sie den ganzen Kritikern Lügen. In der dritten Runde gegen Nadia Petrova spielte sie mit 3:16 Stunden das längste Damenmatch in der US-Open-Geschichte, vergab mehrere Matchbälle, um schließlich doch noch zu gewinnen. Im Achtelfinale konnte ihr auch der Verlust des Rekord-Tiebreaks (15:17 gegen Maria Kirilenko) nichts anhaben. Stosur blieb gelassen, zog ins Finale gegen Serena Williams ein, um dort das Match ihres Lebens zu spielen.. Die Australierin hatte ihre Lehren aus dem verlorenen French-Open-Finale 2010 gegen Francesca Schiavone gezogen, in das sie damals als Favoritin ging. Mit welcher Coolness Stosur die US-Amerikanerin im Finale teilweise vorführte, war schon beeindruckend. Und das unter diesen schwierigen Voraussetzungen: am zehnten Jahrestag des 11. Septembers in New  York, vor einem vollbesetzten Stadion, das unbedingt Serena Williams, die nach dem Breakball-Eklat vor Giftigkeit nur so sprühte, siegen sehen wollte. „Grand Sam“ hat sich ihren ersten Major-Titel redlich verdient.

 

„Big Four“ im Herrentennis

 

Es gibt die „Big Four“ im Herrentennis mit Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray, danach klafft eine große Lücke. Das wurde bei den US Open wieder sehr deutlich. Die ersten vier der Weltrangliste spielen in einer anderen Liga, der Rest ist Staffage. Wie schon bei den French Open standen die „Big Four“ gemeinsam im Halbfinale. Auch bei den Australian Open und in Wimbledon hätte es durchaus so kommen können. Doch in Melbourne verlor ein angeschlagener Nadal im Viertelfinale, in London verspielte Federer ebenfalls im Viertelfinale eine 2:0-Satzführung. Man fühlt sich ein wenig in die Zeit des Damentennis in den Achtzigern und Neunzigern zurückversetzt, als vor Turnierbeginn schon klar war, welche Spielerinnen das Halbfinale erreichen. Genauso läuft es derzeit bei diesen vier Herren, wo oft nur Nuancen über Sieg und Niederlage entscheiden. Derzeit sind Djokovic und Nadal noch etwas besser als Federer und Murray, aber das Blatt kann sich auch schnell wieder drehen. Eine Änderung bei den „Big Four“ ist derzeit nicht in Sicht. Es gibt zwar einige Anwärter, die in diesen elitären Kreis vordringen und ihn erweitern können, aber noch bleibt alles wie gehabt.

 

Die FLOPS von den US Open

 

Fehlendes Dach

 

Die USA werden häufig als die „einzige große Supermacht“ bezeichnet, die innovativ ist und sich dem Fortschritt nicht verweigert. Doch wer selbst schon einmal über den großen Teich gereist ist, weiß, dass es in den USA in manchen Punkten zugeht wie in einem Entwicklungsland. Auch die US Open bilden dabei keine Ausnahme. Auch im vierten Jahr in Folge haben die Veranstalter die Rechnung dafür kassiert, dass es der Arthur Ashe Arena an einem Dach fehlt. Acht Tage lang wurde das Turnier in New York vom Regen verschont, aber zwei fast komplett ausgefallene Tage ohne Tennis brachten die US Open in arge Zeitnot. Wie schon von 2008 bis 2010 konnte das Herren-Finale erst am Montag ausgetragen werden. Sicherlich haben die Veranstalter Pech, dass es die letzten Jahre immer in der zweiten Turnierwoche zu regnen anfängt. Dieser Verzug ist dann nicht so leicht aufzuholen wie in der ersten Woche. Aber mit einem Dach über der Arthur Ashe Arena wäre dieses Zeitproblem viel einfacher zu lösen gewesen.

 

Die Australian Open sind seit Jahren Vorreiter bei den Grand-Slam-Turnieren, haben über zwei Plätzen ein Dach. Das konservative Wimbledon hat 2009 nachgezogen und ist nun endlich „regenfrei“. Und der Court Central bei den French Open, die von großen Regengüssen meist verschont bleiben, wird 2016 ein Dach haben. Dabei müssten doch auch die übertragenden Fernsehsender ein Interesse haben, dass der Zeitplan bei den US Open reibungslos abläuft. Mit einem Herren-Finale am Montag lassen sich gewiss nicht so gute Quoten erzielen wie am Sonntag. Die Dachproblematik wird uns auch in den nächsten Jahren immer wieder beschäftigten, solange sich die Veranstalter entscheiden, eines zu bauen. Dabei würden schon kleine Dinge als Anfang helfen. Einfach bei Regenunterbrechungen eine Plane über die Plätze ziehen, um diese vor den Niederschlägen zu schützen. Dann bleiben auch die steinzeitlichen Methoden mit Handtuchwischen erspart und es kann sofort wieder losgehen, wenn es aufhört zu regnen. Aber die US Open bleiben lieber so wie sie sind: nämlich unfortschrittlich.

 

Spielplan/Spielansetzung

 

Ein Wort beschreibt den Spielplan bzw. die diesjährige Spielansetzung bei den US Open sehr gut: Farce! Was sich die Veranstalter dieses Jahr erlaubt haben, ist teilweise unterirdisch und nicht zu entschuldigen. Es gibt genug Beispiele, die hier aufgeführt werden könnten, wir beschränken uns aber nur auf einige. Nach dem ausgefallenen Dienstag in der zweiten Turnierwoche wollten die Veranstalter am Mittwoch unbedingt spielen – und nahmen dabei Risiken bei der Gesundheit der Spieler in Kauf. Obwohl sich Rafael Nadal, Andy Murray und Andy Roddick klar dagegen aussprachen, mit dem Spiel zu beginnen, wurden sie bei feuchten Verhältnissen auf die Plätze geschickt. Nach 15 Minuten mussten sie dann wieder runter und der Tag fiel komplett ins Wasser. Das Trio probte den Aufstand und machte sich seinem Ärger Luft.

 

Einen Tag später konnte Roddick sein Achtelfinale gegen David Ferrer nicht weiter fortsetzen, weil sich auf dem Platz im Louis Armstrong Stadium ein Haarriss an der Grundlinie bildete. Oberschiedsrichter Brian Early diskutierte mit den Spielern und wollte, dass auf dem Platz weiter gespielt wird. Doch der empörte Roddick verwies auf die immer noch nasse Stelle, was letztlich dazu führte, dass das Match auf Court 13 fortgesetzt werden musste. Court 13, der kein Showcourt ist, musste erstmal in aller Eile mit Fernsehkameras bestückt werden, um dem Medieninteresse gerecht zu werden. Aber es kam noch peinlicher. Das Viertelfinale zwischen Caroline Wozniacki und Andrea Petkovic, das ebenfalls für Louis Armstrong – übrigens konnte bis zum Turnierende dort nicht mehr gespielt werden - angesetzt war, wurde ebenfalls auf Platz 13 verlegt. Obwohl der drittgrößte Platz, der Grandstand, bei Spielbeginn frei gewesen wäre, musste Wozniacki vor ein paar Hundert Zuschauern auf Court 13 ran– eine Demütigung für die Nummer eins der Weltrangliste.

 

Zum Halbfinale der Damen, das am Samstag erst gespielt werden sollte, leisteten sich die Veranstalter dann die nächste Frechheit. Frühzeitig wurde bekanntgegeben, dass Samantha Stosur und Angelique Kerber ihr Match nur auf dem Grandstand spielen dürfen. Eine sehr unsensible Entscheidung von den Veranstaltern. Im Nachhinein wäre es aber eh so gekommen, dass Stosur und Kerber auf dem Grandstand gelandet wären, weil die Herren-Halbfinals zuvor sich extrem in die Länge gezogen haben. Trotzdem hätten die Veranstalter das Match zunächst auf den Centre Court ansetzen können und somit Fingerspitzengefühl bewiesen. Auch bei den Ansetzungen der Night Sessions wurde einige Male daneben gegriffen. So fanden die weitaus attraktiveren Spiele mit US-amerikanischer Beteiligung zwischen Serena Williams und Victoria Azarenka sowie Mardy Fish gegen Jo-Wilfried Tsonga in der Day Session statt. 

 

Philipp Kohlschreiber

 

Quo vadis, Philipp Kohlschreiber? Die Negativsserie des Augsburgers fand auch bei den US Open eine Fortsetzung – Erstrunden-Aus gegen Radek Stepanek. Die Grand-Slam-Saison von Kohlschreiber war einfach zum Vergessen. Nur bei den Australian Open konnte er die erste Runde überstehen. Das ist viel zu wenig für die hohen Ansprüche des 27-Jährigen. Das erklärte Ziel, erstmalig die Top 20 zu knacken, ist in sehr weite Ferne gerückt. Eine Besserung scheint irgendwie nicht so wirklich in Sicht. Es gibt zwar mit dem Triumph in Halle und Siegen gegen Robin Söderling sowie Andy Roddick zwar immer wieder Ausreißer nach oben, aber danach machen „Kohli“ immer wieder seine Formschwankungen zu schaffen.

 

Petra Kvitova

 

Zweite Monate ist es her, dass Petra Kvitova überraschend das Wimbledonturnier gewann. Die 21-jährige Tschechin war danach in aller Munde und wurde in ihrem Heimatland gefeiert. Aber dieser Erfolg bringt auch eine Menge Last mit sich. Kvitovas Beziehung zu dem 16-jährigen Junior Adam Pavlasek wurde in den Medien thematisiert. Die stille Tschechin ist durch den Wimbledonsieg noch mehr zu einer Person des öffentlichen Interesses geworden. Das hatte auch Auswirkungen auf ihre sportliche Leistung. Nachdem sie bei den Vorbereitungsturnieren in Toronto und Cincinnati von Andrea Petkovic jeweils im Achtelfinale vom Platz gefegt wurde, kam bei den US Open bereits das Aus in der ersten Runde gegen die Rumänin Alexandra Dulgheru. Kvitova bleibt aber eine Spielerin, die in den nächsten Jahren das Damentennis prägen kann. Die Erstrunden-Niederlage in New York könnte nur ein Ausrutscher gewesen sein.

 

Na Li

 

Ebenso wie bei Kvitova geht es auch bei Na Li seit ihrem Sieg bei den French Open bergab. Nachdem sie in Wimbledon bereits in der zweiten Runde ausgeschieden war, stolperte die Chinesin bei den US Open bereits in Runde eins über die Rumänin Simona Halep. Den Triumph in Paris verfolgten 116 Millionen Landsleute vor den Fernsehern. Na Li stieg zur Volksheldin auf, aber seitdem läuft nicht mehr viel zusammen. Nur bei einem Turnier (in New Haven) schaffte sie zwei Siege in Folge. Die Hoffnung auf baldige Besserung ist aber gegeben. Auch nach dem verlorenen Australian-Open-Finale Anfang des Jahres versank Na Li in ein Loch mit vier Erstrundenpleiten in Folge. Einige Zeit später zog sie aber als glückliche French-Open-Siegerin in den Tennis-Olymp ein.

 

Verletztenliste

 

Die US Open sind das härteste der vier Grand-Slam-Turniere. Das war auch in diesem Jahr für jeden sichtbar zu erkennen. Während des Turniers gab es einen traurigen Rekord zu verzeichnen. Insgesamt 17 Spiele konnten aufgrund von Verletzungen und Krankheiten nicht beendet bzw. gar nicht erst begonnen werden. Darunter sind prominente Spielerinnen wie Venus Williams, die ihre Zweitrundenpartie gegen Sabine Lisicki gar nicht erst spielen konnte, weil sie am Sjögren-Syndrom leidet. Tomas Berdych musste in der dritten Runde gegen Janko Tipsarevic wegen Schulterschmerzen aufgeben. Tipsarevic selbst warf dann im Viertelfinale gegen Novak Djokovic wegen Beinschmerzen vorzeitig das Handtuch. Andrea Petkovic ging mit einem Meniskus-Einriss im Knie ins Turnier und spielte ebenso unter Schmerzen wie Andy Roddick in seinem Viertelfinale gegen Rafael Nadal, der nach seinem Drittrunden-Sieg bei der Pressekonferenz einen „krampfbedingten Zusammenbruch“ erlebte. Viele Spieler und Spielerinnen wie Kim Clijsters, Robin Söderling, Milos Raonic und Sam Querrey konnten gar nicht erst zu den US Open antreten. Es wird höchste Zeit, etwas zu ändern. Die Hartplätze sind Gift für die Knochen der Spieler, vor allem wenn die Spieldauer bei den Matches weiter ansteigt. (Foto: GEPA pictures)

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