US Open: "Grand Sam" 
verdirbt patriotische 
Williams-Show 



Von Jörg Allmeroth

 

Als Samantha Stosur noch in den Katakomben des Arthur-Ashe-Stadions auf ihren Finaleinsatz wartete, konnte sie auf einem Fernseher verfolgen, wie unter tosendem Beifall der 20.000 Zuschauer ein überdimensionales Sternenbanner zeremoniell auf dem Centre Court enthüllt wurde. Ein paar Minuten später, die kurze Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge des 11. September 2001 war vorüber, marschierte die Australierin dann durch ein Spalier von fahnentragenden Marinesoldaten in die gewaltige Arena ein. Und als sie auf ihrem Stuhl Platz genommen hatte, erblickte sie rund um die Oberränge wie selbstverständlich überall die im Wind flatternden US-Flaggen.

 

Stosur stiehlt Williams die Show
 
Doch an einem Tag, an dem sich die 27-Jährige bloß wie die Statistin und Dekorationsfigur in einer patriotisch glühenden Tennis-Inszenierung der Amerikaner vorkommen musste, stahl sie der scheinbar schicksalhaft vorbestimmten Siegerin Serena Williams und der Heimnation frech den finalen Triumph. „Ich hatte einen meiner besten Tennistage genau zum richtigen Zeitpunkt“, sagte die Weltranglisten-Zehnte, die der jüngeren Williams-Schwester ein filmreifes Comeback nach langer Verletzungspause und schwerer Krankheit mit dem 6:2, 6:3-Sieg verdarb . Statt in ihrer herausfordernden Rolle unterzugehen, als einsame Kämpferin gegen Favoritin Serena und gegen ganz Amerika, spielte Stosur das Spiel ihres Lebens – es war eine einzige Demonstration von Willensstärke, Courage und Mut, die stattfand, als es in der fernen Heimat, am anderen Ende der Welt, schon Montagmorgen war.

 

Erste Hardcourt-Niederlage für Williams
 
„Die klar bessere Spielerin hat gewonnen, das ist die einfache Geschichte“, befand der ehemalige Superstar John McEnroe am Mikrofon von CBS. Der TV-Plauderer war freilich genau so wie die Fans in der größten Tennisarena der Welt bass erstaunt über die Realitäten dieses Spiels, das sich von der ersten bis zur letzten Minute nicht ans erwartete, erwünschte und erträumte amerikanische Drehbuch hielt – nämlich eine souveräne Rückkehr von Serena Williams auf den Königsthron im Big Apple. Die 13-malige Grand-Slam-Siegerin war im gesamten Hartplatzsommer in Nordamerika unbesiegt gewesen und hatte im Turnierverlauf keinen einzigen Satz abgegeben - bis eben zum Finalschock, der getrost als eine der größten Überraschungen in die Geschichtsbücher der Offenen Amerikanischen Tennis-Meisterschaften eingehen dürfte.

 

Samanthas Euqipment: Babolat Pure Storm Schläger und RPM Blast Saite. Der Sieg bei den US Open ist nicht nur der erste Grand-Slam-Titel von Stosur, sondern auch der erste australische Grand Slam Titel seit 1980. Ihr zu Ehren feiert Sponsor Babolat den Sonntag als "Sam's Day". Nice!

 

Williams-Eklat im zweiten Satz
 
In der ebenso erdrückenden wie sensationellen Dominanz der Australierin blieb selbst ein neuerlich denkwürdiger Ausraster von Williams ohne sportliche Relevanz. Im ersten Spiel des zweiten Satzes hatte die Amerikanerin bei 30:40-Rückstand eine krachende Vorhand ins Feld von Stosur geschickt, den Schlag aber mit einem wilden „Come on“-Schrei begleitet, und zwar noch bevor ihre Gegnerin ihr Racket an den Ball bekam. Stuhlschiedsrichterin Eva Asderaki (Griechenland) wertete das, streng regelkonform, als Behinderung und sprach Stosur den Punkt zu – mit der Folge einer 1:0-Führung der Australierin. Außer sich vor Wut, attackierte Williams die Griechin minutenlang mit immer neuen Tiraden, sprach davon, „dass wir hier, soweit ich mich erinnere, in Amerika sind – und hier darf man seine Meinung sagen." Dann warnte sie die Unparteiische: „Wenn wir uns das nächste Mal auf dem Flur begegnen, dann schau mich bloß nicht an.“ Schließlich sagte sie noch: „Du bist eine Hasserin. Und du bist unattraktiv in dir drin.“ Schließlich kassierte Williams eine Verwarnung wegen der Beleidigungen.

 

Grand-Slam-Sperre für Serena?
 
Der Zwischenfall weckte umgehend Erinnerungen an den Eklat, bei dem Williams vor zwei Jahren im Halbfinale gegen Kim Clijsters faktisch disqualifiziert worden war, damals hatte sie einer Linienrichterin nach deren Fußfehler-Verdikt entgegengeschleudert: „Ich werde dir einen dieser verdammten Bälle in den Hals stecken, das schwöre ich.“ Später bekam sie dafür eine 80.000-Dollar-Geldstrafe aufgebrummt und eine zweijährige Bewährungszeit, in der sie sich keine weiteren „schweren“ strafwürdigen Aktionen mehr leisten durfte. Da die Frist erst bei den US Open ablief, könnte Williams nun sogar eine Grand-Slam-Sperre drohen, darüber entscheidet allerdings das Grand-Slam-Komitee des Weltverbands ITF.

 

"War wie im Rausch unterwegs"
 
Für ein paar Minuten schien der heilige Zorn an diesem Finaltag die sportlichen Lebensgeister der kapriziösen Amerikanerin geweckt zu haben, die bis dahin müde, matt und malade im Schlaggewitter von Stosur über den Platz geschlichen war. Williams glich zum 1:1 aus, ging 2:1 in Führung, die Menge tobte, das Match schien zu kippen. Aber die Australierin, die in dem Tumult vorübergehend ihre klare strategische Linie verloren hatte, fand schnell zu der siegbringenden Dynamik und Aggressivität des ersten Satzes zurück – ganz cool, ganz unaufgeregt: „Ich war wie im Rausch unterwegs. Alles, was ich mir vorgenommen hatte, funktionierte perfekt.“

 

Beistand für Stosur
 
Es war keineswegs so, dass Stosur nicht schon vor diesem Finale für bemerkenswerte Schlagzeilen in New York gesorgt hätte. In der dritten Runde gewann sie das längste Damenmatch der US-Open-Geschichte nach drei Stunden und 16 Minuten gegen die Russin Nadia Petrova, im Achtelfinale war sie am längsten Tiebreak der Frauen hier in New York beteiligt, sie verlor ihn 15:17 im zweiten Satz gegen die Russin Maria Kirilenko, siegte dann aber im dritten Akt. Stosurs Sieg war letztlich eine erfrischende Schlusspointe dieses Turniers, schließlich gehört die muskulöse Australierin nicht zu der Gattung der harten, seelenlosen Grundlinienspielerinnen, die im modernen Tennis überwiegend die Plätze bevölkern. Die daheim rasch als „Grand Sam“ (Herald Sun) gefeierte Championesse spielt Tennis nicht mit roboterhaftem Drill, sondern mit viel Köpfchen, gutem Auge und feiner Hand. Manchmal hilft auch noch ein wenig höherer Beistand: Vor wichtigen Spielen Stosurs zündet die australische Grand-Slam-Rekordsiegerin Margaret Court-Smith (24 Titel) daheim in Perth stets eine Kerze in der Kirche an. Sie ist inzwischen Laienpredigerin. (Foto: GEPA pictures)

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