
Von Jörg Allmeroth aus London
Die Tenniswelt hat eine neue Nummer eins. Doch ob auch das größte und bedeutendste Tennisturnier der Welt einen neuen Champion hat, das wird sich erst am Sonntagmittag zeigen - im spannungsgeladenen Endspiel-Showdown in Wimbledon zwischen Novak Djokovic, dem jüngsten Frontmann des Wanderzirkus, und dem vom Gipfel gestürzten Rafael Nadal, dem Titelverteidiger im Grand-Slam-Tempel.
„Das Warten hört wohl nie auf“
Nach einem ebenso turbulenten wie hochklassigen Halbfinaltag in London SW 19 gingen der 24-jährige Serbe und der 25-jährige Spanier, der „Djoker“ und der Matador, jedenfalls in veränderter Marschordnung auf den heiligen Centre-Court-Grund des All England Club – zum letzten Tennisduell für Zwei bei dieser 125. Turnierauflage: Djokovic, bis zum Freitag die Nummer zwei, rückte durch seinen 7:6 (7:4), 6:2, 6:7 (9:11), 6:3-Sieg über Tennis-Ali Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich) auf die Spitzenposition vor und erreichte am „bewegendsten Tag“ seiner Karriere auch gleichzeitig erstmals das Endspiel auf der Londoner Grün-Anlage.
Nadal, von Platz eins geschubst, zerstörte im zweiten Halbfinale wieder einmal den Traum der Gastgebernation auf einen eigenen Titel-Helden: Mit dem 5:7, 6:2, 6:2, 6:4 des Mallorquiners über Lokalmatador Andy Murray blieb weiter Fred Perry (1936) als letzter britischer Champion in den Turnierannalen verewigt. „Das Warten hört wohl nie auf“, sagte BBC-Kommentator Tim Henman, der Mann, der in seinen Profizeiten genau so wie nun Murray die ersten drei Halbfinalmatches in Wimbledon allesamt verloren hatte - traurige Rekordmarke allemal.
Becker: „Djokovic steht verdient oben“
Der Mann und Mitarbeiter des zwölften Turniertages war allerdings nicht Nadal, sondern sein Herausforderer Djokovic – der neue Leitwolf des Wanderzirkus, der dafür sorgte, dass erstmals seit dem 2. Februar 2004 die Nummer eins nicht mehr Federer und Nadal hieß. Als erster Spieler überhaupt hatte der hochbegabte Belgrader den beiden Titanen entschlossen den Kampf angesagt und sie dann auch aus der Wohlfühlzone eines ausschließlichen Zweikampfs um die Macht gedrängt: „Dass ich mich einmal gegen diese beiden Superspieler durchsetzen und ganz nach oben stürmen kann, war ein Wunsch, ein Traum, eine Vision. Aber in der Realität war es härteste Arbeit über viele, viele Jahre“, sagte Djokovic, der nach seinem Sieg über Tsonga ergriffen zu Boden sank und im Rausch des Glücks das Centre-Court-Gras küßte.
Einfach „sehr speziell und überwältigend“ sei es, zwei Lebensziele in einem Doppelschlag zu vollenden: „Ich wollte wenigstens einmal die Nummer eins sein und einmal das Endspiel in Wimbledon erreichen“, sagte Djokovic, „als kleiner Junge war es das Turnier, das mich in seinen Bann zog.“ Auch gegen Tsonga, beim 47. Sieg im 48. Saisonspiel, zeigte Djokovic mit einer eiskalt-souveränen Vorstellung, wie sehr er an Format und Durchsetzungskraft in den letzten Monaten einer grandiosen Erfolgsserie gewonnen hat. „Er hat es hundertprozentig, ohne jede Abstriche, verdient, da oben zu stehen“, sagte Altmeister Boris Becker.
Alle vier Saisonduelle an Djokovic, aber auch in Wimbledon?
Murray hatte seinen hartnäckigen Spiel- und Spaßverderber Nadal knapp anderthalb Halbfinal-Sätze lang so sicher wie zuvor im Griff, dominierte das „Thriller-Match des Jahres“ (The Mirror) bis zum 7:5, 2:1 mit seinem kunstvoll abwechslungsreichen Spiel. Doch ein einziger leichtfertig verschlagener Ball, der statt zweier Breakchancen zum 30:30 und später auch zum 2:2-Gleichstand führte, drehte auf irritierende Weise das komplette Match. „Nadal hat die erste hauchdünne Chance genutzt, zugepackt wie ein Raubtier“, sagte Experte John McEnroe später. Fortan, ab der 75. Matchminute, begann ein ganz neues, ein anderes Spiel, in dem Murray nicht mehr der Treiber war, sondern der Getriebene seines unbarmherzigen Rivalen, des wohl besten Wettkämpfers, den das Tennis je hatte. Jeweils 6:2 gingen die Sätze zwei und drei an Nadal, der dann auch im vierten Akt alle Comebackanstrengungen Murrays zunichte machte.
Djokovic hat 2011 vier Finals gewonnen gegen Nadal, allesamt auf Masters-Niveau, in Indian Wells, Miami, Madrid und Rom. Doch was heißt das schon für Wimbledon, für das Rasenreich, in dem sich Nadal zuletzt als ähnlich brutaler Herrscher wie einst Federer etablierte. (Foto: GEPA pictures)