Lisicki: "Jetzt ruhe 
ich mich aus und 
genieße, was war" 



Von Jörg Allmeroth, London

Echte Royals, Spitzenpolitiker und Tennis-Hoheiten aus der Vergangenheit hatten in den letzten 13 Tagen das exklusivste Fleckchen von ganz Wimbledon betreten. Doch als sich am Samstagabend das erstaunliche Grand Slam-Abenteuer von Sabine Lisicki unwiderruflich dem Ende zuneigte, da stand auch sie, die zur „BoomBoomBine“ ausgerufene Berlinerin, in der Königlichen Box des Centre Court. Und so wie Philipp Petzschner, der deutsche Doppelsieger des Vorjahres, fand die 21-jährige Powerfrau den Abstecher auf heiligstes Terrain des All England Club "einfach nur wunderschön": „Dort spürt man em ehesten, wie außergewöhnlich Wimbledon ist. Und dort hat man auch den besten Blick auf diesen Platz“, sagte Lisicki, keineswegs verdrossen nach der 3:6, 1:6-Finalniederlage im Pärchenspiel mit ihrer australischen Kollegin Samantha Stosur gegen die neuen Wimbledon-Champions Kveta Peschke/Katarina Srebotnik (Tschechien/Slowenien).

Jetzt ist Nichtstun angesagt

Der kleine Silberteller, den ihr der Herzog von Kent bei den offiziellen Zeremonie überreichte, ist für Lisicki alias "Doris Becker" (The Sun) nun auch handfeste und bleibende Erinnerung an diese 125. Offenen Englischen Meisterschaften, bei denen sie ihren langen Comebackweg aus tiefem Verletzungselend krönte und sich beim herausragendsten Tennisturnier des Jahres als Versprechen für die Zukunft präsentierte. "Ich bin überzeugt: Sabine wird hier für viele, viele Jahre um den Titel mitspielen", sagte Britanniens letzte Wimbledonsiegerin Virginia Wade, als am Sonntag in der BBC von einer Expertinnenrunde die neue Hierarchie im Damentennis analysiert wurde. Lindsay Davenport, 1999 Königin im All England Club, gab dabei zu Protokoll, dass Lisicki durchaus fähig sei, der Tschechin Petra Kvitova in den Siegerspuren zu folgen: "2011 war noch zu früh für Sabine. Aber sie wird stärker und erfahrener zurückkommen“, sagte die Amerikanerin. Kvitova hatte das Turnier 2010 als Nummer 62 der Setzliste (so wie Lisicki 2011) begonnen und war dann im Halbfinale gescheitert (so wie Lisicki 2011).

An Tennis wollte die bis zum Samstag noch äusserst tatendurstige Berlinerin nach dem turbulenten Grand Slam-Geschehen im Einzel und Doppel, nach Regentagen und Wartepausen, nach abgewehrten Matchbällen früh im Turnier und erstem Major-Halbfinale aber erst einmal "gar nicht mehr denken": „Jetzt fliegt der Schläger in die Ecke, jetzt ruhe ich mich aus und genieße, was war", sagte die 21-jährige, "der Akku ist ja irgendwann auch mal leer." Daheim, in der Hauptstadt, war nichts als Nichtstun geplant, ein Wiedersehen mit dem Rest der Familie und Freunden und natürlich auch Hündchen "Happy": "Der hat mich sicher sehr vermisst." Statt beim österreichischen Sandplatzwettbewerb in Bad Gastein will Lisicki auch erst wieder in Stanford ab dem 25. Juli auf den Hardcourt marschieren, dann schon mit klarem Fokus auf die US Open in New York.

"Slamming Sabine" genießt es, im Mittelpunkt zu stehen

Sie wird dort – das ist sicher – zu den 32 gesetzten Spielerinnen des letzten Grand Slam-Turniers der Saison gehören. Und weil sie auch im weiteren Jahresverlauf keinerlei dicke Punktpakete zu verteidigen hat in der höheren Rechenkunst der Rangliste, ist ein Aufstieg sogar bis knapp an die Top Ten durchaus möglich. "Wir setzen uns aber überhaupt nicht unter Druck, setzen auf kontinuierlichen Fortschritt", sagte Trainervater Richard Lisicki, "diese Zahlenspiele sind nebensächlich." Er selbst, der promovierte Sportwissenschaftler, und seine Künstler-Ehefrau Elisabeth konnten am Samstagabend die Tränen nicht zurückhalten, als sie stolz ihre Tochter in der Royal Box erblickten – es war sozusagen auch ein familäres Happy-End nach vielen Jahren der Unsicherheit und der finanziellen Entbehrungen, in denen die Eltern alles für die Karriere der Tochter opferten. "Man darf nicht vergessen, welche Arbeit, welcher Willen von allen Lisickis hinter diesem strahlenden Moment nun in Wimbledon steckt", sagte Fed Cup-Teamchefin Barbara Rittner, "ich finde das einfach imponierend."

Mehr noch als zuvor ihre Fed Cup-Kolleginnen Petkovic und Görges wird Lisicki in nächster Zeit im Medientrubel stehen, Termine für Sponsoren und für die PR-Truppe der Spielerinnengewerkschaft WTA absolvieren müssen. Unerkannt und unbeobachtet wird sie nicht mehr bleiben, die "Hammermäßige Sabine" (Slamming Sabine) von Wimbledon, aber wenn eine keine Angst vorm Rampenlicht und gesteigerter Nachfrage hat, dann sie: "Im Mittelpunkt zu stehen, machte mir noch was aus. Im Gegenteil." (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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