"Schockierend selbstbewusst": 
Die neue Wimbledon-Königin 
Petra Kvitova 



Von Jörg Allmeroth, London

Im Studio der BBC verschlug es Starmoderatorin Sue Barker am Samstagnachmittag beinahe die Sprache. Gerade hatte die ehemalige Weltklassespielerin die neue Wimbledon-Königin Petra Kvitova nach den Plänen für eine rauschende Siegerparty mit der Familie gefragt, da returnierte die Championesse gelassen: "Meine Eltern und meine Brüder fliegen heute abend schon wieder heim. Die Tickets waren so gebucht." Als Kvitova, die souveräne 6:4, 6:3-Bezwingerin von Topfavoritin Maria Sharapova, dann kurz die Fassungslosigkeit der Fernsehfrau erspähte, setzte sie hinterher: "Wir sind halt sparsame Leute."

Navratilova und Novotna gratulieren

Der amüsante Dialog war der überraschende Schlusspunkt eines Tages, an dem sich die 21-jährige Tschechin mit verblüffender nervlicher Kühle, harten Punchs und spielerischer Reife jenseits ihres Alters als potenzielle Führungskraft des weltweiten Damentennis avisierte. "Sie ist keine Zufallsgewinnerin, kein Ein-Sieg-Wunder", sagte die große alte Dame Martina Navratilova, das Kinder- und Jugendidol Kvitovas, "sie hat das Zeug, die Architektur in diesem Sport zu verändern."

Vier Monate vor Navratilovas letztem von neun Wimbledonsiegen war Kvitova 1990 in Bilovec geboren worden, am Samstag lagen sich die beiden im Spielerzentrum des All England Club gerührt in den Armen: "Ich musste nur noch heulen. Das hat mich alles total überwältigt", sagte Kvitova. Auch Jana Novotna, die tränenreiche Siegerin von 1998, stieß schnell zu der Feiergesellschaft hinzu, ihren Sieg hatte Kvitova auf einer großen Leinwand in ihrer Heimatstadt Fulnek verfolgt.

Das erste Finale gleich gewonnen

Drei 21-jährige Spielerinnen hatten das Halbfinale dieses verrückten Damentennis-Wettbewerbs erreicht, Kvitova, Viktoria Azarenka und Sabine Lisicki, doch die Powerfrau aus deutscher Nachbarschaft war die beste, abgeklärteste und zupackendste aus dem Trio künftiger Topstars. "Schockierend selbstbewusst" sei der Auftritt Kvitovas gewesen, befand Amerikas Tennislegende Billie Jean King, "wer als Finalneuling so entschlossen und kühl spielt, ist gerade erst am Anfang einer großen Karriere."

Gleich das erste Wimbledon-Endspiel ihrer Laufbahn zu gewinnen, hatten ja weder Kvitovas Heldin Navratilova noch deren alte Rivalin Chris Evert oder auch Steffi Graf geschafft. Ihr Erfolgsrezept, Frau Kvitova? "Ich spielte einfach Punkt für Punkt – und wurde überhaupt nicht nervös, obwohl ich selbst dachte, ich müsste irgendwann mal Schmetterlinge im Bauch haben." Ganz am Ende kam Scharapowa, die aus allen Titelträumen gestürzte "Sirene von Wimbledon", gar nicht mehr an den Ball und zu einem möglichen Comeback: Bei Matchball servierte die Tschechin kurzum ein krachendes Ass und bescherte ihren Festspielen im All England Club ein perfektes Ende.

Lehrer-Karriere verhindert - zum Glück


Für eine Laufbahn und ein Leben im Tenniszirkus hatte sich „Power-Petra“ (News of the World) erst spät in ihren Teenagerjahren entschieden, eigentlich sollte die Lehrerstochter den beruflichen Spuren ihrer Eltern folgen. "Dann hatte ich plötzlich so viel Erfolg bei tschechischen und internationalen Jugendturnieren, dass wir alle in der Familie sagten: Okay, dieses Talent darf man nicht verschenken."

Seit sie dann 2006 auf der Tour auftauchte, die kompakte, 183 Zentimeter große Tschechin, wurde immer wieder geflüstert, dass sie der nächste und neueste Star aus dem kleinen Land der vielen Tennisgrößen werden könnte. 2010 rauschte sie als Nummer 62 der Setzliste ins Halbfinale von Wimbledon, hinterließ bleibende Eindrücke und wurde zur Newcomerin der Saison gewählt von den Berufskolleginnen. 2011 nun war sie reif für den großen Coup, für den erst dritten Sieg einer Linkshänderin in 125 Jahren der Offenen Englischen Meisterschaften.

Kaum fünf Minuten Minuten nach dem Triumph, als sie draußen auf dem Centre Court noch glückstrunken den Siegerpokal in die Höhe hielt, war ihr Name bereits im Clubhaus in die Galerie der Gewinner eingraviert. Als Kvitova es es dann später mit eigenen Augen sah, überkam sie noch einmal die große Rührung: "Das wird da auch noch in 100 Jahren stehen. Wahnsinn." (Foto: GEPA pictures / Alan Grieves)

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