
Von Jörg Allmeroth
Wenn sich Benjamin Becker in diesen Tagen über den Khalifa Sports Complex bewegt, in Katars boomender Hauptstadt Doha, dann bricht nicht gerade Aufregung aus unter den Tennisfreunden. Der deutsche Profi mit dem einprägsamen Tennisnamen spielt eher eine bescheidene Nebenrolle beim Millionengipfel am Golf, bei dem nicht zuletzt die Herren Rafael Nadal und Roger Federer auf dem Centre Court zum Duell bitten. Doch der zweite deutsche Tennis-Becker bietet eine bemerkenswerte Geschichte, und sein Erstrunden-Sieg über den aus Sibirien stammenden Igor Kunitsyn am Montag war vielleicht schon der ungewöhnlichste Sieg bei diesem gesamten Turnierspektakel - ein symbolbeladener Sieg der Beharrungskraft und ungebrochenen Moral eines Mannes, der eigentlich schon fast in den Ruhestand getreten wäre. „Das ist ein großer, ein sehr wichtiger Moment für mich“, sagte Becker nach dem Erfolgserlebnis, das er nach einer fatalen Verletzungsserie und einem Absturz bis auf Platz 304 der Weltrangliste gefeiert hatte.
Becker schickt Agassi in Rente
Fast hätten ihn sogar schon die Tennis-Insider vergessen, den Berufsspieler, der einst mit der Gnade einer Namensähnlichkeit und etwas Losglück zu erstaunlicher Berühmtheit gelangt war. Benjamin Becker, 30, aus Orscholz im Saarland, war es ja, der vor fünfeinhalb Jahren auf der schillernden US-Open-Bühne den Elder Statesmen der Branche aufs Altenteil verabschiedet hatte, den in der dritten Turnierrunde besiegten Großmeister Andre Agassi. „Der Kerl, der Bambi erschoss“, nannte ihn daraufhin Topmann Andy Roddick im Scherz. Becker machte fortan aber nicht nur Schlagzeilen wegen berühmter Gegner und wegen des Namens auf der Anzeigetafel, bei dessen Anblick man immer ein seltsames Gefühl hatte: B.Becker. 2007 rückte der Saarländer bis auf Platz 38 der Weltrangliste auf, er gehörte damals zum Davis-Cup-Team, und ganz nebenbei war der hellwache Deutsche auch mit seinem Toureinstieg über ein College-Studium in den USA ein Modellfall für viele jüngere Landsleute.
Die Frage, warum ein Auftaktsieg im Golf-Emirat Katar zu Beginn der Saison 2012 nun so hohe Bedeutung und Substanz für Becker erlangen konnte, beantwortet sich beim Blick auf das Arbeitszeugnis und den aktuellen Weltranglistenplatz des Profis (Platz 304) beinahe wie von selbst. Becker gehört zur immer größer werdenden Gruppe von Spielern, die sich in der Tour-Tretmühle mit hartnäckigen Verletzungen herumplagen, gerade in den späten Jahren ihrer Karrieren. Gleich zwei Mal ist Becker im letzten Jahr am Ellenbogen operiert worden, und vorübergehend dachte er ziemlich ernsthaft darüber nach, mit dem Kampf um Ranglistenpunkte und der Herumreiserei Schluss zu machen. „Irgendwann wird man mürbe. Und stellt sich die Frage, ob der Ertrag noch den ganzen Aufwand lohnt.“
Verletzungsprobleme schon 2008
Becker ist freilich ein harter Bursche, der schon in den ersten schweren Jahren seiner Laufbahn das Kämpfen gelernt hat. „So leicht“ schmeiße den Benni Becker nichts um, hat einmal Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen gesagt, vor dem unbeugsamen Saarländer haben sie alle in der deutschen Tennisgemeinde ihren Respekt. 2008 hatte der nun 30-jährige schon einmal eine längere Verletzungspause wegen der Probleme im rechten Schlagarm überstehen müssen, da biss er eisern die Zähne zusammen und spielte, wenn die Schmerzen kamen, eben einen nicht so kraftintensiven Slice-Ball. Er tat es ganz einfach, weil er nicht den Anschluss an die Weltspitze verpassen wollte: „Die Probleme wurden sicher nicht kleiner“, sagt er, „aber man hat nichts anderes im Kopf, als Punkte zu sammeln.“
So leicht konnte er 2011 aber nicht mehr über die Alarmsignale des streikenden Körpers hinwegsehen und -spielen: Im Frühjahr legte er einen ersten Zwischenstopp ein, als der Ellbogen „so richtig weh tat“. Becker glaubte, dass er spätestens zum Grand-Slam-Turnier in Paris wieder fit sein würde, doch stattdessen lag er Ende Juni zum ersten Mal auf dem OP-Tisch. Die Schmerzen aber blieben, selbst nachdem die vermeintliche Ursache der Malaise behoben war, ein Knorpelschaden im Ellbogen. In den USA, seiner Wahlheimat, ließ sich Becker dann noch einmal untersuchen, diagnostiziert wurde nun ein Knochenspalt. Eine zweite OP und eine weitere Zwangspause folgten, Becker konnte fast Woche für Woche frustriert sehen, wie er in der Hackordnung der Profis immer weiter abrutschte und bald jenseits der Top 250 stand.
Protected Ranking erleichtert Einstieg
Als er nun in Doha zum Erstrundenmatch gegen Kunitsyn auf den Court marschierte, hatte er neun Monate Fehlzeit im großen Wanderzirkus angehäuft – eine kleine Ewigkeit in der dynamisch voranschreitenden Szenerie des modernen Herrentennis. Becker, der Zweite, will aber trotzdem noch einmal den großen Neustart und das Comeback wagen, zunächst hilft ihm dabei eine Sonderregelung der Spielergewerkschaft ATP, die Langzeitverletzten den Wiedereinstieg erleichtern soll. Mit dem sogenannten „Protected Ranking“, einem gemittelten Ranglistenwert aus der Zeit vor der Pause, kann der Saarländer sogar bei den Australian Open an den Start gehen. „Ich will noch einmal zurück in die Top 100. Und ich bin sicher, dass ich es schaffen werde“, sagt Becker. (Foto: GEPA pictures)
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