
Von Jörg Allmeroth aus Melbourne
Serena Williams kann nicht anders als anders zu sein. Und so setzt die kalifornische Wuchtbrumme auch in ihrer jüngsten Verletzungsmisere zuallererst auf „meine inneren Kräfte“ und auf die „Kraft meines Gottes Jehova“, um eine mittelschwere Knöchelverstauchung zu überwinden. Die erfolgreichste aktive Tennisspielerin der Branche, gesegnet mit immerhin 13 Grand-Slam-Titeln, gehört zum vielköpfigen und teils höchst prominenten Profitrupp, der schon vor den Australian Open das Lazarett des Wanderzirkus bevölkert.
Wohin man auch blickt vor den ersten Ballwechseln in der Rod-Laver-Arena zu Melbourne, drängt sich der Eindruck einer ziemlich angeschlagenen Tourneemannschaft auf – mit Stars, die ihre Wehwehchen aus der Vorsaison noch nicht auskuriert haben und in einer viel zu kurzen Winterpause nicht ausreichend Atem holen konnten. „Wen soll man überhaupt anfeuern in den nächsten beiden Wochen? Viele Topleute kränkeln, sind nicht in Form“, befand der lokale „Herald Sun“ bereits in einem Alarmruf vor dem ersten wichtigen Tennisspektakel der Saison.
Clijsters und Serena angeschlagen
Vom „Happy Slam“ in sonniger Ferienidylle, einst auch von Roger Federer gern und oft beschworen, ist die Stimmungslage im empfindlich kühlen Melbourne jedenfalls weit entfernt. Schon zu Wochenbeginn hatte die frühere Australian-Open-Siegerin Venus Williams ihre Demission für die Festspiele down under eingereicht: Noch immer laboriert die einstige Nummer eins unter den Folgen ihrer schweren Autoimmunerkrankung (Sjögren-Sydrom), viele in der Szene halten ein Comeback sogar für ganz ausgeschlossen. Erhebliches Aufsehen erregte später auch Andrea Petkovics Rückzug aus dem Turnier, Christopher Clarey, der Korrespondent der „New York Times“, twitterte von einem „Schlag gegen das Damentennis und den Charisma-Faktor“ bei den Australian Open. Auch Kroatiens Spitzenmann Marin Cilic bereicherte inzwischen die Absagen-Liste, ein Mann, der einmal als Geheimfavorit auf Grand-Slam-Titel auch in Melbourne gegolten hatte.
Turnierdirektor Craig Tiley kann nur hoffen und bangen, dass ihm weiteres Ungemach vorerst erspart bleibt, sprich: noch vor den ersten Ballwechseln des ersten Grand-Slam-Turniers der Saison. Weitere Sorgenfälle drängten sich in der kurzen Einspielzeit für den Melbourne-Wettbewerb geradezu auf: Kim Clijsters, die Titelverteidigerin, gab in Brisbane wegen einer Hüftverletzung auf und muss nun zittern, dass ihr Grand-Slam-Comeback nach mehreren Monaten Spielpause halbwegs ordentlich über die Bühne geht. Als Siegkandidatin gilt die flämische Mutter Courage nun nicht mehr, die Spielerin, der in Australien traditionell die Sympathien zufliegen wie sonst nur den einheimischen Akteuren. Auch für Serena Williams, die Championesse der Jahre 2009 und 2010, verlief die Vorbereitung voll gegen alle Planungen: Die seit dem verlorenen US-Open-Finale nicht mehr im Einsatz gewesene US-Amerikanerin knickte in Brisbane im Spiel gegen die Serbin Jovanovski so schwer um, dass sie ihre weiteres Turnierengagement absagen musste. In Melbourne wirkte sie zwar bei den ersten Trainingseinheiten wieder recht agil, aber an einen neuerlichen Titelcoup mag die Exzentrikerin derzeit nicht denken: „Das wäre vermessen. Ich bin froh, wenn ich das Turnier problemlos beginnen kann.“
Ist ein frühes Grand-Slam-Turnier sinnvoll?
Auch um die führenden Kräfte im Herrentennis rankten sich Spekulationen und Gerüchte – kein Wunder bei der kurzen Erholungszeit, die dem Trio der außergewöhnlichen Gentlemen zur Verfügung stand, den Meisterartisten Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer. Der Schweizer Maestro, mit 30 Jahren der älteste der Grand-Slam-Pokalanwärter, musste gar im laufenden Turnier von Doha einen seltenen Rückzug wegen erheblicher Rückenschmerzen mitteilen. „Tag für Tag“ sei es nun in Melbourne gesundheitlich aufwärts gegangen, befand Federer, doch die Fragezeichen um seine Form und Verfassung konnte er damit nicht ausradieren. Seinen Konkurrenten Djokovic und Nadal, die massiv in der Debatte um den zu vollen Tennis-Terminkalender vorgeprescht waren, ging es gesundheitlich auch nicht wesentlich besser - beide klagten nach der gedrängten Vorbereitungszeit und Hetzjagd über Schulterprobleme. Bitterer Ernst schien das jedenfalls eher zu sein als ein Täuschungsmanöver für die lauernde Konkurrenz. Noch am fittesten wirkte da allemal der Schotte Andy Murray zu sein – in der verqueren Logik der Tour indes auch keine echte Überraschung: Schließlich hatte der Weltranglisten-Vierte wegen seiner Zwangspause bei der letztjährigen WM jetzt die längste Ruhezeit für Melbourne gehabt.
Der hohe Pegel der Krankenstandsmeldungen befeuerte in jedem Fall die alten Debatten in der Tenniswelt: Um den Sinn oder Unsinn eines Grand-Slam-Turniers, das gleich zu Beginn der neuen Saison den Nomaden die absoluten Höchstleistungen und eine knüppelharte Vorbereitung abverlangt. Und um die viel zu kurze Winterpause, die für Spitzenkönner wie Nadal nur ein klitzekleines Päuschen von drei Tagen war – nach dem gewonnenen Davis-Cup-Finale in Sevilla. (Foto: GEPA pictures)
Berliner