Sensationen in Melbourne: 
Die größten Favoritenstürze 
bei den Australian Open 



Von Christian Albrecht Barschel

 

Die Australian Open sind das bunteste und fröhlichste aller vier Grand-Slam-Turniere. In der Gluthitze von Melbourne feiern die Fans aller Nationen jedes Jahr eine Tennisparty und sorgen für eine unvergleichliche Atmosphäre. Scheuten früher noch einige Topstars die weite Anreise nach Australien, so zählt das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres heute bei allen Spielern zum Pflichtprogramm.

 

In der Vergangenheit gab es immer wieder faustdicke Überraschungen und Sensationen auf der Anlage im Melbourne Park. Große Favoriten kamen ins Straucheln und sind letztendlich auch gefallen. Sicherlich wird es auch in diesem Jahr zu einigen Überraschungen kommen. tennisnet.com blickt auf einige große Sensationen in der Geschichte der Australian Open zurück.

 

Marlene Weingärtner – Jennifer Capriati 2:6, 7:6 (6), 6:4 – 1. Runde 2003

 

Marlene Weingärtner war die große deutsche Damenhoffnung, nachdem Steffi Graf und Anke Huber ihre Karriere beendet hatten. Der Heidelbergerin traute man nach den Junioren-Endspielen bei den Australian Open, French Open und US Open eine großartige Karriere zu. Sie wohnte jahrelang im Leimener Elternhaus von Boris Becker und schlug bei den Juniorinnen sogar Serena Williams. Doch so richtig ins Rollen kam Weingärtner nie. Bis zu den Australian Open 2003 war der Achtelfinaleinzug in Melbourne ein Jahr zuvor der größte Erfolg für die Deutsche. Beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres musste Weingärtner dann auch noch ausgerechnet gegen die zweifache Titelverteidigerin Jennifer Capriati antreten.

 

Für die US-Amerikanerin, die sich in den Neunzigern bereits mit 14 Jahren in der Weltspitze etabliert hatte, waren die Australian Open ihre Wiedergeburt. „Jenny Baby“, wie das Wunderkind genannt wurde, verkraftete den frühen Ruhm nicht, wurde beim Ladendiebstahl erwischt und wegen Marihuana-Besitz verhaftet. Down Under in Melbourne nahm ihre „zweite Karriere“ dann Fahrt auf. 2001 und 2002 gewann sie den Titel. Auch 2003 galt sie als Nummer drei der Weltrangliste als Titelfavoritin. Das Match verlief zunächst wie erwartet und nach Wunsch der Titelverteidigerin. Capriati gewann den ersten Satz mit 6:2 und führte auch im zweiten Satz mit 3:0 und 4:2.

 

Doch Weingärtner wurde immer stärker, kämpfte sich bravourös zurück und glich im Tiebreak in den Sätzen aus. Die damalige Weltranglisten-90. spielte weiter druckvoll, zwang Capriati immer wieder zu Fehlern und schaffte tatsächlich die Sensation. Es war das erste Mal, dass eine Titelverteidigerin bei den Australian Open gleich in der ersten Runde verlor. Capriati ereilte damit das gleiche Schicksal wie Steffi Graf in Wimbledon einige Jahre zuvor. „Sie hat sehr gut gespielt und war am Ende nicht mehr zu stoppen. Wäre ich nicht Titelverteidigerin, hätte ich vielleicht nicht gespielt.“, erklärte die frustrierte US-Amerikanerin, die sich ein paar Monate zuvor einer Augenoperation unterzog. „Es lag nicht an den Augen, meine Vorbereitungszeit war aber wohl etwas zu kurz.“

 

Für Capriati war es gleichzeitig der letzte Auftritt bei den Australian Open. Die zweifache Siegerin trat nie wieder in Melbourne an und beendete 2004 ihre Karriere. Für Weingärnter kam nach dem „Supersieg“ das Aus in der dritten Runde. Die Deutsche versprach nach dem Erfolg weitere Siege. „Wenn ich mein Spiel spiele, denke ich, dass jede Topspielerin schlagen kann. Ich habe schon einige geschlagen. Deshalb habe ich auch das Potential dafür, da bin ich mir sicher.“ Doch viel mehr, außer einer Achtelfinalteilnahme bei den French Open, hörte man von Weingärtner nicht mehr. Bereits zwei Jahre später war ihre Karriere beendet.

 

Carlos Moya – Boris Becker 5:7, 7:6 (4), 2:6, 6:1, 6:4 – 1. Runde 1997

 

Das gleiche Schicksal wie Jennifer Capriati ereilte auch Boris Becker – als erster und bislang einziger Titelverteidiger raus in Runde eins. Der Deutsche musste 1997 nach seiner Auftaktpartie gleich wieder die Koffer packen. Becker traf auf den Spanier Carlos Moya, der mit seinen 20 Jahren bereits die Nummer 25 der Weltrangliste war. Wie gut Moya spielt, musste Becker schon einige Monate zuvor erfahren, als er beim Masters-Turnier in Paris unterlegen war. Im Glutofen von Melbourne mit bis zu 60 Grad auf dem Centre Court lieferten sich Becker und Moya ein packendes Duell, was zumindest bei Becker große Spuren hinterließ. „Mein Gehirn ist Rührei, mein Reservekanister ist leer. Am Ende des Spiels wusste ich nicht einmal mehr, wie ich eigentlich heiße.“

 

Der Deutsche hatte zunächst alles im Griff und führte mit 7:5, 3:1, ehe der Spanier erbitterten Widerstand leistete. Nach 3:31 Stunden schaffte Moya die große Sensation und schickte Becker nach fünf Sätzen ins Tal der Tränen. „Meine Füße fühlten sich im fünften Satz wie verbrannt an. Ich hatte bei jedem Schritt die Angst, dass sich meine Haut ablöst“, erklärte Becker, der seinem Gegner den gebührenden Respekt zollte. „Es gibt keine Entschuldigung. Ich bin Realist, Carlos war der Bessere. Er hat verdient gewonnen.“

 

Für den Deutschen war es damit die dritte Auftaktpleite in Melbourne in fünf Jahren. 1993 schied er gegen Patrick McEnroe aus, 1995 scheiterte er an Anders Järryd. Für Moya war der Coup gegen Becker aber der Beginn eines sensationellen Laufs. Der Spanier spielte ein herausragendes Turnier und schlug auf dem Weg ins Endspiel unter anderem noch Michael Chang. In seinem ersten Grand-Slam-Finale blieb Moya aber nur die Rolle des klar unterlegenen Statisten. Gegen Pete Sampras war der damalige 20-Jährige chancenlos.

 

Alberto Martin – Lleyton Hewitt 1:6, 6:1, 6:4, 7:6 (4) – 1. Runde 2002

 

Nachdem es Patrick Rafter nicht geschafft hatte, sein Heimturnier zu gewinnen, sollte Lleyton Hewitt seine Landsleute stolz machen und als erster Australier seit Mark Edmondson 1976 in Melbourne triumphieren. Die Voraussetzungen dafür standen 2002 extrem gut. Hewitt ging als Topgesetzter und amtierender Weltmeister und US-Open-Sieger in die Australian Open. Doch der Australier hatte sich zu Turnierbeginn mit Windpocken angesteckt und ging etwas geschwächt in sein Erstrundenmatch mit dem Spanier Alberto Martin.

 

Der schnelle Satzgewinn brachte Hewitt keine Sicherheit. Martin, der sich eher auf Sandplätzen wohl fühlt, nutzte die Schwächen der Nummer eins der Weltrangliste aus und griff selbst ganz tief in die Trickkiste. Beim Stand von 5:4 im Tiebreak des vierten Satzes nahm der Spanier urplötzlich eine Verletzungspause. Hewitt war davon so geschockt, dass er die beiden letzten Punkte zum Matchverlust abgab. „Ich weiß nicht, ob ich sonst gewonnen hätte, aber es hätte mir die Sache sicher erleichtert, wenn er sich fair verhalten hätte“, war Hewitt nach dem Match aufgebracht.

 

Martin verteidigte später seine fragwürdige Aktion. „Hätte ich den nächsten Punkt gespielt, hätte ich am Boden gelegen. Deshalb habe ich den Schiedsrichter gefragt, ob ich den Masseur rufen darf. Er hat ja gesagt, und so habe ich nach dem Masseur gerufen.“ Neben Hewitt schied auch der an zwei gesetzte Gustavo Kuerten in der ersten Runde aus. Nach der zweiten Runde ging erstmalig ein Grand-Slam-Turnier ohne die vier Topgesetzten weiter. Am Ende sicherte sich Thomas Johansson völlig überraschend den Titel. Martin schied in der dritten Runde aus und spielte sich fünf Jahre später an gleicher Stelle ebenfalls in die Schlagzeilen. Der Spanier lag in der ersten Runde gegen Andy Murray mit 0:6, 0:6, 0:5 zurück und entging nur ganz knapp einem „Triple Bagel“.

 

Tsvetana Pironkova – Venus Williams 2:6, 6:0, 9:7 – 1. Runde 2006

 

Wenn Venus Williams auf die Auslosung eines Grand-Slam-Turniers guckt, wird sie sicherlich hoffen, dass ein Name nicht in ihrer Hälfte auftaucht: Tsvetana Pironkova. Die Bulgarin ist zur absoluten Angstgegnerin der US-Amerikanerin bei den Majors geworden. 2010 und 2011 beendete Pironkova in Wimbledon die Titelträume von Williams. Beide Male setzte sich die Bulgarin glatt mit 6:2, 6:3 durch. Der Pironkova-Fluch von Williams begann aber schon bei den Australian Open 2006.

 

In ihrem allerersten Grand-Slam-Match schaffte Pironkova die faustdicke Überraschung und schaltete als Nummer 94 der Weltrangliste die US-Amerikanerin in einem verrückten Spiel mit 9:7 im dritten Satz aus. Bei 6:5 im dritten Satz servierte Williams bereits zum Matchgewinn. 65 unerzwungene Fehler bedeuteten aber schließlich die Erstrundenniederlage, die sie recht gelassen hinnahm. „Das passiert den Besten von uns“. Pironkova verabschiedete sich in Melbourne in der zweiten Runde und machte erst in den nächsten Jahren mit den Siegen gegen Williams wieder so richtig Schlagzeilen.

 

Mark Philippoussis – Pete Sampras 6:4, 7:6 (9), 7:6 (3) – 3. Runde 1996

 

Pete Sampras muss sich in der Drittrundenpartie im Jahre 1996 wohl vorgekommen sein, als ob ihm ein Klon gegenüberstand. Mark Philippoussis ist ähnlich veranlagt wie der US-Amerikaner, bloß größer, stärker und jünger. Der Australier, der ebenfalls griechischer Abstimmung ist, servierte Sampras aus dem Turnier und sorgte dafür, dass „Pistol Pete“ die Weltranglistenführung verlor. Gegen die krachenden Aufschläge des 19-Jährigen war Sampras machtlos und kassierte insgesamt 29 Asse. „Ich hatte keine Chance, den Aufschlag zurückzubringen. Wenn er so gut aufschlägt, kann man einfach nichts machen“, resümierte Sampras.

 

Philippoussis kannte nur ein Motto: volles Risiko. Und diese Marschroute ging gegen Sampras vollends auf. „Heute Abend habe ich mich so gut wie noch nie gefühlt. Ich habe mich so selbstbewusst beim Aufschlag gefühlt. Es fühlte sich so an, als ob ich eine Münze werfe und ein Ass genau dahin schlagen konnte, wo ich wollte. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, ich war einfach in der Zone“, kommentierte Philippoussis, der den Spitznamen „Scud“ verpasst bekam.

 

Australien hatte mit Philippoussis wieder einen Nationalhelden, der die Titelflaute in Melbourne beenden sollte. Nach dem Coup gegen Sampras warnte Nick Bollettieri, der ehemalige Trainer von Philippoussis, aber seinen Schützling. „Mark muss begreifen, dass es einige Jahre dauert. Es passiert nicht über Nacht. Das war nur ein Match.“ Bollettieri sollte Recht behalten. Philippoussis verlor im Achtelfinale kläglich gegen seinen Landsmann Mark Woodforde mit 2:6, 2:6, 2:6. Wie so oft in seiner Karriere, blieb der Australier hinter den Erwartungen zurück.

 

Ramesh Krishnan – Mats Wilander 6:3, 6:2, 7:6 (5) – 2. Runde 1989

 

Mats Wilander reiste als Nummer eins der Weltrangliste und Titelverteidiger zu den Australian Open 1989. Doch so richtig wohl fühlte sich der Schwede dabei nicht. Einen Monat zuvor hatte er eine bittere Niederlage gegen Carl-Uwe Steeb im Davis-Cup-Finale gegen Deutschland hinnehmen müssen. Wilander hatte Motivationsprobleme, nachdem er mit dem US-Open-Sieg die Weltranglistenführung erobert hatte. Bereits in der ersten Runde quälte er sich zu einem Fünf-Satz-Sieg gegen seinen Landsmann Tobias Svantesson.

 

In der zweiten Runde ereilte den Schweden aber das Aus gegen den Inder Ramesh Krishnan, die Nummer 51 der Weltrangliste. „Es war sehr schwer, mich nach den US Open zu motivieren. Das war so ein großes Ding für mich. Danach schien nichts mehr wichtig. Wahrscheinlich ging mir die Nummer eins auf den Geist, denn von jetzt an kann es nur noch abwärts gehen“, erklärte Wilander, der über eine Tennispause nachdachte. Für Krishnan war es dagegen der größte Sieg in seiner Karriere. „Wenn du auf den Platz gehst, spielen Zahlen keine Rolle. Es war nur er gegen mich. Das ist der größte Sieg in meiner Karriere. Die Nummer eins der Welt zu schlagen, ist sehr aufregend“, sagte Krishnan hinterher, der wie so viele andere Spieler nach einem großen Coup in der nächsten Runde ausschied. (Fotos: GEPA pictures)

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