03.09.2010, 10:32
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Die Denkerin besiegt
ihre Zweifel: Petkovic
erstmals in Grand-Slam-Runde 3
In New York erlebte Andrea Petkovic den vorerst letzten Höhepunkt in einem schrillen Tennisjahr.
Von Jörg Allmeroth
New York. Als Andrea Petkovic in dieser schwülen New Yorker Nacht noch einmal auf ihr schrilles Tennisjahr zurückblickte, aus gegebenem Anlass, da war die alerte Darmstädterin wie üblich nicht um eine pointierte Antwort verlegen: „Was in den letzten acht Monaten passiert ist, reicht bei manchen für ein ganzes Leben“, sprach die 22-jährige Tennisspielerin nach der vorerst letzten Verrücktheit im Jahr 2010, einem Zweitrundenspiel bei den US Open, bei dem sie gegen die Amerikanerin Bethany Mattek-Sands drei Matchbälle in einem hochdramatischen Finish abwehrte, die Partie in der Open-Air-Sauna von Flushing Meadows noch 3:6, 6:3 und 7:5 gewann und nun am Samstag gegen die Chinesin Shuai Peng antreten durfte.
Nie langweilige Petkovic
Panikattacken als Führungsspielerin beim ersten Fed-Cup-Spiel des Jahres in Tschechien, rauschhafte Momente beim Heim-Länderspiel in Frankfurt, ein Alptraum der vergebenen Chancen in Paris, bei dem auch vier Siegpunkte gegen French Open-Titelverteidigerin Svetlana Kuznetsova nicht reichten – und nun, neben vielen „schönen und schrecklichen Matches“ auf der Tour, auch noch dies: Die erste große, geglückte Aufholjagd aus einer kritischen Grand-Slam-Lage, der „Sprung weg vom Abgrund“, wie später Bundestrainerin Barbara Rittner sagte. Und der erste Einzug in eine dritte Grand Slam-Runde. Soviel konnte man gewiss sagen, für dieses Turnier, aber auch für eine Karriere, die sich immer erfreulicher entwickelt: Langweilig wird es einem mit dieser Andrea Petkovic nicht.
Einziger deutscher Erfolg am Donnerstag
Während am vierten Turniertag die ansonsten noch beschäftigten Deutschen allesamt in die Grand Slam-Arbeitslosigkeit verabschiedet wurden – Julia Görges, Sabine Lisicki, Andreas Beck und Philipp Petzschner (5:7, 3:6, 6:7 im Nachtmatch auf dem Centre Court gegen Novak Djokovic) -, blieb die Einser-Abiturientin weiter im großen, faszinierenden US Open-Spiel vertreten. Und wie: Als Petkovic fast schon geschlagen war, als ihre grundsolide Gegnerin Mattek-Sands in der Endphase wie berauscht aufdrehte, da hielt die deutsche Nummer 1 entschlossen dagegen. Spielte selbst mit höchstem Risiko, größter Präzision und klarem Kopf.
Die Probleme einer starken Persönlichkeit
Nichts war zu sehen von der Flatterhaftigkeit, die Petkovic noch vor ein paar Monaten die schönsten Siege gekostet hatte, nichts von der Jammerhaftigkeit und dem Zaudern und Zögern bei den Big Points. „Sie ist oft in diesen Situationen zurückgefallen wie in ein kindliches Lebensalter. Sie wirkte da wie eine 13-jährige, die plötzlich verzweifelt ist, weil das Leben nicht so läuft wie gewünscht“, sagte Rittner, die Fed Cup-Mutter der Kompanie, „das war eine schlimme Erfahrung für jemanden, der eine so starke Persönlichkeit hat.“ Sie habe die Leute bei den Spielen schon raunen hören, erinnerte sich Petkovic, „schau mal, die Andrea, die hat ihre Nerven einfach nicht im Griff, die packt´s nicht.“
Intellektuelle Erfrischung
Petkovic ist ja eine Spielerin, die sich nicht bequem ins Gewohnheitsprofil der Tennisszene einfügt. Sie ist eine intellektuelle Erfrischung im oft geistesarmen Betrieb, auch in diesen Tagen ist ihr das Spielen auf den Courts der Welt allein nicht genug – nebenbei arbeitet sie als Hobbyjournalistin, verfaßt Kolumnen, lernt Sprachen und studiert noch Politwissenschaften. Manchmal hat sie sich allerdings schon die ketzerische Frage gestellt, ob es nicht besser für ihr Tennis wäre, „ein bisschen weniger in der Birne zu haben“: „Ich dachte oft über zu vieles nach. Sah zuviele Optionen – und nicht die naheliegende Chance.“
Cleverer und ausgebuffter
Einfacher, klarer, strukturierter zu spielen, hat sie sich in letzter Zeit mühsam antrainiert, und dabei hat sie dann doch zu schätzen gewusst, „dass ich eine gute Lernerin bin, die an so etwas methodisch herangehen kann.“ Seine Tochter verfüge inzwischen über eine „ganz andere Stabilität“, sagt Vater und Teilzeitcoach Zoran Petkovic, „die emotionalen Ausschläge sind viel geringer geworden.“ Im dritten Satz des umkämpften Spiels gegen Mattek-Sands war das genauso eindrucksvoll zu beobachten wie zuvor auch schon beim Auftakterfolg gegen die Weltranglisten-Neunzehnte Nadia Petrova: Kein Wehklagen, kein Lamento, kein Wutausbruch war da von Petkovic zu sehen, selbst nicht nach einzelnen grausamen Fehlern. Sondern nur eiserne Konzentration, der Fokus auf das Wesentliche: Irgendwie den nächsten Punkt und dann auch das Spiel gewinnen. „Einerseits gehe ich immer noch wie ein staunendes Kind durch dieses Abenteuerland Tennis“, sagt Petkovic, „aber als Spielerin bin ich ganz schön gereift. Bin cleverer und ausgebuffter worden. Da kann mir keine mehr so schnell etwas vormachen.“
Petko macht die Big Points
Was Champions auszeichnet, demonstrierte Petkovic gleich in doppelter Hinsicht. Obwohl sie anderthalb Sätze schwach und durchwachsen spielte, verlor sie nicht den Anschluss. Und als es dann um die Big Points ging gegen Mattek-Sands, in den hochgradig angespannten Momenten einer Partie, da zuckte sie nicht zurück, spielte plötzlich ihr bestes und sehenswertestes Tennis. „Ich merke schon, wie ich da an Statur gewonnen habe. Die bitteren Erfahrungen in diesem Jahr haben mich härter gemacht. Und meinen Ehrgeiz geweckt, meine Eitelkeit angestachelt“, sagt Petkovic. Man kann es auch ganz einfach so beschreiben. Sie ist aus reichlich Schaden noch klüger geworden als sie ohnehin schon ist.
(Foto: J. Hasenkopf)