Die Exotin aus Italien: 
Schiavone nimmt Kurs auf Titelverteidigung 



Von Jörg Allmeroth, Paris

 

Die kleinen Kehrseiten des Ruhms nimmt Francesca Schiavone mit lässigem Sarkasmus hin. Wenn die Signora neuerdings mit ihrem großen Freundeskreis in Rom, Mailand oder Passirano, dem Heimatort ihrer Mutter, zum Essen ausgeht, dann ist die Frage nach der Zahlmeisterschaft eigentlich schon vorher geklärt: „Die Zeche übernehme ich dann freiwillig. Sonst guckt mich noch einer schief an und sagt: Hast Du nicht die French Open gewonnen?“ 

 

Sie hat. Und sie kann – verrückt, aber wahr – genau ein Jahr später schon wieder gewinnen. An diesem Samstag auf dem „Court Central“, auf dem sie dann einer anderen erfahrenen, abgeklärten Fachkraft gegenüberstehen wird, der 29-jährigen Li Na aus China, der stolzen Vertreterin des Milliardenvolks aus dem Reich der Mitte. „Wir sind der lebende Beweis“, sagt die Titelverteidigerin, die am 23. Juni 31 Jahre alt wird, „dass die Zeit der Teenagersiege im Tennis vorbei ist. Große Titel werden von reifen Spielerinnen geholt.“ 

 

Wo die Chinesin Li Na mit ihrem kühl kalkulierten, perfekt durchkomponierten Konterspiel imponiert, schlägt sich Schiavone, die alte Meisterin, mit unerschütterlicher Kampfmoral und trickreichen Variationen zu Siegen durch. Die älteste Spielerin in den Top Ten ist auch die Spielerin mit der größten Ausdauer, dem längsten Atem und einem Willen, der Berge versetzen und Pokale gewinnen kann. „Bevor ich hier aufgebe, müssen sie mich aus der Arena tragen“, sagt Schiavone, die furchterregende Fighterin. Bei den Australian Open zu Saisonbeginn stand sie im längsten Damenmatch der Grand Slam-Geschichte fast fünf Stunden für drei Sätze gegen Svetlana Kuznetsova (Russland) auf dem Platz, bevor sie 16:14 im Schlußakt triumphierte. Nachts musste sie danach ins Krankenhaus fahren, weil zwei schwarz angelaufene Zehennägel heftig schmerzten. 

 

Fast 330 Millionen Chinesen werden am Samstagabend Ortszeit zuschauen, wenn Li Na zum zweiten Mal in dieser Saison (nach Melbourne) nach dem ersten Grand-Slam-Titel für die tennisverrückte Riesennation greifen will. In Italien werden es natürlich weniger sein, aber Experten erwarten genau so hohe Einschaltquoten wie bei Länderspielen der „Squadra Azzurra“, schliesslich ist die kleine, drahtige Malocherin aus Mailand zu einer Berühmtheit aufgestiegen – und Teil des sportlichen Nationalstolzes geworden. „Wenn ich durch die Straßen laufe, klopfen mir alle auf die Schultern, auch die Fußballfans“, sagt Schiavone, „und jeder wünscht mir Glück.“ 

 

Die Eigenwilligkeit, die Gegnerin Li Na in ihrer Tennisbiographie stets auszeichnete, etwa im harten Widerstreit mit Partei- und Verbandskadern, lebt Schiavone am liebsten auf den Bühnen ihrer Arbeit auf – in Melbourne genauso wie in Paris oder Wimbledon zeichnet ihr Spiel nicht nur unerschöpflicher Ehrgeiz, sondern auch enorme Kreativität aus. Während viele nachrückende Topspielerinnen, speziell aus dem Osten Europas, mit stumpfsinnigem Powerplay ihr Handwerk ausüben, packt Signora Schiavone das ganze Arsenal der Tenniskunst aus: Aus allen Winkeln des Platzes spielt sie Bälle in die unmöglichsten Winkel, baut Stopps und Lobs ins Repertoire ein, schneidet die Kugeln tückisch an, taucht jäh am Netz auf. „Ihr Markenzeichen ist: Man weiß nie, was im nächsten Moment passiert“, sagt die ehemalige WTA-Präsidentin und Weltklasse-Doppelspielerin Pam Shriver, „sie ist im Feld der Topspielerinnen eine echte Exotin.“ 

 

Ihr Grand-Slam-Coup im letzten Jahr war eine der größten Sensationen der French-Open-Historie, ein Erfolg der damaligen Nummer 17 der Weltrangliste, den kein Experte vorhergesehen hatte. Aber der Sieg war lange Zeit auch eine Last, eine Beschwerung im Touralltag. „Ich steckte wochenlang in einer echten Krise danach, fiel in ein tiefes Loch“, sagt Schiavone. Erst im vergangenen Herbst rappelte sich wieder auf, qualifizierte sich auch für das Saisonfinale in Doha. Schon als sie vor sechs Wochen in Stuttgart gastierte und über die Titelverteidigung in Paris sprach, hatte man den Eindruck, dass alle Sinne auf diese Mission gerichtet waren. „Langsam, aber sicher kehrt mein Rhythmus zurück. Und auch das Selbstvertrauen, etwas Besonderes schaffen zu können“, sagte Schiavone da. 

 

Gegen die Großen und Starken des modernen Damentennis, gegen hochgewachsene Athletinnen mit dem harten Punch war die nur 166 Zentimeter große Schiavone schon immer zu besonderen Erfolgslösungen aufgefordert. „Eigene Wege zu gehen, war Pflicht. Und ich habe es auch genossen“, sagte die Italienerin, eine Königin des Anders-Seins in der Haudraufbranche. Ihre listigen Strategien, ihr Instinkt und ihre Insitution haben sie spät in die Weltspitze gespült, doch dort fühlt sie sich jetzt als Vorreiterin eines Trends: „Ich würde mich nicht wundern, wenn Top-Ten-Spielerinnen unter 25 bald eher die Ausnahme wären“, sagt Schiavone, „dieser Sport ist keine Siegerveranstaltung mehr für Teenager und Jungprofis.“ (Foto: GEPA pictures / Matthias Hauer)

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