
Von Jörg Allmeroth aus Melbourne
Wenn Martina Navratilova in den letzten Tagen einmal in die Rod-Laver-Arena hereinschaute, zu den Spielen mancher ihrer Tenniserbinnen, dann hielt sie nur aus Höflichkeit ein Stündchen durch in der modernen Lärmhölle: „Das Schreien und Stöhnen ging mir furchtbar auf die Nerven“, sagt die legendäre US-Amerikanerin, bekanntermaßen eine Freundin klarer Ansprache, „was da passiert, ist die reinste Zumutung.“ Als Tennisfan, so Navratilova, „müsste ich mir sehr gut überlegen, ob ich das noch tolerieren will.“ Bei den Australian Open rückt das Thema nun auf der Zielgeraden prominent in den Fokus: Das Endspiel in der Damenkonkurrenz, auch ein Kampf um Platz eins der Weltrangliste, bestreiten am Samstag die beiden „Ober-Sirenen“ des Wanderzirkus, die Russin Maria Sharapova und die Weißrussin Victoria Azarenka. „Scream-Final“ statt „Dream-Final“ – Schreifinale statt Traumfinale – titelte da bereits Melbournes „Herald Sun“.
Stöhnerei als absichtliches Störmanöver?
Der Geräuschterror auf den Grand-Slam-Spielplätzen – das ist zwar eine alte, sehr vertraute Debatte, in der es auch hier in Melbourne, im Januar 2012, keine bahnbrechend neuen Argumente gibt. Aber der Langmut der Zuschauer, die Zurückhaltung der übertragenden TV-Anstalten und auch die Geduld der Kolleginnen mit den ohrenbetäubenden Aktricen, mit hartnäckig kreischenden Spielerinnen wie den Endspielteilnehmerinnen Sharapova und Azarenka, neigt sich allmählich dem Ende entgegen. „Das ist einfach zu laut“, befand die junge Polin Agnieszka Radwanska bereits nach der Viertelfinal-Konfrontation mit Azarenka, „es ist schwer, da die Konzentration zu behalten.“ So massiv sei der Lärmpegel gewesen, berichtete gar die gegen Sharapova ausgeschiedene Deutsche Sabine Lisicki, „dass ich meine eigenen Schläge nicht mehr gehört habe.“
Womit die Wimbledon-Halbfinalistin zwar nicht direkt, aber deutlich genug auf den Kern des Themas hinweist: Denn hinter den Schrei-Attacken, die den inzwischen verstorbenen britischen Komödianten und Tennisfan Peter Ustinov einst an „Brunftschreie eines Pfaus“ erinnerten, vermuten die Brancheninsider nichts weiter als Störmanöver gegen die Rivalin auf der anderen Seite des Platzes – Einschüchterung, Irritation, Nervenqual sind keineswegs Zufall, sondern Plan und Absicht. „Ist es denn ein Zufall, dass eine Sharapova am lautesten stöhnt, wenn es um die Big Points geht?“, fragt sich denn auch Navratilova und spricht letztlich von „einer Art Betrug im Spiel.“ Von der mauen Verteidigungsstrategie der Sharapovas und Azarenkas, ihre Trainer hätten sie zu den Stöhnarien erzogen, will die 18-malige Grand-Slam-Königin gar nichts wissen: „Jeder, der etwas vom Tennis versteht, kann das nicht glauben“, so Navratilova.
Geräusche wie im Sexkino
Der Druck auf die Spielerinnengewerkschaft WTA, dem „quiekenden Horror“ (The Australian) mit verschärftem Regelwerk ein Ende zu machen, ist jedenfalls massiv angewachsen – Fernsehanstalten leiteten zuletzt wiederholt Beschwerden ihrer Zuschauer an die WTA weiter, in denen über „ekliges Benehmen“ oder „schlimme Attacken auf die Ohren“ geklagt wurde. Beim Wimbledon-Turnier des Vorjahres belagerten Tausende BBC-Seher die Hotlines der TV-Anstalt, protestierten über „Geräusche wie im Sexkino“. Der frühere Wimbledon-Geschäftsführer Ian Ritchie stufte die fatalen Lärmemissionen vieler Topspielerinnen als eine „Bedrohung“ für die Turniere ein: „Damit werden die Fans vergrault, das macht das Tennis-Vergnügen kaputt.“
In Melbourne rang sich die Führungsspitze der WTA zwar ein Statement ab, in dem darauf hingewiesen wurde, man nehme die Klagen der Grand-Slam-Zuschauer ernst und werde in der Schulung der nächsten Generation von Spielerinnen dem Thema größere Beachtung schenken. Aber reicht das, das Vertrösten auf ein besseres Übermorgen, auf die eher fernere Tennis-Zukunft? Während der Australian Open erfassten die Mikrofone des übertragenden „Channel Seven“ spitze Schreie von Sharapova mit knapp 100 Dezibel Lautstärke, damit befindet sie sich in der Liga einer rotierenden Kreissäge oder eines Presslufthammers. Fast noch unsäglicher ist der langgedehnte Aufschrei der Weißrussin Azarenka, den die genervten Fans in der Rod-Laver-Arena inzwischen tausendfach imitierten – ein amüsanter Protest der gequälten Lärmopfer. In deren Namen sprach wohl auch ein Kolumnist des Blattes „The Australian“, der das Geräuschgebaren der Weltranglisten-Dritten mit dem „Wehklagen eines kranken Pfaus“ verglich.
Navratilova fordert Regeländerung
Navratilova, einst eine führende Kraft in der WTA-Hierarchie, fordert eine schnelle Regeländerung: „Wenn man den Schiedsrichtern die entsprechende Macht gibt, werden die es auch durchsetzen“, sagt die frühere Meisterspielerin. „Unbedingt verbieten“ müsse man das „maßlose Stöhnen“ bei Damen und Herren, sagt Ex-Superstar John McEnroe: „Sonst wird langsam, aber sicher der Charakter des Tennis zerstört. Und die Schönheit des Spiels.“ (Foto: GEPA pictures)