Trauerspiel von Görges: 
"Schüttel' der anderen 
doch gleich die Hände" 



Von Jörg Allmeroth aus Melbourne

 

Der Dialog des Tages ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Eine knappe halbe Stunde hatte sich Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner das Trauerspiel von Julia Görges in der Hisense-Arena angesehen, da platzte der regelmäßig undiplomatischen Bundestrainerin endgültig und gleich gewaltig der Kragen. „Reiß' dich endlich mal zusammen, Mensch“, brüllte Rittner hinunter auf den Court, auf dem ihre Auswahlkraft saft- und kraftlos herumstolperte. Görges schaute kurz hoch zur Ehrentribüne, warf der Leverkusenerin einen schnippischen Blick zu und fragte: „Was ist?“ Woraufhin Rittner nur noch eiskalt returnierte: „Geh' doch gleich zum Netz und schüttel' der anderen die Hände.“

 

Görges nimmt es mit Humor

 

Der galligen Aufforderung leistete die 23-Jährige zwar erwartungsgemäß keine Folge, aber allzu viel Zeit verstrich nach dem öffentlichen Disput zwischen Trainerin und Spielerin nicht mehr, bis die Grand-Slam-Messe für Görges gelesen war – nach nur 54 peinvollen Minuten und einer 1:6,-1:6-Abfuhr gegen Agnieszka Radwanska konnte die Bad Oldesloerin ihre Siebensachen zusammenpacken und an die Heimflug-Arrangements denken. „Es war ein rabenschwarzer Tag. Ich muss sehen, dass ich daraus lernen kann“, befand die Weltranglisten-23., die ansonsten aber mit zu vielen Phrasen („Ich muss mich erst noch konstant weiterentwickeln“) und erstaunlichem Gleichmut über die Niederlage hinweg redete, etwa mit dieser verqueren Aussage: „Ich muss das auch mit Humor nehmen, sonst ziehe ich mich ja selbst runter.“

 

Aus welchem Stoff die Spitzenspielerinnen bei einem Grand-Slam-Spektakel gestrickt sind, zeigte der talentierten, aber noch längst nicht ausgereiften Deutschen eindrucksvoll die „Mutter Courage“ des Damentennis – die 28-jährige Belgierin Kim Clijsters. Die Australian-Open-Titelverteidigerin wehrte beim Stand von 2:6 im Tiebreak des zweiten Satzes vier Matchbälle hintereinander gegen Chinas Superstar Li Na ab, ehe sie die Neuauflage des letztjährigen Turnierfinals mit 4:6, 7:6 (6) und 6:4 noch grandios für sich entschied. „Du darfst nie die Hoffnung aufgeben. Du musst dir Punkt für Punkt sagen: Es ist noch nicht vorbei“, sagte die Flämin hinterher, als eine der verrücktesten Aufholjagden ihrer Karriere glücklich geendet hatte, „das Spiel bekommt einen Ehrenplatz in meinem Gedächtnis.“ Melbourne ist die erste wichtige Station auf der großen Abschiedstournee im zweiten Tennisleben der sympathischen Belgierin, nach der Saison 2012 sei „endgültig und ein für allemal Schluss“, sagte Clijsters.

 

Lisicki macht es Görges vor

 

Auch im direkten Vergleich mit ihren eigenen Teamkameradinnen Sabine Lisicki und Angelique Kerber lieferte Görges ein wenig schmeichelhaftes Bild: Die Wimbledon-Halbfinalistin aus Berlin hatte ja tags zuvor in einer geradezu typischen Kampfespose ein verloren geglaubtes Spiel gegen die Russin Svetlana Kuznetsova entschlossen umgebogen und sich eine Achtelfinal-Verabredung mit Maria Sharapova in der Rod-Laver-Arena gesichert (ab 9.30 Uhr deutscher Zeit/Eurosport).

 

„Da hat man es halt mit noch ziemlich unterschiedlichen Mentalitäten zu tun“, sagte Rittner, die Chefin des deutschen Fed-Cup-Teams, „bei Julia bleibt so ein Spiel dann einfach in der schiefen Bahn, das war jedenfalls Nullkommanix. Sie muss da schon noch mehr Zähigkeit und Biss entwickeln.“ So wie selbst Kerber, die bei der 1:6, 2:6-Niederlage gegen Sharapova am Samstag zähesten Widerstand leistete und „mit dem guten Gefühl“ aus Melbourne wegfuhr, „dass ich mein Maximum gegeben habe und nicht so furchtbar weit von den Topleuten entfernt bin.“ (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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