Der tausendfache Maestro: 
Brillant wie in 
den besten Zeiten 



Von Jörg Allmeroth aus Melbourne

 

Sie war wie eine Überschrift über die Federer-Jahre im Tennis - die wunderbar elegante, leicht geschwungene und doch messerscharfe Rückhand, die am Dienstagabend den Jubiläumsauftritt des Maestros in der Rod-Laver-Arena zu Melbourne beschloss. In Stil und Form meisterlich, war der prägende Spieler dieser Ära auch in seinem 1000. Tourmatch vollends auf der Höhe des Geschehens. Nach nur 119 Minuten rückte der tausendfache Federer mit einem brillanten 6:4,-6:3,-6:2-Sieg über den machtlosen argentinischen Hünen Juan Martin del Potro ins Halbfinale des Grand-Slam-Spektakels „down under“ vor, in dem er im ewiggrünen Duell auf Rafael Nadal trifft (6:7, 7:6, 6:4, 6:3 gegen Tomas Berdych).

 

Rod Laver ergötzt sich an Federer

 

„Ich bin froh, dass ich nur gute Erinnerungen an dieses Spiel, an diesen Meilenstein haben werde“, sagte Federer, der Mann, der in seinen 14 Tourjahren die Architektur des Wanderzirkus verändert und seinen Sport in eine neue Dimension katapultiert hatte. 1998 hatte er, noch ein unscheinbarer Lehrling, sein erstes Match bestritten und in Gstaad gegen Lucas Arnold (Argentinien) mit 4:6 und 4:6 verloren. Von einer Weltkarriere und den größten Erfolgen eines Spielers in der Neuzeit konnte damals keiner etwas ahnen, auch Federer nicht: „Ich träumte eigentlich nur davon, einmal in Wimbledon auf dem Centre Court zu stehen.“

 

Sein vorerst letztes Grand-Slam-Abenteuer spielt nun bei den Australian Open des Jahres 2012, und wie es scheint, ist Federer, der stets nicht nur begnadeter Techniker, sondern auch eisenharter Arbeiter war, so nahe dran an einem Major-Titel wie seit zwei Jahren nicht mehr – also seit den Australian Open 2010, bei denen er seinen magischen Pokalrekord auf 16 geschraubt hatte. „Ich fühle gerade ein extremes Selbstvertrauen“, sagte Federer nach dem Kantersieg gegen del Potro. In der trockenen Gluthitze fegte Federer mit quietschenden Sohlen über den Platz, genau so fit, drahtig und wendig wie in seinen jüngeren Jahren im Wanderzirkus. „Es ist einfach eine große Freude, ihm zuzuschauen“, sagte Tennislegende Rod Laver, der Mann, an dem Federer stets seine Laufbahn orientiert hatte.

 

Sieg gegen Sampras als Initialzündung

 

Als Letzter seiner Generation spielt Federer noch immer um den Grand-Slam-Titelruhm mit, ganz anders als seine alten Weggefährten: Andy Roddick fällt nur noch durch seinen Irokesen-Haarschnitt auf, Marat Safin ist längst pensioniert und inzwischen Abgeordneter des russischen Parlaments, und Lleyton Hewitt ist trotz einer kleinen Renaissance hier in Melbourne in die Ranglistenregionen jenseits von Platz 150 abgerutscht. Nur Federer ist weiter präsent, der Gentleman-Spieler, der dem Welttennis weit jenseits seiner Grenzen Beachtung und Schlagzeilen verschaffte. 2003 war er ja in die Liga der Großen aufgerückt, mit seinem Wimbledon-Triumph bestätigte er sich erstmals, die bedeutenden, alles überstrahlenden Top-Turniere gewinnen zu können. Die Unsicherheit, wo es hingeht mit meiner Karriere, war da endgültig weg.“ Einer der wenigen Siege seiner Laufbahn, an die er sich auch sofort und ohne langes Nachdenken erinnert, lag da allerdings schon zwei Jahre zurück – der Sieg im einzigen amtlichen Tour-Match gegen Pete Sampras, im Wimbledon-Achtelfinale 2001: „Ein Sieg“, so der Maestro, „der mir einfach zeigte, dass ich etwas Großes im Tennis schaffen kann.“

 

Etwas Großes, das wirkt wie eine Untertreibung, wenn man auf die (bisherige) Federer-Ära zurückblickt, auf die Jahre, in denen er herrschte wie ein Sonnenkönig und gefeiert wurde als „Mozart des Tennis“, als Außerirdischer. Dem Rest der Welt hat er die schönsten Siege weggeschnappt, bis heute hat er 70 Titel eingesammelt, darunter 16 kostbare Trophäen in Melbourne, Paris, London und New York. 2009 löste er auch das letzte Rätsel seiner Laufbahn – mit dem triumphalen Erfolg im roten Sand von Roland Garros. „Es gab so viele traumhafte Momente. Ich kann sie gar nicht alle aufzählen“, sagt Federer und denkt da auch an das 500. Tourspiel, ein gewonnenes US-Open-Finale gegen Andre Agassi. Nun wartet im tausendundersten Spiel Nadal, der bisher 17 der 26 persönlichen Vergleiche gewann. (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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