Von Christian Albrecht Barschel
Die TOPS der Australian Open:
Australian Open:
Ein großer Gewinner der Australian Open sind die Australian Open selbst. Das Turnier in Melbourne ist das farbenfrohste der vier Grand-Slam-Turniere und trägt völlig zu Recht die Bezeichnung „Happy Slam“. Die Veranstalter konnten mit 686.006 Tennisfans, die auf die Anlage im Melbourne Park strömten, einen neuen Zuschauerrekord verzeichnen. Während der vierzehn Turniertage wurde viel an Dramatik und hochklassigem Tennis geboten. Das Rekord-Endspiel zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal war nicht nur Werbung für das Turnier, sondern auch Werbung für den gesamten Tennissport. Vorbei sind die Zeiten, wo Topstars wie Andre Agassi oder John McEnroe die Australian Open ausgelassen haben. Heutzutage ist die komplette Weltelite in Melbourne jedes Jahr am Start. Das Wetter spielte beim „Happy Slam“ auch mit. 14 Tage lang gab es keinen Regen. Ausgerechnet in der entscheidenden Phase im Herrenfinale fing es aber an zu tröpfeln, und das Dach in der Rod Laver Arena musste zum ersten Mal geschlossen werden. In den nächsten Jahren bekommt auch das drittgrößte Stadion, die Margaret Court Arena, ein Dach. Wenn es weiterhin so trocken in Melbourne bleibt, ist das fast gar nicht nötig und purer Luxus. Ein Luxus, auf den die French Open und US Open wohl aber voller Neid schauen.
Kampf um die Nummer eins im Damentennis:
Bei der Damenkonkurrenz in Melbourne musste neben der Frage nach der Siegerin auch die Frage nach der neuen Nummer eins beantwortet werden. Insgesamt sechs Damen hatten die Chance nach den Australian Open die Nummer eins zu sein oder zu bleiben – im Fall von Caroline Wozniacki. Samantha Stosur schied gleich in der ersten Runde aus. Agnieszka Radwanska hatte frühezeitig durch die guten Ergebnisse der Konkurrenz ebenfalls keine Chance, Nummer eins zu werden. Im Viertelfinale fanden sich schließlich Caroline Wozniack, Petra Kvitova, Victoria Azarenka und Maria Sharapova wieder. Es wurde der Rechenschieber herausgeholt und sämtliche Konstellationen durchgespielt. Es war wichtig für das Damentennis, dass im Fall von Azarenka eine Spielerin die neue Nummer eins geworden ist, die auch den Titel in Melbourne holte. Es wären sonst wieder Fragen nach der Systemfrage der Weltrangliste aufgekommen. Wäre Wozniacki bei einem frühen Ausscheiden Nummer eins geblieben oder Kvitova mit einer Halbfinalteilnahme Nummer eins geworden, wäre der Sinn der Weltrangliste mal wieder infrage gestellt worden.
„Fab Four“ im Herrentennis:
Dass die „Fab Four“ im Herrentennis in einer anderen Liga spielen, wurde auch bei den Australian Open deutlich. Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer und Andy Murray spielten wieder einen großen Titel unter sich aus. Bei drei der letzten vier Grand-Slam-Turniere stand das Quartett geschlossen im Halbfinale. Federer zog ohne Satzverlust in die Runde der letzten Vier ein. Djokovic, Nadal und Murray gaben nur einen Satz ab. Letztendlich hätte das Finale auch Federer gegen Murray heißen können. Der Schweizer und der Schotte besaßen in den Halbfinals gegen Nadal und Djokovic gute Chancen auf den Einzug ins Endspiel. Die Spiele zwischen den „Fab Four“ waren kaum an Dramatik zu überbieten und hatten ihren finalen Höhepunkt mit dem längsten Grand-Slam-Endspiel der Geschichte zwischen Djokovic und Nadal. Ein Ende der Dominanz des Quartetts ist nicht in Sicht. Wenn Spieler wie David Ferrer, Tomas Berdych oder Jo-Wilfried Tsonga ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wollen, müssen diese schon über sich hinauswachsen.
Esther Vergeer:
Im Schatten der großen Stars fand die Leistung von Esther Vergeer nur wenig Beachtung. Die Niederländerin gewann im Rollstuhltennis zum neunten Mal die Australian Open und ist seit 444 Spielen ungeschlagen. Eine unfassbare Zahl, die kaum in Worte zu fassen ist. Das letzte Mal, dass die mittlerweile 30-Jährige ein Einzelmatch verloren hat, war 2003 vor neun Jahren – zu Zeiten, wo noch Andre Agassi in Melbourne regierte und Novak Djokovic und Rafael Nadal noch Jugendturniere spielten. Die Dominanz der ersten Vier im Herrentennis wirkt gegen die Leistungen von Vergeer nur wie „Peanuts“. Die Niederländerin scheint wirklich unbesiegbar zu sein. Für viele ist Vergeer sogar die größte Tennisspielerin aller Zeiten. Natürlich kann man die Konkurrenz im Rollstuhltennis nicht mit der im Herren- und Damentennis vergleichen. Trotzdem kann man nur voller Bewunderung auf die Erfolge von Vergeer blicken.
Lleyton Hewitt:
Für Lleyton Hewitt waren es die 16. Australian Open in Folge - das ist einsamer Rekord in Melbourne. Dass der Australier ein Stehaufmännchen ist, bewies er ein weiteres Mal eindrucksvoll. Als Nummer 181 der Welt kam Hewitt ins Achtelfinale und ließ seine Landsleute ein wenig vom so sehnlich erhofften Heimtriumph träumen. Gegen Novak Djokovic war er zunächst chancenlos, gab aber zu keiner Zeit klein bei und lieferte dem späteren Turniersieger noch einen großen Kampf. Nach zahlreichen Verletzungsproblemen und Operationen spielte sich Hewitt immer wieder zurück. Solange seine Füße ihn tragen, wird der Australier wohl auch die nächsten Jahre bei seinen Australian Open antreten - in der Hoffnung auf den Heimsieg in Melbourne.
Die FLOPS der Australian Open:
Sirenen im Damentennis:
Extrem laut war es beim Damenfinale der Australian Open zwischen Victoria Azarenka und Maria Sharapova. Für das Damentennis kann es sicherlich nicht gut sein, wenn mehr über die Lautstärke und den Dezibel-Wert von den Spielerinnen gesprochen wird als über die sportliche Leistung. Immer wieder flammt die Diskussion über das exzessive Stöhnen, Grunzen oder Kreischen bei den Damen auf. Nun machen auch vermehrt Spielerinnen gegen die Sirenen mobil. Caroline Wozniacki sprach vor Monaten schon davon, dass einige sogar mit Absicht stöhnen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. John McEnroe fordert ein Verbot des Stöhnens, Martina Navratilova hält es sogar für Betrug. Die WTA sollte sich schleunigst eine Lösung zu diesem Thema einfallen lassen, denn die Ober-Sirenen Azarenka und Sharapova haben noch einige Jahre an gutem und lautstarkem Tennis vor sich. Auf Dauer fügt die Diskussion über das exzessive Stöhnen dem Damentennis erheblichen Schaden zu.
Tomas Berdych:
Es gab viele Aufreger während der Australian Open. Einer davon war die Szene, als Tomas Berdych nach seinem Achtelfinalsieg gegen Nicolas Almagro den obligatorischen Handschlag verweigerte. Berdych beschuldigte den Spanier, dass er ihn bei 5:5 im vierten Satz absichtlich abgeschossen hat. Wenig später gewann der Tscheche das Match. Danach wurde er beim dem auf dem Platz geführten Interview gnadenlos ausgepfiffen. „Es gehört sich nicht zu versuchen, den Gegner im Gesicht zu treffen. Wer Tennis spielt weiß, wie groß so ein Court ist. Man hat immer genug Platz, den Ball woanders hin zu spielen“, meinte Berdych in der Pressekonferenz. Almagro zeigte für das Verhalten des Tschechen kein Verständnis. „Ich habe mich für diesen Ball viermal entschuldigt. Wenn das nicht reicht, weiß ich auch nicht. Ich wollte nur eins: Den Punkt machen“, sagte Almagro auf die Frage, ob er Berdych „abschießen“ wollte. Almagro besitzt zwar nicht den besten Ruf unter seinen Kollegen und gilt als Stinkstiefel. In Hamburg bespuckte er die Zuschauer, auch Marat Safin verweigerte dem Spanier einmal den Handschlag. Ob nun mit Absicht oder nicht: Berdych hätte Sportsmann genug sein müssen, um über den Dingen zu stehen. Immerhin hatte er das Match auch gewonnen.
Samantha Stosur:
In Samantha Stosur ruhten die gesamten Titelhoffnungen der Australier. Die US-Open-Siegerin sollte endlich den australischen Titelfluch in Melbourne beenden. Seit 1978 hat keine einheimische Spielerin mehr bei den Australian Open gewonnen. Bei den Herren ist es sogar noch zwei Jahre länger her. Schon am zweiten Turniertag trug Australierin Trauer. Samantha Stosur verlor gleich in der ersten Runde gegen Sorana Cirstea. Der Traum vom Heimsieg zerplatzte wie eine Seifenblase. Dabei war das frühe Aus von Stosur schon zu befürchten. Bei den Vorbereitungsturnieren konnte die Australierin ebenfalls nicht überzeugen. Mit dem Erstrunden-Aus von Stosur ging der Grand-Slam-Fluch der Siegerin des vorherigen Grand-Slam-Turniers weiter. Kim Clijsters und Li Na schieden letztes Jahr nach ihren Erfolgen in Melbourne und Paris beim darauffolgenden Grand-Slam-Turnier in der zweiten Runde aus. Wimbledonsiegerin Petra Kvitova erwischte es bei den US Open in der ersten Runde. Und nun ereilte auch US-Open-Siegerin Stosur das ganz frühe Aus in Melbourne. Man darf gespannt sein, was Australian-Open-Siegerin Victoria Azarenka bei den French Open leisten wird.
Kader Nouni:
Gleich zwei Ausraster gab es am dritten Turniertag in Melbourne. War das Zertrümmern von vier Schlägern innerhalb von 25 Sekunden von Marcos Baghdatis eher zum Schmunzeln, flogen im Match zwischen David Nalbandian und John Isner die Fetzen. Der Argentinier regte sich im fünften Satz beim Stand von 8:8 und Breakball für sich über eine Entscheidung von Schiedsrichter Kader Nouni auf. Ein vermeintliches Ass von Isner wurde zunächst vom Linienrichter Aus gegeben, ehe die Entscheidung von Nouni überstimmt wurde. Nalbandian war in der hitzigen Atmosphäre nach weit über vier Stunden etwas irritiert, überprüfte den Abdruck und forderte das Hawkeye an. Doch Nouni wies Nalbandians Forderung zurück, weil dieser den Einspruch seiner Meinung nach zu spät bekanntgab. Daraufhin diskutierte der Argentinier minutenlang mit Nouni, ließ den Oberschiedsrichter kommen und verlor wenig später das Match. Besonders bitter für Nalbandian: Das Hawkeye zeigte, dass der Ball tatsächlich im Aus war. „Was soll das alles? Das ist ein Grand Slam. Kann man wirklich so doof sein, das in diesem Moment zu tun? Was brauchen die Schiedsrichter? Presse, einen Namen? Am nächsten Tag in der Zeitung stehen? Unglaublich“, giftete Nalbandian nachher gegen Nouni. Weitere Spieler solidarisierten sich mit dem Argentinier. Nouni hätte bei diesem kritischen Spielstand mehr Fingerspitzengefühl beweisen müssen und die Challenge akzeptieren sollen. Nalbandian, der etwas verwirrt nach dieser Entscheidung war, ließ sich genauso viel Zeit zur Einforderung des Hawkeye wie andere Spieler. Es liegt nun an der ITF eine einheitliche Regel hierfür zu schaffen, um solche Situationen wie bei David Nalbandian zu vermeiden.
Linienrichter:
Nicht nur die Schiedsrichter wie Kader Nouni und Carlos Bernardes, der mit einigen unglücklichen Entscheidungen im Viertelfinale zwischen Rafael Nadal und Tomas Berdych keine gute Figur abgab, sorgten für Gesprächsstoff bei den Australian Open. Auch die Leistungen der Linienrichter waren teilweise nicht gut genug. So leisteten sich die Männer und Frauen an der Linie beim Herrenfinale zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal viele Fehlentscheidungen. So wurden viele Bälle Aus gegeben, die deutlich auf der Linie waren. Der gute Schiedsrichter Pascal Maria und das Hawkeye deckten immer wieder die Fehlentscheidungen auf, die den Spielfluss hemmten und für eine veränderte Spielsituation sorgten. Fehler passieren überall. Aber die Vielzahl der Fehler wie sie im Finale geschehen sind, sorgen bei Zuschauern und Spielern für Unmut. (Fotos: GEPA pictures)