Djokovic im Interview: 
„Das sind ja die 
Momente, für die du lebst“ 



Es ist Punkt 4 Uhr Früh – und noch lange ist an Schlafen nicht zu denken, denn der Triumphator des ersten Grand-Slam-Turniers der Saison, Novak Djokovic, steht nun Rede und Antwort…

Novak, war das der größte Sieg deiner Karriere?

Ja, in diesem Moment sicher. Insgesamt aber wahrscheinlich Wimbledon, denn das war immer mein ganz großer Traum von Kindheit an, dort einmal zu gewinnen. Aber das hier heute war einzigartig – allein dass wir fast sechs Stunden gespielt haben, unglaublich… Es macht mich so stolz, Teil der Geschichte zu sein, der Tennisgeschichte, und das vor Rod Laver, anderen Allzeitgrößen und 15.000 fantastischen Fans, die bis kurz vor 2 Uhr Früh ausgeharrt haben. Das ist wirklich unglaublich.

Wie hast du es unter diesen Voraussetzungen geschafft, immer weiter zu fighten?

Es ist das Finale, der fünfte Satz, ich hatte vorher einige Chancen, es im vierten zu beenden, aber er ist mit einigen super Schlägen immer wieder zurückgekommen. Ich habe gespürt, wie mir allmählich die Kraft ausgeht. Andererseits hab ich gesehen, ihm geht’s genauso, er ist auch nicht mehr so schnell wie sonst. Deshalb hab ich vor allem versucht, mich mental reinzuhängen, meine Emotionen zu kontrollieren. Und auch als ich 2:4 zurück war, alles zu geben, mich ans Limit zu pushen. Ich glaub da war ein Ballwechsel mit 40 oder mehr Schlägen, da konnten wir danach beide nicht mehr stehen. Aber das sind genau die Momente, für die du ja lebst, für die du trainierst. Ich bin sicher, jeder Spieler träumt davon, einmal ein solches Match zu spielen und darin zu bestehen, darauf richtet man sein ganzes Leben aus, um irgendwann in die Situation zu kommen, sechs Stunden um einen Grand-Slam-Titel zu spielen!

Wie hast du es körperlich geschafft, das durchzuhalten? Schon gegen Murray hast du ja fünf Sätze gespielt und musst doch sicher physische Probleme gehabt haben. Wie sehr musstest du leiden da draußen?

Ehrlich, ich muss eher nachdenken, was mir NICHT weht getan hat – aber das ist letztlich alles egal, ich will da jetzt nicht drüber sprechen. Das Wichtigste ist, dass ich es geschafft habe, auch das zu überstehen. Ich meine, es ist doch klar für Jeden, der’s gesehen hat, dass dieses Match uns beiden den letzten Tropfen Energie gekostet hat. Ich glaube, es war vielleicht ein bisschen Glück dabei und vielleicht das mental noch mehr zu wollen als der Gegner. Es war eine unglaubliche Leistung von uns beiden.

So wie du hat auch „Rafa“ zuvor vom Leiden gesprochen, und davon, dass das dann in einer solchen Partie sogar Spaß machen kann. Stimmst du mit ihm überein?

Absolut. So ein ähnliches Gefühl hab ich auch schon öfter gehabt, aber es war noch nie so intensiv wie diesmal. Du leidest, könntest zwischendurch aufschreien vor Schmerzen, du glaubst am Ende zu sein, aber du weißt, es geht weiter, es muss weitergehen… nur noch den nächsten Punkt, bitte, nur irgendwie zum Seitenwechsel, kurz durchatmen, du bist kaputt, am Ende – und dennoch freust du dich darüber, so etwas durchzustehen… Also da kann ich „Rafa“ nur bestätigen.

Bei aller Freude: Tut dir Nadal da auch irgendwo leid, so knapp gescheitert zu sein?

Naja, leidtun ist der falsche Ausdruck, ich war jahrelang in derselben Situation gegen ihn oder Roger knapp zu verlieren. Ich weiß deswegen, wie er sich jetzt fühlt und finde großartig, wie fair er damit umgeht! Und ganz ehrlich, ich kann’s nur noch einmal sagen, es ist eigentlich traurig, dass es nach solch einem Match nur einen Sieger geben kann!

Was hat ganz am Schluss dann für dich entschieden?

Vielleicht auch Glück – ich kann’s nicht sagen… Das hätte wirklich jederzeit jeder von uns Beiden gewinnen können. Klar war, dass dann im Finish die Punkte kürzer geworden sind. Ich bin bei 5:5 voll drauf gegangen, alles oder nichts – das Motto hat dann auch Rafa im letzten Game gespielt. Auf die Winner gehen, das ist ansonsten nicht immer gleich sein Ziel, er konstruiert eher die Punkte, aber in diesem letzten Game hatte ich das Gefühl, er geht jetzt volles Risiko mit Vorhand und Rückhand, in dieser Phase, wo eigentlich nichts mehr in dir drinnen ist.

Du hast dich bei Einstand bekreuzigt und zum Himmel geblickt, durchs Hallendach durch – hast du gebetet?


Ja, ich meine ja, da schießen dir so viele Gedanken ein, negative, positive, ich habe alles versucht, um irgendwoher Hilfe zu bekommen und die nötige Energie, und ich denke, das hat sich ausgezahlt.

Wie lange wirst du jetzt pausieren?

Ich weiß es nicht, ich werde mich mit dem Team zusammensetzen und schauen, wie’s von Tag zu Tag geht – regeneratives Training, Behandlungen, back to the office, Schritt für Schritt… zwei Wochen bestimmt.

Du bist auf dem Weg zum Grand Slam, mit Paris kannst du es schaffen. Wie wirst du dich darauf vorbereiten?


Hoffentlich so gut wie noch nie. Es ist neben Olympia das größte Ziel, ich war noch nie im Finale von Roland Garros, also werde ich alles daran setzen, es zu erreichen und zu gewinnen.

Nach dieser Überdosis Tennis hast du gesagt, es wäre eine Leistung des ganzen Teams um dich herum. Kannst du das noch genauer erklären?


Generell ist es sehr wichtig, sich bestmöglich vorzubereiten. Jeder hat unterschiedliche Ansätze und Methoden dafür, was das Training und die Regeneration betrifft. Man hat eine Schlacht gewonnen, einen Tag Pause, und schon gibt’s die nächste noch brutalere. Es ist ein Einzelsport – dennoch versuchen wir alle, uns ein Team rundherum aufzubauen, das dabei hilft, in Bestform zu sein, bereit zu sein für die nächste Aufgabe. Ich brauche jeden Einzelnen in meinem Team für jeden erdenklichen Aspekt, deshalb ist es eine Teamleistung – das könnte ich allein nie schaffen, so aufzutreten, so zu bestehen, wie ich es hier getan habe…

Wie lang wird jetzt noch gefeiert?

Soll das ein Witz sein? Ich meine es ist nach 4 Uhr Früh… Andererseits, warum nicht, momentan ist mir alles egal…

Der Appetit auf Matches scheint gestillt. Aber du bist sicher hungrig, wie wär’s mit Frühstück?

Essen ist das letzte, woran ich jetzt denke! ;-) Bis zum Frühstück sind ja noch ein paar Stunden Zeit.

 

(Foto: GEPA pictures)

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