
Von Jörg Allmeroth aus Melbourne
Als Novak Djokovic am Montagmittag in den „Carlton Gardens“ zum üblichen Champions-Foto auftauchte, sah der Unbezwingbare von Melbourne wie ein Sommerfrischler aus - entspannt, heiter und vergnügt, gelassen und gelöst. In der Leichtigkeit des Siegerseins waren keine Spuren der Schlacht zu entdecken, die am Sonntag für eine Umdeutung der Tennis-Geschichtsbücher gesorgt hatte. „Das Adrenalin rauscht immer noch durch den Körper“, sagte der Australian-Open-Pokalheld, „nach so einem Match brauchst du keinen Schlaf. Da brauchst du nur eine Party.“
Ein Werbefilm für den Tennissport
Nur ein paar Stunden zuvor war der 24-jährige Frontmann der Branche in einer unendlichen Finalgeschichte in bisher unbekannte Tennis-Galaxien vorgestoßen – die siegreiche Anstrengung des serbischen Superstars im längsten Grand-Slam-Endspiel aller Zeiten gegen Spaniens Matador Rafael Nadal, fünf Stunden und 53 Minuten, rückte in der Hitparade der Allzeit-Klassiker gleich in die exklusive Spitzenregion vor, die „New York Times“ verglich den faszinierenden Schlagabtausch mit dem Evergreen der Herren McEnroe und Borg vor fast 32 Jahren auf den Grüns von Wimbledon. „Ich kann kaum in Worte fassen, was ich da gesehen habe“, kabelte aus Las Vegas die 22-malige Grand-Slam-Königin Steffi Graf an ihre vieltausendköpfige Internet-Freundesgemeinde, „das war ein Spiel für die Ewigkeit.“
Und es war ein Spiel in der Waschküche von Melbourne, das vor allem eins belegte: Der magische „Djoker“, der einst bei Niki Pilic in München ausgebildete Spitzenathlet, gehört inzwischen in die Elite-Liga von Rafael Nadal und Roger Federer, er ist der dritte herausragende Spieler dieser Tennisepoche - auf Augenhöhe mit dem Spanier und dem Schweizer, die lange Zeit die Pokalformalitäten in geschlossener Gesellschaft unter sich ausgemacht hatten. „Schlichtweg sensationell“ sei Djokovics Triumph gewesen, befand Deutschlands frühere Tennisgröße Boris Becker, „das Finale war ein einziger Werbefilm fürs Tennis.“
Neue goldene Ära
Tatsächlich übertraf dieser Zweikampf über zwei Tage und fast sechs Stunden alles, was man bisher im modernen Tennisbetrieb an Leidenschaft, Intensität und Willenskraft von zwei Gladiatoren erlebt hatte. „Sechs Stunden Krieg. Geschwindigkeit und Power in einer neuen Dimension“, twitterte neidlos US-Top-Spieler Andy Roddick zu den beiden Kollegen nach Melbourne hinüber. Auch der Argentinier Juan Martin del Potro, der einzige Spieler, der in den letzten sieben Jahren neben Djokovic, Federer und Nadal überhaupt einen Grand-Slam-Titel gewonnen hatte (US Open 2009), verneigte sich vor „zwei echten Champions“ und gratulierte „aus vollem Herzen“.
Der Rest der Welt erlebte allerdings auch mit etwas zwiespältigen Gefühlen, welche Herkulesakte heute notwendig sind, um einen Grand-Slam-Pokal in die Höhe stemmen zu können. Vier Stunden und 50 Minuten kämpfte sich Djokovic gegen den Schotten Andy Murray ins Finale vor, um dann fast weitere sechs Stunden in einem Fünf-Akter des Wahnsinns zum Sieg zu brauchen. Fast elf Stunden Tennis allein im Halbfinale und Finale – das ist ungefähr so viel Arbeitszeit, wie eine Steffi Graf oder auch eine Serena Williams schon einmal in einer gesamten Turniermission zum Sieg aufwenden mussten. „Wer soll einen Djokovic, einen Nadal oder auch Federer und Murray jemals in dieser Form schlagen?“, meinte Darren Cahill, der ehemalige Coach von Andre Agassi, „die Spitze ist unglaublich festbetoniert. Mit Spielern, die eine neue goldene Ära des Tennis geschaffen haben.“
Gibt es den „Djokovic-Slam“ in Paris?
Und der Mann der Stunde im Hier und Jetzt, im Zeitalter der Fab Four, der Fabelhaften Vier, ist Djokovic – ein Spieler, der vom weinerlichen Jammerlappen zur schillernden Vorzeigefigur der Szene aufgestiegen ist, zum Modellprofi. Es war fast schon ein ikonisches Motiv, als sich Djokovic in der Nacht seiner größten Herausforderung und seines größten Triumphs das Shirt zerriss – und wie er dann als Tennis-Alphatier vor der elektrisierten Zuschauermasse stand und wilde Urschreie der Freude ausstieß. „Es sind diese Augenblicke, für die du lebst als Profispieler“, sagte er hinterher, morgens um vier Uhr bei der letzten Talkshow mit der Presse. Begrüßt hatte der serbische Schalk die Medienmeute mit den Worten: „Schön, dass ihr so lange aufgeblieben seid.“
Sieben Mal in Serie hat der 24-Jährige nun Nadal geschlagen, wenngleich noch nie so niederschmetternd wie in diesem Australian-Open-Finale, in dem der härteste Athlet der Welt an einem Mann mit noch härterem Geist scheiterte. Und so zog sich zwischen der Nummer eins und Nummer zwei am Ende des irren Marathons eine scharfe Grenzlinie, „massiv angewachsen“ sei die Distanz zwischen den beiden Top-Spielern, sagte der brillante Analytiker Jim Courier, hier in Melbourne als TV-Experte im Einsatz: „Eindrucksvoller kannst du nicht bestätigen, wer die Nummer eins ist. Wer das Sagen hat, wenn's ums Ganze geht.“ Nicht wenige prophezeiten Nadal sogar den Verlust seines letzten Tennis-Paradieses, das in Paris liegt, auf den roten Plätzen von Roland Garros. „Wer so ein Spiel gewinnt wie dieses Finale, kann auch die French Open gewinnen“, sagte Rod Laver, der große alte Mann des Tennis, „diesem Novak Djokovic ist einfach alles zuzutrauen.“ Gewänne der Serbe tatsächlich auch dort, hielte er alle vier Grand-Slam-Titel in seinem Besitz, so wie einst Laver. (Foto: Jürgen Hasenkopf)