
Von Jörg Allmeroth
Nach vier Stunden und zehn Minuten behielt er ein letztes Mal eiskalt die Kontrolle. Rückwärts ließ sich Novak Djokovic, soeben zum neuen Tennis-König von New York gekürt, auf den blaugetünchten Centre-Court-Boden fallen. Elegant wie ein Artist sank er nieder, rollte formvollendet ab und blickte dann für ein paar Sekunden aufgewühlt in den nachtschwarzen Himmel über dem Arthur-Ashe-Stadion. „Es war ein Moment, den ich am liebsten für alle Ewigkeit festgehalten hätte“, sagte der neue US-Open-Champion, der in einem grimmigen, erbitterten Zweikampf den Titelverteidiger Rafael Nadal 6:2, 6:4, 6:7 (3:7) und 6:1 niedergerungen hatte.
„Irreal“ nannte Djokovic den vielleicht größten Erfolg dieser Paradesaison, in der er wie ein alles verschlingender Gigant die Titel und Trophäen an sich riss. Mit dem dritten Sieg beim vierten Major-Turnier 2011 jedenfalls konnte Djokovic nicht eindrucksvoller seine Dominanz in der Tenniswelt illustrieren, eine Überlegenheit, die niemals erwartete Dimensionen angenommen hat. „Was er da hinlegt, ist einfach verrückt“, befand der unterlegene Nadal, der auch schon das Wimbledon-Endspiel gegen den Serben verloren hatte. Gegen den Mann, der vom Späßchen- und Faxenmacher inzwischen zur definierenden Figur des aktuellen Tennis aufgestiegen ist.
Das großartige Endspiel, erst im Sonnenlicht, später unter den Flutlichtstrahlern in der Ashe-Arena ausgetragen, brachte Djokovics Klasse wie in einem Gesamtkunstwerk noch einmal durchschlagend auf den Punkt: In beiden Auftaktsätzen lag der 24-jährige Titelheld mit 0:2 zurück, kämpfte sich aber gegen den spanischen Granden entschlossen und völlig unbeeindruckt zurück ins Match. Im ersten Akt gingen nach dem Fehlstart sogar alle weiteren sechs Spiele an den Champion, der wie im Rausch die Bälle vom Schläger wegzauberte und mit großer Kunstfertigkeit die schwierigen Herausforderungen herrlich leicht aussehen ließ.
Sechsminütige Behandlungspause wegen Rückenschmerzen
Seine Zähigkeit war gleichwohl am meisten gefragt, gegen einen Tenniskrieger wie Nadal, der sich verbissen bis zum letzten Punkt wehrte. Nach dem dritten, im Tiebreak verlorenen Satz wurde Djokovic sechs Minuten wegen Rückenproblemen behandelt, nur um danach wieder bärenstark auf den Platz zurückzukehren. Sie kämpften beide um jeden Punkt wie um ihr Leben, aber allermeistens hatte Djokovic das bessere Ende für sich. „Außerirdisches Tennis“ nannte es Ex-Flegel John McEnroe und titelte gleich die Schlagzeile: „Djoker, der Galaktische“.
Grandioser und symbolischer hätte diese Ausnahmesaison ja auch gar nicht enden können für Djokovic, der im Halbfinale den Schweizer Maestro Roger Federer und dann im ultimativen Showdown auch noch Nadal besiegte – also jene beiden Spieler, die ihm jahrelang den Zugriff auf die exklusivsten Weltranglistenpositionen und die schönsten Titel verwehrt hatten. Ein extremer Härtetest wie hier in New York gegen die beiden einstigen Alphamännchen der Branche war allerdings keineswegs eine rare Erscheinung in den Monaten voller Glanz und Gloria des Serben, sondern die Regel – und wo der „Supermann“ (Los Angeles Times) früher eher scheiterte gegen die Mächtigsten seiner Branche, besiegte er sie nun serienweise. Immer und immer wieder. Vor New York, in New York, und vermutlich auch danach.
Vor einem Jahr war er noch mit einem einzigen spärlichen Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler in den „Big Apple“ gereist, hatte aber drei Niederlagen gegen Kollegen aus dem Eliteklub kassiert. Und 2011? Djokovic hatte schon eine Bilanz von 19:2-Triumphen gegen die Top Ten zusammenaddiert, ehe er sich auf der Zielgeraden der Offenen Amerikanischen Meisterschaften noch einmal die Herren Federer und Nadal vornahm und sein Arbeitszeugnis gegen die Allerbesten auf 21:2 verbesserte. „Keine Bilanz ist erhellender als diese“, sagte Jimmy Connors, der legendäre amerikanische Superstar, „Djokovic spielte unter größtem Druck und bei den größten Turnieren sein bestes Tennis.“
"Nur meine Freundin ist zum Glück noch da"
Kann ein Spieler sich so grundstürzend verändern wie Djokovic, der in der Szene früher als ewig Kranker, als Lamentierer, als Weichei und Nervenbündel galt, als Spaßvogel ohne letzte sportliche Bedeutung? Wenn man ihn heute sieht, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer Ausdauer- und Willenskraft, die sogar Spieler wie Nadal übertrifft, mit einer eisenharten Psyche zudem, dann ist die Antwort ein "Ja" mit drei Ausrufezeichen. „In den letzten Monaten habe ich eigentlich alles verändert in meinem Leben, nur meine Freundin, die ist zum Glück noch da“, scherzte Djokovic am vorerst letzten Traumtag einer Traumsaison, „meine Schläge, meine Strategie auf dem Platz, meine Ernährung, mein Fitnesstraining – alles neu. Und besser.“
Erst mit dem anderen Körpergefühl baute sich bei Djokovic auch langsam, aber unaufhaltsam, jenes Selbstbewusstsein auf, das nötig war, um zwei der Allzeitbesten seines Sports, Federer und Nadal, aus ihrer Wohlfühlzone zu stoßen – und sie schlussendlich auch von ihren angestammten Positionen 1 und 2 zu verdrängen. Der Djokovic des Jahres 2011 war plötzlich nicht mehr nur auf Augenhöhe mit dem einst so eleganten, selbstgewissen Maestro aus der Schweiz und mit dem kraftstrotzenden Matador aus Mallorca, sondern ein gutes Stück voraus. „Er hat das Spiel auf einen neuen, unglaublichen Level gehoben“, sagt der australische Coach und Analytiker Darren Cahill, „das ist ein Tennis, wie man es vorher noch nicht gesehen hat.“
Und zwar vor allem, weil seine Brillanz nicht nur in blitzlichtartigen Momenten aufschimmerte, sondern in einer atemraubenden Konstanz über Wochen und Monate. „Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?“, sagt Boris Becker, der sich wie die meisten Betrachter wundert, „was aus dem mageren Bürschchen geworden ist, das dauernd verletzt war.“ Nicht weniger als die beste Spielzeit eines Profispielers in der modernen Ära des Tennis legte der einst auch in der Münchner Akademie von Niki Pilic ausgebildete Djokovic 2011 hin - ein Mann, der seine Gegner mit einer unerschütterlichen Zuversicht und Hartnäckigkeit aus dem Weg stieß, einer, der absolut keine Zweifel mehr kannte nach seiner rasend fixen Transformation zum „Iron Man“.
Die Saison im Wanderzirkus der Tennisnomaden lässt sich, zugespitzt, in zwei Worte fassen: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele“, sagt Djokovic, „aber es ist wunderschön.“