
Von Jörg Allmeroth aus Melbourne
Als Rafael Nadal in der Geisterstunde des frühen Mittwochmorgens sein Vier-Satz-Werk gegen den Tschechen Tomas Berdych endlich vollbracht hatte, musste er auf äußerst müden Beinen noch zum obligatorischen Centre-Court-Interview schleichen – mit dem gelackten Zeremonienmeister Jim Courier, der früheren Nummer eins der Welt. Ein paar Nichtigkeiten wurden ausgetauscht, dann kam man endlich zur Sache, zum bevorstehenden Halbfinal-Klassiker Nadals gegen Roger Federer. „Das wird kein normales Spiel“, sagte Nadal, der erschöpfte Matador schließlich, „das ist nie ein normales Spiel. Es ist eben eine große Geschichte zwischen uns.“
Duell auf ungewohnter Ebene
Wohl wahr. Wenn der spanische Straßenkämpfer und der Schweizer Maestro am elften Turnierabend in der Rod-Laver-Arena aufeinandertreffen, wird die größte Rivalität der modernen Tennisgeschichte auch endlich wieder einmal in Melbourne neu belebt. Knapp drei Jahre nach einem dramatischen, unvergesslichen Finalmatch, in dem der bullige mallorquinische Fighter in fünf langen Sätzen seinen ersten Australian-Open-Titel gegen Federer holte, stehen sich die prägendsten Tennis-Gesichter des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts Auge in Auge gegenüber – allerdings in ungewohnter Grand-Slam-Anordnung schon in der Vorschlussrunde, ein Umstand, den Nadal so bewertet: „Es ist schon ein bisschen komisch, dass wir nicht in einem Finale gegeneinander spielen.“ Es ist komisch, und es ist auch sehr lange her: Genau am 3. Juni 2005 standen sie sich, damals Superstar Federer und Teenager-Sensation Nadal, im Halbfinale der French Open gegenüber – Nadal siegte und gewann zwei Tage später den ersten von bisher zehn Grand-Slam-Titeln.
Ihr Rendezvous vor dem finalen Grand-Slam-Akt, aber auch ihre allgemein rarer gewordenen Treffen bei den Major-Turnieren illustrieren die verschobene Macht-Architektur in der Branche. Erst war Federer der Alleinherrscher im Tennis-Universum, dann teilte er sich die Macht mit Nadal, dem ungestümen Emporkömmling, dann übernahm der gladiatorenhafte Spanier selbst das Kommando und vertrieb Federer aus seinen angestammten Paradiesen wie in Wimbledon. Und nun, im Hier und Jetzt, sind die beiden Rivalen Teil einer Vierer-Bande an der Spitze – und bloß noch Verfolger des neuen dominierenden Frontmannes Novak Djokovic. „Trotzdem haben die Spiele zwischen Roger und Rafa immer noch eine außergewöhnliche Magie. Die unterschiedlichen Typen, die unterschiedlichen Stile, das ist schon eine faszinierende Show“, sagt Amerikas langjähriger Davis-Cup-Coach Patrick McEnroe, „auch deshalb, weil die beiden sich über die Jahre besser gemacht haben als Spieler. Sie sind aneinander gewachsen.“
Großer Respekt trotz unterschiedlicher Meinung
Dass man zuletzt in der höheren Tennispolitik, also den Fragen des Turnierkalenders, einer Straffung des Spielplans oder auch der Verteilung der Siegerprämien, unterschiedlicher Meinung gewesen sein, ändere „überhaupt nichts“ am freundschaftlichen Verhältnis zu Nadal, sagt Federer. Geprägt sei die Beziehung „von großem Respekt“, findet Nadal, es sei nichts Ehrenrühriges, „wenn man auch mal klar Stellung bezieht.“ In den letzten Monaten hatte ihn geärgert, dass er sich selbst zu allen brisanten Themen den Mund verbrannt hatte, als Anführer der Protestwellen der Profis, während Federer, ganz Gentleman, sich entspannt zurücklehnte und alles gar nicht „so schlimm und brisant fand.“ Noch immer finde er es „großartig“, wie sich diese beiden Superstars zueinander verhielten, sagte am Mittwoch der herausragende Champion der vorprofessionellen Tennisära, der Australier Rod Laver, „das ist vorbildlich, fast beispiellos im heutigen Sport.“
26 Mal sah die Tenniswelt bisher gebannt dem Duell Federer versus Nadal zu, 17 Mal siegte Nadal, neun Mal Federer. Sechs der letzten acht gegenseitigen Grand-Slam-Finals gingen an den Spanier, auch die beiden einzigen Matches, die in den Spielserien 2009, 2010 und 2011 bei den Majors stattfanden – in Melbourne vor drei Jahren und in Paris im letzten Sommer. „Was hat das schon zu bedeuten? Die Statistik sagt nichts“, findet Nadal, „gestern war gestern.“ Federer spürt derweil „echt Rückenwind“ nach dem bärenstarken Finish in der letzten Saison, mit dem Höhepunkt des gewonnenen WM-Titels, und souveräner Spielregie im bisherigen Australian-Open-Verlauf. „Die Sicherheit und das Selbstvertrauen sind da. Und das braucht man auch gegen einen wie Rafa.“ (Fotos: GEPA pictures)