Die letzten paar Tage ging’s mir so fein, dass ich es hier, um nicht unnötig Neid zu schüren, nicht im Detail zu schildern gedenke… Stattdessen ein paar Infos, die vielleicht noch nicht allen von euch zu Ohren gekommen sind.
Wie alljährlich treffe ich auch diesmal auf die bislang völlig entspannte Misses Judy Murray, die mich jeweils freundlichst grüßt und gegebenenfalls gern ein bisschen mit mir plaudert, um die Wartezeit vor den Partien der Söhne ein wenig kurzweiliger zu gestalten. Wir pflegen die britische Tradition des Tees – nicht um Punkt 17.00 Uhr, aber immerhin, womit ich die Dame auf einen solchen, schwarz ohne Zucker, einladen darf…
Und ein bisschen gelingt es mir vorsichtig, doch das eine oder andere heraus zu hören. So zum Beispiel die durch Ivan Lendl auflebende, neu entfachte Euphorie im Team, aber auch um Judys eigene Ambitionen, als renommierter Coach sitzt sie diversen Gremien vor und ist neuerdings auch für das britische Fed-Cup-Team zuständig. Sie schildert den interessanten Prozess des gegenseitigen Profitierens – soll heißen: Ivan und Judy lernen täglich voneinander. Besonders erfrischend sei der humorvolle Zugang des zwischenzeitlich dem Golf frönenden „Heimkehrers“ Lendl, der seinem Ruf als härtester Arbeiter dennoch auch in diesem Job treu bleibt und Andy vor allem psychologisch, taktisch und die Self-Confidence betreffend sehr helfen würde.
Natürlich bin ich seit Tagen auch auf der Pirsch was Ivan selbst betrifft, und die Probe aufs Exempel war auch erfolgreich. Dunkel, es ist ja inzwischen knapp 20 Jahre her, scheint er sich noch zu erinnern, als wir einst im zum Bersten vollen Dusika-Stadion anlässlich des Show-Matches mit Thomas Muster bei dessen Wiederkehr nach der neunmonatigen Zwangspause, bedingt durch den Unfall in Miami, einen Interview-Termin gehabt haben oder durch die damalige Vorstellung meiner Person durch Wojtek Fibak, den bis heute erfolgreichsten polnischen Tennisstar Polens der sich später als Kunstkenner und Sammler sowie Immobilien-Tycoon etabliert hat. Fibak war jahrelang Lendls Doppelpartner und Berater in schlagtechnischen Belangen.
Also kurzes Shakehands, mit Ivan ein paar Worte, aber bitte nichts Journalistisches, darüber möchte er nichts sagen. Also konfrontiere ich ihn mit mir immer noch präsenten Details seiner Finals ’89 und ’90 hier in Melbourne, worauf ich ein Kompliment ernte, und die Anekdote, die Lendl hier während eines frühen Spiels von Andy abgeliefert hat. Er fragt mich stolz danach, ob ich’s registriert hätte; leider nein; worauf Ivan mit spitzbübischem Grinsen schildert, wie er der fix montierten Kamera, die direkt neben der Player’s Box montiert und ständig auf die Coaches gerichtet ist, einfach sein Kapperl aufgesetzt habe. Wodurch – no na – keine TV-Bilder von ihm zu sehen waren und Andy später geglaubt hat, da sitzt noch ein Fremdling in der Box. Selbiges erheitert Herrn Lendl und ist mir selbst, humoristisch ähnlich trivial veranlagt, auch sehr sympathisch. Tiefschürfenderes ist leider noch nicht drinnen, aber immerhin schenkt mir Ivan nun täglich ein lächelnd dargebrachtes „Hey man, how are you?“ Obwohl ich weiterhin zur Kenntnis nehmen muss, dass es Ivan hier stets überaus eilig hat. Verständlich, denn es gilt die Partie zwischen Djokovic und Ferrer zu beobachten und daraus hilfreiche Rückschlüsse für seinen Schützling zu gewinnen…
Ebenfalls sehr medienscheu gibt sich der Coach von Vika Azarenka, der, wie es der Zufall will, während der Partie Sharapova – Kvitova neben mir Platz nimmt. Im Vergleich zu Lendl ist Samuel Sumyk, der die Weißrussin seit knapp zwei Jahren betreut, ein echter Steno-Profi – er kritzelt hieroglyphengleiche Aufzeichnungen in sein Notizbuch, um bei den Seitenwechseln doch auf Komplimente anzusprechen. So gratuliere ich zur augenscheinlichen mentalen Entwicklung Azarenkas und werde darin bestätigt, dass der Coach dahingehend Initiativen gesetzt hat. Natürlich werden die Karten nicht auf den Tisch gelegt, aber einmal mehr ist klar, dass auch hier das letzte Mosaik im Gesamtkunstwerk viel zu lange als vermeintlich unbedeutsam gehandhabt worden war…
Meine Lieblingsfrage dahingehend die Self-Confidence betreffend, erklärt Azarenka später wie folgt: „Das ist ein langes, tiefgreifendes Thema und man kann echtes Selbstvertrauen letztlich nur durch Erfahrungen aufbauen. Was nützt es, wenn man sagt ‚ich bin voller Selbstvertrauen’, wenn man es sich sozusagen theoretisch antrainiert und suggeriert – letztendlich ist es so, dass man es spürt da draußen, ich kann’s auch gar nicht richtig beschreiben, was da abläuft, aber ich spüre es einfach, dass ich besser bin als früher und stärker als die Gegnerin, auch wenn ich so wie heute gegen Kim am Ende gewackelt hab. Ich weiß tief drinnen, ich schaffe es, egal, wie schwer es im Moment scheint, und dann danach ist alles wie eine riesige Erlösung nach dem Matchball, aber ich hab mich da inzwischen trotz Nervosität viel besser im Griff als früher.“
Ein paar Tage zuvor wollte ich wissen, woher Kim Clijsters, trotz generell reduzierten Turnierplans und gegenwärtig noch dazu am Knöchel blessiert, ihr unerschütterliches Selbstvertrauen und die Fähigkeit nimmt, eben meist besser zu sein, wenn’s wirklich drauf ankommt. Besonders das große Match mit Na Li, als die Belgierin nicht weniger als vier Matchbälle abgewehrt hat, war ein Musterbeispiel an mentaler Stärke. „Gute Frage, ich finde letztlich ist es die Erfahrung über die Jahre. Wenige erinnern sich, aber ich hab ja auch so wie jetzt etwa Wozniacki zunächst jahrelang auf einen Grand-Slam-Titel warten müssen. Aber ich hab immer gewusst, irgendwann ist es so weit. Und ich hab’s geschafft, und daraus und aus diversen engen Partien entstehen Erfahrungen, die ich vielen anderen einfach voraushabe. Und das fasziniert mich auch so am Tennis, selbst wenn man nicht gut spielt, kann man in dieser One-to-one-Situation immer Mittel finden, letztlich irgendwie durch zu kommen, zu fighten, zu beißen, zu rennen bis zum allerletzten Punkt, weil man ja immer die Chance hat, das Ganze noch umzudrehen.“
Apropos MUSTER-Beispiel. Der Tominator hat sich in diesem Jahr eher rar gemacht abseits der meist recht ansprechenden Auftritte im Legenden-Doppel mit dem „Aussie“ Wayne Arthurs. Wir begegneten uns gestern beiläufig. Tom verweilt vor und zwischen den Partien diesmal anders als im Vorjahr kaum auf der Anlage und wirkte auch diesmal bemüht, raschest das Weite zu suchen. Kurzes Shakehands, feinfühlig frage ich NICHT nach einem Interview, was einen verdutzten, allerdings auch enorme Erleichterung beinhaltenden Blick des Helden nach sich zieht.
Eher zum Smalltalk neigend Herr Patrick Rafter, mit dem ich Davis-Cup-Tratsch pflege, und er nun weiß, dass wir in Wr. Neustadt („Where about is it?“) gegen Russland spielen werden, und der Youzhny für sehr gefährlich hält. Dass dieser aber, wie ich vergessen habe bislang zu schildern, auf meine Nachfrage unwirsch reagiert hat und meinte „Bis dahin ist ja noch so viel Zeit, das ist alles noch nicht sicher“, verblüfft Rafter ebenso, wie die Informationen von Bogomolov, der wiederum gemeint hat, dass Youzhny in Wr. Neustadt kaum mit dabei sein werde…
Ohne erwähnte Begegnungen schmälern zu wollen, das Highlight war jene unerwartete am Australia Day, als es im Player’s Cafe nebst Barbecue plötzlich eher tierisch zuging. Man hatte Koalas samt Pflegerinnen engagiert, und es durfte eifrig gestreichelt werden - nein, nein, nur das behaartere Getier! Und ich erkor das süße Knäuel einmal mehr zum absoluten Vorbild: 20 Stunden schlafen, dazwischen gefüttert und gestreichelt werden – da geht nicht viel drüber, oder???
(Fotos: Andreas Du-Rieux)