Andreas Du-Rieux

w.w.w. – welch 
wunderbare Wandlung… 

…en eigentlich, denn mehrfach positiv überrascht fällt auch dieses Resümee aus.

 

W-1 : Wie schön zu sehen, dass ein TEAMGEIST Einzug hielt, der in dieser reinen, ehrlichen, auch mit reservierter Distanz von außen wahrzunehmenden, KAMERADSCHAFTLICHEN Form bislang nicht existiert hat.

 

Ich möchte die selbsterlebte Davis-Cup-Geschichte und ihre Teamkonstellationen kurz in Erinnerung rufen.

 

Österreich wäre zu klein, hieß es, um zwei oder gar noch mehr Tennishelden gebührend Platz an der (medialen) Sonne zu bieten. Es schwelten hinter den Kulissen mit beharrlicher Tradition jeweils Konflikte, die zumindest verdeutlicht haben: Ohne MICH ist das Team nix. Oder zuweilen: ICH bin das Team.

 

Schon zwischen Profi-Pionier Hans Kary und dem etwas jüngeren Peter Feigl wurde gehörig gezündelt – auch der ältere Peter Pokorny war des Öfteren involviert, sodass es einst Walter Föger und dessen diplomatischem Geschick zu verdanken war, dass Österreich überhaupt in Topbesetzung auflaufen konnte.

 

Die Ära der Musketiere war ebenfalls ein Musterbeispiel dafür, dass selbst trotz Semi-Mobbings im Team Klasseleistungen möglich sind. Leider – individuell erbracht – letztlich für sich selbst, die Rahmenbedingung der Mannschaft, als notwendiges Übel erachtend.

 

Trotz interner Hahnenkämpfe und Machtspielchen hatte man nach außen hin „gemeinsam“, intern eher „einsam“, das Semifinale im Davis Cup erreicht, wobei 1990 die Gegebenheiten des weitläufigen Praterstadions glücklicherweise mehrere weit entfernte Umkleideräumlichkeiten geboten haben. Soll heißen: Hier die Kabine ÖSTERREICH mit dem Drei-Viertel-Team um Meister Muster – dort, am anderen Ende des Ganges, sprich 150 Meter entfernt, die Garderobe des nicht unbedeutenden Viertels SKOFF. Einer gegen alle, alle gegen Einen – Hoasti, Gott hab ihn selig – meist gesegnet mit der seltenen Gabe, aus Schwäche Stärke zu beziehen: „The more you whistle, the better I play“ –, war vielleicht letztlich auch am Hohn „seines“ Teams zerbrochen. „Jetzt muss der kleine Dicke beweisen, wie gut er ist“, zischte es „motivierend“ für Skoff gut hörbar aus den eigenen Reihen, als es darum ging, gegen Chang zu bestehen…

 

Danach Jahre ohne Muster im Davis Cup – bis endlich die Rückkehr gefeiert werden durfte, erstaunlicherweise gar ohne Skoff und Antonitsch im Team, obwohl die doch so gern mitgemacht hätten…

 

Schade um ein paar vergeigte Jahre, ehe man es verstand, sich zu arrangieren und der letzte Einzug ins Viertelfinale zustande kam. 1995 mit dem Sieg gegen Spanien im Dusika-Stadion unter einem danach aufgrund einer Wette kahlköpfigen Captain, der nun 17 Jahre später die präsidiale Kapitänsschleife und damit große Verantwortung über Österreichs Tennis übernimmt – nicht ohne, dahingehend schon lang gedanklich vorsorgend, bereits auch an der Nach-Besetzung des Schaller-Nachfolgers beteiligt gewesen zu sein.

 

Und damit zu W-2: Wunderbar, wie es der ehemalige Jugend-Mannschaftsweltmeister Clemens Trimmel in kurzer Zeit verstanden hat, den beschriebenen einmaligen TEAMGEIST in alle Richtungen zu vermitteln. Wenn da am Freitag, in der Individual-Sportart Tennis, Kameraden stehen, die Schulter an Schulter gerührt die Bundeshymne intonieren, kurz bevor’s ernst wird, ist das mehr als zur schaugestellter Patriotismus – nur am Rande, aber doch immer dabei, darf ich nicht nur dafür ein Riesen-Kompliment aussprechen. Clemens und seinen FREUNDEN, den Spielern!

 

W-3: Wandlung… vielleicht nicht das richtige Wort für die unter der bekannten Vorgeschichte des mäßigen Saisonstarts von Jürgen Melzer erbrachte Top-Leistung. Jeder – auch Jürgen selbst hat sich gefragt – wie er annähernd wieder zu jener Form finden soll, die er braucht, um für Österreich gegen Russland, wie immer unter dem Druck zweimal punkten zu müssen, und das quasi 5 vor 12, bestehen zu können.

 

„Ich hab mir das gut überlegt und hab dann gewusst, ich muss einfach nach Zagreb fahren, ich brauch Matches, ob Quali oder nicht, ich will alles tun, um gewappnet zu sein im Wettkampf, und das hat sich bezahlt gemacht.“

 

Wobei ich anfüge: Für Jürgen eine ganz einzigartige Erfahrung. Denn: „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich ganz allein bei einem Turnier war. Ohne irgendeine Bezugsperson. Selbst in der Jugend waren meistens die Eltern dabei.“

 

Eine Tatsache, die banal klingt, aber als Schlüsselerlebnis Berge versetzt hat. Jürgen Melzer hat also SELBST zunächst mit scheinbar kleinen Siegen die nun so großen, strahlenden, wichtigen Erfolge eingeleitet und einmal mehr bestätigt, wozu er fähig ist.

 

Jetzt an dieser Stelle neuerlich eine Lanze für ihn zu brechen, wäre schon fast zu viel des Guten – denn, und das zeichnet den MENSCHEN Jürgen Melzer besonders aus, ihn ziert wahrhaftige Bescheidenheit. Es war mir jedoch nach verbal mitgeschlagener Schlacht hinter dem Mikrofon ein echtes Anliegen, Jürgen persönlich zu gratulieren, in einem kurzen Moment abseits des Rummels. Also galt es, die Intervieworgien abzuwarten, während derer ich mir überlegt habe, wie ich es vermitteln soll, dass es etwas heißt, wenn ein abgebrühter Routinier der Szene von Gänsehaut und feuchten Augen übermannt wird – und tief drinnen ein Gefühl der Genugtuung verspürt durch, von und letztlich wieder für Jürgen Melzer!

 

So war der Kern der Gratulation nicht vorrangig an die eben erbrachten sportlichen Leistungen geknüpft, sondern darüber hinaus an einen oft missverstandenen Menschen, der in Wirklichkeit, wie mir die Szene neuerlich bewiesen hat, ein ganz sensibler, feiner Kerl ist, dem ich dazu gratuliere, wie er sich abseits des Courts, trotz immer größer werdender Erfolge in den letzten Jahren, menschlich beeindruckend entwickelt hat.

 

Es scheint gelungen zu sein, die Botschaft richtig rüber zu bringen.

 

Jürgen wirkt verlegen, gar ein bisschen schüchtern, blickt zu Boden und sagt: Danke, danke, danke.

 

Und mein Schatzi meint treffend: „Du, das war ur lieb, wie der Jürgen plötzlich rot geworden ist…“

 

Ich bedanke mich gleichermaßen auch für die erfreulichen menschlichen Qualitäten aller anderen Team-Mitglieder und bitte um Nachsicht, sie diesmal nicht so ausführlich behandelt zu haben.

 

W-3: Wann dürfen wir Ähnliches wieder erleben? Blickt man in nicht allzu ferne Zukunft, ist klar, dass Österreich neben „AHM“ bald andere Top-Spieler von Weltgruppen-Niveau brauchen wird. Dass Tennis Österreich und damit der teils neuformierte Verband dynamischere, greifende Visionen zielstrebiger als bisher verfolgen muss, liegt auf der Hand. Der Zeitpunkt ist ideal – neue Besen kehren bereits eifrig. Demnächst übernimmt Ronnie Leitgeb also ein Amt, in dem er wesentlich mehr als sein geschätzter Vorgänger bewirken kann…

 

Die Aufbruchsstimmung weiter voranzutreiben, den Tennissport auch in der öffentlichen und sportpolitischen Wahrnehmung dem eindrucksvoll erbrachten Top-8-Level der Welt entsprechend mit gebührendem Stellenwert zu versehen, muss das kurzfristige Ziel sein, um langfristig jene Mittel zu lukrieren, die nötig sind, auch künftig Weltklassespieler hervorzubringen.

 

Abschließend gilt es dem Aufruf Clemens Trimmels, alle Kräfte hier zu Lande zu bündeln, alle zur Verfügung stehenden Fachleute ZUSAMMEN zu bringen und GEMEINSAM an einem Strang zu ziehen, zu folgen – um auch über den Tennis-Tellerrand hinaus für ähnlichen TEAMGEIST zu sorgen, wie ihn unsere Davis-Cup-Mannschaft bereits verinnerlicht hat.

 

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Kommentare
Kommentare (2)
14.02.2012 20:49:11
Johannes
Guter einschätzung!!
Jetzt noch die fotocamera hinter den zaun halten auf die wichtige punkte!
14.02.2012 16:06:19
roro
Wunderbar.
Warme.
Worte.
DANKE !!!


Als kritisch-kompetenter Journalist und vielseitiger Moderator zeigt sich Andreas Du-Rieux beim ORF seit einem Vierteljahrhundert von der seriösen Seite. Als "der große Schwede on Tour" polarisiert er, auf der ÖTV-Seniorentour ist er der Schrecken der Hallendächer, als regierender Bronzemedaillengewinner der Journalisten-EM beweist er praktische Tennis-Kompetenz