Stefan Koubek

Waisenkind 
und selbstlos 

Manche Umwege machen also doch Sinn: Heute hab ich gegen den jungen Ungarn ein ziemlich gutes Match gespielt, drei Siege in drei Tagen, und das ist vor allem auf diesem komischen Boden hier in Zagreb doch ein ziemlicher Vorteil gegenüber denen, die sich an die Verhältnisse erst gewöhnen müssen.

 

Freilich hab ich dann aber doch einen Weg gefunden, den Vorteil wieder auszugleichen. Und zwar auf relativ typische Koubek-Art. Ich gehe also nach dem Quali-Finale in die Turnierleitung und frage nach, ob sie die Qualifikanten schon zugelost haben. Nein, haben sie nicht, sagen sie, aber gut, dass ich da bin, soll ich gleich Waisenkind spielen und die Qualifikanten zulosen.

 

Zur Auswahl stehen: Wildcard Veic auf diesem Boden als bestes Los, dann der Ukrainer Marchenko und der Deutsche Zverev als Okay-Lose und Radek Stepanek, den man nicht unbedingt braucht.

 

Koubek zieht als ersten Namen: „Stepanek, Radek“. Dann zieht er von den vier umgedrehten Münzen die mit der Nummer zwei, und auf der Tafel steht neben der Nummer zwei: „Koubek, Stefan“. Also eher eine selbstlose Performance beim Auslosen, kann man sagen.

 

Auf der Tour kennt man zwei Stepaneks: den auf dem Platz und den neben dem Platz. Neben dem Platz ist er angeblich extrem witzig und nett, auf dem Platz gilt er aber als ziemlicher Reizer. In gewisser Weise reizend ist auch sein Modegeschmack, nämlich für die Augen. Manchmal hat der Dressen an, dass man glaubt, man schaut gerade eine „Universum“-Folge über Flamingos und Papageien. Ich glaube, wenn in China in den Textilfabriken irgendwelche Farben übrig bleiben, färben sie damit spezielle Dressen für ihn, dazu spielt er diesen komischen achteckigen Schläger, der ausschaut wie meine Rackets in der Jugend nach einer Niederlage … also rein optisch kann ich mir erklären, warum sie uns morgen um elf Uhr vormittags angesetzt haben, wo die Halle wahrscheinlich noch nicht aus allen Ecken platzen wird.

 

Aber jetzt Spaß beiseite: Spielerisch ist Stepanek eine sehr harte Nuss. In Brisbane hab ich ihn ein bisschen gesehen, da haben Fish und Flo Mayer nicht gut gegen ihn ausgeschaut. Er serviert und retourniert sehr gut, die Rückhand ist solide, die Vorhand gefährlich – aber die ist der Schlag, der auch zusammenbrechen kann.

 

Wenn ich auch nur irgendeinen Auftrag gegen Stepanek haben will, dann muss ich auf jeden Fall besser servieren als heute gegen Balazs: 45 Prozent erste Aufschläge waren eher unterirdisch. Dass ich trotzdem so klar gewonnen habe, freut mich aber umso mehr, weil die spielerische Leistung wirklich okay war.

 

Das Ranking ist mir mittlerweile eher egal: Ob ich 120 stehe oder 170 wie seit heute, das macht keinen Unterschied, wenn man zehn Jahre erste Hundert war. Spaß macht's, wenn man die Jungen ärgern kann … und aus meiner Sicht ist ja sogar ein 32-Jähriger wie der Stepanek schon fast ein junger Hund … ;)

 

cu auf tennisnet.com

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