Jahrelang galt Peter Nagovnak als großes Versprechen für die Zukunft. Ende 2007 kam der erste große Rückschlag: Nach einer Handgelenks-Operation konnte der junge Steirer fast ein Jahr lang keine Rückhand spielen, weitere sechs Monate hatte er Probleme mit dem Timing. Nach einem Jahr in der Südstadt wollte er schon das Handtuch werfen, entschied sich aber noch einmal anders. Doch mit dem sich anbahnenden Südstadt-Rauswurf im Sommer 2009 versank Nagovnak in depressionsähnlichen Zuständen, wollte einige Zeit lang vom Tennis nichts mehr wissen. Am 1. Dezember 2010 wurde der 18-Jährige dennoch Österreichischer U18-Hallenmeister – „obwohl ich eineinhalb Jahre lang nicht mehr professionell trainiert hatte.“ Bis vor kurzem selbst noch hoffnungsreiches Talent, betreut Nagovnak nun in jungem Alter unter anderen die Hoffnungen von morgen. tennisnet.com unterhielt sich mit Nagovnak in Biograd über die Gründe für sein Karriereende, über die Zukunft, wie es ist, plötzlich auch Hausfrauen Trainerstunden zu geben, warum er der verpassten großen Tennis-Laufbahn nicht mehr nachtrauert und welchen großen sportlichen Traum er trotzdem noch hat.
Peter, wie kommt es, dass man dich in Kroatien als Trainer auf dem Platz stehen sieht?
Rainer Leber hat mich gefragt, ob ich das machen will. Er ist Leiter der iowin-Tennisschule und der Bruder von Andreas Leber, dem die Tennis Base Austria gehört. Rainer hat mir angeboten, diese Camps zu absolvieren und Stützpunkttrainer beim TC Judendorf-Straßengel zu werden. Ich denke mir, das wäre ein guter Einstieg in die Trainer-Szene.
Deine professionellen Ziele sind also ad acta gelegt?
Ja. Ich hab mich darüber lange mit meinen Eltern unterhalten und diese Entscheidung ist dabei rausgekommen. Durch meinen Rausschmiss aus der Südstadt im Sommer 2009 und den seelischen Problemen, die ich unter anderem dadurch zu dieser Zeit hatte, hab ich ein halbes Jahr lang dann gar nicht gespielt und bin zum Schluss gekommen, dass das Profigeschäft einfach nichts für mich ist.
Was ist denn in diesem halben Jahr in dir vorgegangen?
Ich bin im Sommer 2009 nach dem Abschluss der Schule in der Südstadt von meinen Eltern in Leoben nach Graz gezogen und hatte auf nichts mehr Lust. Das hat schon begonnen, als es sich abgezeichnet hat, dass ich die Südstadt verlassen werde müssen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt bin ich mir nur mehr wie das fünfte Rad am Wagen vorgekommen, so als ob ich für die anderen trainieren würde. Ich hab dann Ende 2009, Anfang 2010 American Football zu spielen begonnen.
Groß bist du ja, aber sonst hast du nicht unbedingt die geeignete Statur dafür, oder?
(Lacht) Na ja, ich war schnell, sehr schnell. Und das kann man als Wide Receiver ja durchaus brauchen. Ich hab bei den Graz Giants gespielt und spiele dort heute noch hobbymäßig in der Zweier-Mannschaft und in der U19. Der Teamspirit im Football gefällt mir einfach.
Was nimmst du aus deiner Tennis-Karriere fürs weitere Leben mit? Wie groß ist die Enttäuschung, dass es mit der Profi-Laufbahn nichts geworden ist?
Ich hab mit dem allem abgeschlossen, ich will nicht jammern. Ich hab wichtige Erfahrungen gemacht, sehr viel gelernt. Ich weiß, wie man sich um was kümmern muss, wenn es um einen selbst geht, wie man sein Leben führen muss, ich bin viel selbstständiger geworden. Während meiner Südstadt-Zeit hatte ich auch keine allzu gute Beziehung zu meinen Eltern. Die ist aber danach wieder stärker geworden.
Warum erst dann wieder?
Weil mir bewusst geworden ist, dass sie die Einzigen sind, auf die ich mich immer verlassen kann. Absolut immer. Von dem her bin ich also keineswegs unglücklich, es ist schon gut so, wie es gekommen ist. Vom Tennis her ist es natürlich schade.
Woran siehst du deine Karriere gescheitert? Abgesehen von deinen Verletzungen auch durch die stiefmütterliche Behandlung des Verbandes, von der man oft gehört hat?
Ich will jetzt nicht mit Schuldzuweisen anfangen, ich hab auch Fehler gemacht und war oft zu unselbstständig. Zum Thema Südstadt hat eh schon jeder seinen Senf abgegeben. Sie ist als Institution prinzipiell sicher gut.
Aber?
Es gehört so einiges effektiver gemacht. Wenn sich alle untereinander besser verstehen und absprechen würden, Betreuer nicht immer gleich pünktlich heimgehen, sondern versuchen würden, eine richtig gute Beziehung zu einem Sportler aufzubauen, wäre vielleicht mehr drin. Aber die Situation ist nicht leicht, besonders jene von Schaller. Er muss all die finanziellen Sachen mit den Funktionären klären und trotzdem sportlich richtige Entscheidungen treffen – oft waren’s leider die falschen. Aber er kann sicher nicht alles so machen, wie er es selbst gerne hätte. Er ist nicht dafür verantwortlich, dass ich nicht Profi geworden bin.
Was war dann das Problem?
Es ist schwer zu sagen. Ich hätte etwa damals sicher auch mehr psychische Unterstützung gebraucht. Ich hab zwar schon immer wieder mit einem Psychologen geredet, aber das hat mir nicht wirklich geholfen. Ich hätte eine andere Person gebraucht, die für mich wie ein Bruder oder Vater ist und zu 100 Prozent hinter mir steht. Inwieweit ein Trainer dafür verantwortlich wäre, weiß ich nicht, das kann ich nicht sagen.
Inwieweit waren auch die finanziellen Probleme ausschlaggebend?
Es war etwa so, dass ich eine Südamerika-Tour, wie sie die 91er-Jahrgänge damals gemacht haben, niemals mitmachen hätte können, selbst wenn’s geplant gewesen wäre, dass ich mitfahre. Das war von meinen Eltern nicht gewollt, weil’s einfach nicht drinnen war. Und ich kann von ihnen auch nicht verlangen, dass sie dafür auf etwas verzichten. Mit dem Abgang aus der Südstadt war’s für mich grundsätzlich klar, dass es vorbei ist, weil es so nicht mehr finanzierbar war. Beim ÖTV war’s finanziell schon eng, so ist es noch weniger gegangen.
Hat es da wirklich gar keine Chance mehr gegeben?
Nur wenn ein Trainer mit guten Konditionen gekommen wäre, dann hätte vielleicht noch eine Chance bestanden.
Obwohl du dann eineinhalb Jahre nicht professionell trainiert hast, bist du Ende letzten Jahres U18-Hallenmeister geworden. Eigentlich unglaublich, oder?
Ja. Ich hab davor als Sparringpartner in der DNA-Academy von Oliver Marach gespielt und von September bis Ende November mit Lorenz Fink, Niklas Scheucher und David Altmann trainiert. Die Jungs haben mich perfekt für das Turnier eingeschlagen. (lacht)
Mit welchen Ambitionen hast du das Turnier überhaupt bestritten?
Ich hab mir gesagt, das ist meine letzte Chance bei Jugendmeisterschaften. Es hat mir grad Spaß gemacht und ich wollte schöne Matches spielen. Als ich dann in der zweiten Runde gegen Christoph Lang Matchbälle abgewehrt hab, ab dem Zeitpunkt war mir alles egal. Ich war davor auch noch krank, hatte bis zwei Tage vor dem Turnier Fieber. Ich bin mit dem Gedanken hingefahren, ich geh auf alles drauf.
Das scheint ja gut geklappt zu haben…
Ja, es ist mir alles aufgegangen. Das ist schon ein unglaublicher Sieg, den ich da für mich selbst errungen hab. Ich hab’s meinem Vater ein Jahr davor, als ich im Halbfinale gegen Patrick Ofner verloren hatte, noch angekündigt: „Ein Mal gewinn ich’s noch!“
Hat dir auch dieser Erfolg keinen Anstoß mehr geben können, es vielleicht doch noch mal international zu probieren?
Nein, eigentlich nicht. Ich hab schon davor mit dem Thema abgeschlossen gehabt. Ich bin davon überzeugt, dass ich kein Profi-Turnierspieler bin. Ich bin nicht taff genug, um übers ganze Jahr hinweg Turniere zu spielen. Ich denke mir bei vielen Turnieren sonst „Was tue ich eigentlich da?“ Ich hab Respekt vor jedem, der’s probiert, aber ich will nicht nur die Nummer 300 auf der Welt sein. Für die Top 100 hab ich einfach nicht genug Talent, es ist zu spät.
Sehr reife Ansichten…
Es ist einfach die Tatsache. Es gibt auf Erden vielleicht ca. 1000 bessere Leute als mich, die auch nicht mal in die Top 100 kommen. Es sind so viele gescheitert mit professionellerem Umfeld und mehr Talent als ich.
Wie sieht nun dein Lebensplan für die nächsten Jahre aus?
Der ist eigentlich schon ziemlich fix. Ich will zuerst in Graz die Matura am Sport-BORG für Leistungssportler machen, und das wie in der Südstadt mit möglichst vielen Einsern. Ich hab immer einen Notenschnitt von unter 1,5 gehabt. (lacht)
Ist danach dann ein Studium geplant?
Ja, ich will an der Montanuni Leoben Umweltschutz studieren. Mich zipft vieles an, was derzeit passiert, wie die Politik die Leute übergeht und die Wirtschaft das Leben und die Gesellschaft beeinflusst. Ich hab auch überlegt, selbst in die Politik zu gehen, aber dazu müsste ich wohl früher oder später meine eigenen Überzeugungen ablegen, um erfolgreich zu sein – und das wollte ich nicht. Von der Wirtschaftsseite her was zu verändern, ist vielleicht besser möglich.
Und was ist mit deinem Trainerjob? Wäre der etwas für dich?
Mit meinem Hobby Tennis werde ich mir weiter ein bisschen Geld verdienen. Hauptberuflich wäre das glaub ich nichts für mich. Es gefällt mir, man lernt viele Leute kennen, es macht viel Spaß, aber es ist nicht das, was ich mal mit meinem Leben anfangen will.
Kommt es dir nicht ein bisschen komisch vor, als selbst bis vor kurzem noch großes Talent mit erst 18 Jahren jetzt selber Talente zu trainieren?
(Lacht) Ich bin schon noch sehr jung, das fällt mir auch auf, besonders wenn ich mit Älteren trainiere. Aber jetzt ist mir dafür noch alles in bester Erinnerung, was ich glaube, was bei mir falsch gelaufen ist. Und mit meinem Enthusiasmus kann ich jetzt vielleicht noch viel mehr bewirken. Ich helfe daher auch manchmal in der Tennis Base Austria von Andreas Leber aus. Ich spiele gerne mit den Jungen, das macht voll Spaß. Da sieht man noch das Feuer in denen, das taugt mir.
Und wie ist das, wenn du mit Hausfrauen spielst? Etwas ungewohnt, oder?
(Lacht) Ja, schon, aber grad das ist interessant. Ich denke mir oft: Wenn ich der das als halber Profi nicht beibringen kann, dann bin ich kein guter Trainer. Es ist eine Herausforderung. Ich versuche mich mit allen möglichen Hilfsmitteln, man kann als Trainer extrem kreativ sein.
Gibt es noch irgendwelche sportlichen Ziele, die du dir verwirklichen willst?
Ja. Ich freu mich schon seit meiner Unterschrift total darauf, für den WAC spielen zu können. Der Club taugt mir irrsinnig und ich hab bis jetzt ja immer unter der Landesliga gespielt. Jetzt stehe ich in einer Staatsliga-Mannschaft mit einem Ex-Profi wie Dominik Hrbaty auf Position eins, das ist einfach unglaublich. Einmal auch nur ein Doppel mit ihm spielen zu können, das würde mir alles geben.
Das Gespräch führte Manuel Wachta.
(Foto: tennisnet.com/ Manuel Wachta)