Philipp Oswald exklusiv: 
"Die Top 150 sind ein 
realistisches Ziel!" 



Die tennisnet.com-Saisonbilanzen und -Ausblicke, Teil 12: Philipp Oswald. Der Vorarlberger hat 2011 dank fünf Future-Turniersiegen in der Weltrangliste von Platz 415 aus einen Sprung nach vorne um rund 150 Positionen gemacht. Trotz des verpatzten Auftakts in die neue Saison blickt der 25-Jährige äußerst optimistisch auf 2012, er will die Top 150 knacken. Was passieren könnte, wenn er das nicht schafft, erzählte er tennisnet.com im Interview.

 

“Ich möchte am Ende der Saison sagen können, dass ich meine Aufgaben erfüllt habe und das Jahr über professionell gearbeitet habe (...). Ein zweiter Wunsch von mir wäre, dass ich mir am Ende der Saison eine Wohnung mieten kann, ohne jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen.” Diese Aussagen hast du 2010 im Saisonabschluss-Interview getroffen. Was davon hast du 2011 erreicht?


Ich bin sicherlich selbstständiger geworden als in den Jahren zuvor und habe meine Ziele noch klarer vor Augen. Bei den Topspielern sieht man, dass gute Fitness eine Grundvorraussetzung auf dem Weg nach oben ist und ich habe mich im körperlichen Bereich sicher gesteigert. Ich war zwar früher nicht faul, aber ich bin jetzt reifer und besser organisiert.


Und wie sieht es mit der eigenen Wohnung aus?


Bis jetzt habe ich, wenn ich in Vorarlberg war, noch zuhause bei den Eltern gewohnt. Nachdem meine Freundin jetzt aber mit ihrem Studium fertig geworden ist, werden wir im Februar zusammenziehen. Darauf freue ich mich schon riesig. Wir sehen uns zwar durch meine Reisen eher selten, aber sie gibt mir sehr viel Rückhalt. Sie misst mich nicht an meinen sportlichen Erfolgen, sondern für sie steht meine Persönlichkeit im Vordergrund.

Im Vorjahr hattet ihr aber durchaus Grund zur Freude. Immerhin hast du dank fünf Future-Titeln im Einzel wieder den Sprung unter die Top 270 geschafft. Wie zufrieden warst du mit der abgelaufenen Saison?

Größtenteils sehr zufrieden, ich habe mich mit den Erfolgen auf Future-Ebene von einem Platz um 420 wieder in die Regionen einer Grand-Slam-Quali gespielt. Schade war nur, dass ich in Wien im Einzel in der Quali nicht zum Einsatz gekommen bin, weil Tommy Haas eine Wildcard für die Quali haben wollte. Ich habe im Hinblick auf Wien ein Future in der Türkei ausgelassen und habe in der Stadthalle dann nur im Doppel spielen können.

Dafür hat es im November in Ortisei mit deinen ersten Challenger-Hauptbewerbssieg seit November 2010 geklappt...

Auch damit war ich sehr zufrieden, leider bin ich dann im Achtelfinale gegen Philipp Petzschner überknöchelt. Danach bin ich noch zur Quali nach Salzburg gefahren, das war aber eine Katastrophe: Ich habe die Umstellung von der Höhenlage und dem schnellen Belag in Ortisei auf den langsamen Boden in Salzburg nicht richtig geschafft. Außerdem hab ich nicht genau gewusst, ob der Knöchel hält und gegen Weissborn, der eine sehr gute Leistung gezeigt hat, war dann irgendwie schon die Luft draußen.


Der Start in die diesjährige Saison ist dann auch eher unglücklich verlaufen. In Doha bist du nicht in die Quali gekommen, bei den Australian Open musstest du in der ersten Quali-Runde die Segel streichen. Wie bilanzierst du?

Die Bilanz ist natürlich ernüchternd und die Reise mit zwei Trainern war auch nicht ganz billig. Aber wir haben im Vorfeld nicht genau gewusst, wo ich in die Saison starten soll. Das Turnier in Brisbane wäre das größte Risiko gewesen, das war in den letzten Jahren immer sehr stark besetzt. Von der Reise war Doha die beste Variante, zudem wäre ich mit meinem Ranking in den vergangen Jahren in der Quali drinnen gewesen. Heuer war aber leider auch die Quali sehr stark besetzt und ich bin nicht reingekommen.

Und musstest letztlich ohne Matchpraxis zur Australian-Open-Quali nach Melbourne fliegen.


Ich habe in Doha zwar mit guten Leuten trainiert, aber Matchpraxis wäre natürlich schon besser gewesen. In Australien hatte ich in den ersten Tagen mit Abstimmungsproblemen und dann auch noch mit Armproblemen zu kämpfen, die mich besonders beim Aufschlag behindert haben. Die windigen Bedingungen und nur rund 17 Grad sind mir auch nicht unnedingt entgegen gekommen, aber die waren für alle gleich. Von den vielen Trainingssätzen, die ich in Melbourne gespielt habe, habe ich nur sehr wenige gewonnen, trotzdem bin ich im Match gegen Arnau Brugues-Davi durchaus zu meinen Chancen gekommen. Aber leider hat mir die Matchpraxis und in den entscheidenden Phasen die Ruhe etwas gefehlt.

Kannst du der Reise trotz der mageren Bilanz Positives abgewinnen?


Ich hatte die ganze Zeit gute Trainingspartner, die zwischen 100 und 200 im Ranking stehen und mit denen ich normalerweise seltener trainieren kann. Ich habe gesehen, dass ich auch mit diesen Spielern durchaus mithalten kann. Außerdem war es schön, wieder einmal bei einem Grand Slam dabei zu sein. Das ist schon eine geile Atmosphäre und die Australian Open werden von den Spielern völlig zurecht "Happy Slam" genannt. Die Reise hat mir auf jeden Fall noch einmal gezeigt, dass die Teilnahme an einem Grand-Slam-Hauptbewerb mein Ziel sein muss und für mich auch durchaus in Reichweite ist.

Wie sieht dein Turnierplan für die kommenden Wochen aus?


Nachdem ich bis jetzt nur ein Match in dieser Saison gespielt habe, werde ich in Kaarst und Nußloch zwei 15.000er in Deutschland bestreiten. Es standen noch die Challenger in Heilbronn und Kazan zur Auswahl, dort wäre ich aber nicht einmal in der Quali gesetzt. Jetzt hoffe ich, dass ich bei den beiden Futures ein paar Matches bekomme und Punkte sammeln kann. Danach wird es einen Mix aus Futures und Challenger-Teilnahmen geben und im Sommer möchte ich auch die eine oder andere Grand-Prix-Quali versuchen. Momentan brauche ich aber jeden Punkt, um mich im Ranking nach vorne zu schieben, darum hab ich mich für die Futures als sichere Variante entschieden. Ich hoffe, mir gelingt möglichst rasch der Sprung auf einen Platz um 220, dann fällt die weitere Saisonplanung auch um einiges leichter.

In den vergangenen Jahren hast du des öfteren gute Future-Ergebnisse abgeliefert, auf Challenger-Ebene wollte es bisher nicht so recht klappen. Hast du eine Erklärung dafür?


Bei Futures kann ich eine schlechte Leistung mittlerweile mit meiner Routine ganz gut kompensieren. Bei den Challengern ist das Niveau schon deutlich höher, da muss ich mehr Risiko nehmen, um erfolgreich zu sein. Da fehlt es leider noch an der Konstanz, um auch hier regelmäßiger Siege einzufahren.

In unserem
letzten Interview hast du erzählt, dass du heuer mit einem Mentaltrainer arbeiten möchtest. Wie sieht die Zusammenarbeit bislang aus?


Ich hatte im Dezember mit Dr. Christian Uhl eine Sitzung und seither einige Telefonate. Er hat mir dabei Aufgaben gestellt, und wenn ich diese erfülle, dann beginnt die volle Zusammenarbeit. Auf mich hat er in jedem Fall einen sehr guten Eindruck gemacht, hat meine Schwächen und Stärken sehr gut erkannt.


Wo seht ihr deine Schwächen und Stärken?


Mein Trainer Joachim Kretz sagt immer, dass ich ein "big game" habe. Ein offensives Spiel, bei dem ich auf meine Waffen bauen muss – egal wer auf der anderen Seite steht. Momentan lasse ich mich aber noch zu leicht einschüchtern und verunsichern. Dann stehe ich zu weit hinter der Grundlinie, statt selbst das Kommando zu übernehmen und aggressiver in den Platz reinzugehen und das Tempo zu bestimmen. Da fehlt es mir am nötigen Selbstvertrauen, aber daran werden wir in Zukunft arbeiten.


Wie sieht das in der Praxis aus, wie erarbeitet man sich Selbstvertrauen?


Durch Matchgewinne und Turniersiege tankt man natürlich die größte Portion Selbstvertrauen. Aber auch kleine Übungen im Training können viel Auftrieb geben. Wenn ich mir für eine Einheit etwas vornehme und das auch umsetzen kann, steigt das Selbstvertrauen weiter.


Vor den Australian Open hat Clemens Trimmel gemeint, dass du mit guten Leistungen ebenfalls Chancen auf eine Einberufung ins Davis-Cup-Team hast. Stärkt so etwas das Selbstvertrauen? Hast du momentan den Eindruck, näher am Team dran zu sein als in der Vergangenheit?


Ich habe mich sehr gefreut, überhaupt erwähnt worden zu sein - so etwas motiviert schon. Aus meiner Sicht macht Clemens bis jetzt einen sehr guten Job. Die Kommunikation ist auf jeden Fall besser als früher, wo zu mir eigentlich kein Kontakt vorhanden war. Der Davis Cup ist für mich nach wie vor ein langfristiges Ziel und ich werde versuchen, durch sportliche Leistungen auf mich aufmerksam zu machen.


Was muss passieren, damit du beim Saisonabschluss-Interview 2012 zufrieden Bilanz ziehst?


Ich möchte heuer alle vier Grand Slams spielen, dafür stehen die Chancen gut, da ich bis Juni nur wenig Punkte zu verteidigen haben. Ein genaues Ranking-Ziel setzte ich mir aber nicht. Es soll aber in Richtung Top 150 gehen, das ist ein durchaus realistisches Ziel. Sollte ich das klar verpassen, würde ich den Fokus wahrscheinlich aufs Doppel legen. Wenn du mich zum Saison-Ende fragen kannst, wie es bei mir im Einzel 2013 weitergehen wird, dann war es eine gute Saison. (Foto: GEPA pictures)

 

Das Gespräch führte Bernt Baumgartner.

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