Verkrachte Großmeister: 
Zerwürfnis von 
Federer und Nadal 



Von Jörg Allmeroth aus Melbourne

 

Vor den Weihnachtsfeiertagen 2010 saßen Roger Federer und Rafael Nadal wie zwei gute alte Kumpel zusammen im Privatjet auf dem Weg nach Madrid. Am Abend zuvor hatten der Maestro und der Gladiator einen Schaukampf für Federers Stiftung in Zürich bestritten, tags darauf folgte nun der verabredete Gegenbesuch des Schweizers in Spanien, in einem von Nadals Management organisierten Wohltätigkeitsmatch. Die beiden Spiele für den guten Zweck, sie waren noch einmal der machtvolle Ausdruck einer freundschaftlichen Beziehung der beiden Alphawölfe des Wanderzirkus, der Beweis eines kollegialen Miteinanders, das keineswegs selbstverständlich war im Egoistenbetrieb des Profitennis. „Federer und Nadal setzen den Ton für den sauberen Umgang in der Branche“, meldete damals das spanische Blatt „Marca“.

 

Nadal will sich nicht die Hände schmutzig machen

 

Doch wenn nicht alles täuscht, gibt es in der einst so störungsfreien Beziehung der beiden Tennis-Großmeister inzwischen ernsthafte Risse. Gelitten hat die jahrelang wie selbstverständliche Harmonie zwischen dem eleganten Eidgenossen und dem kampfesmutigen Mallorquiner in dem Streitgeschehen, das seit einigen Monaten heftig hinter den Kulissen des Männertennis tobt. Es geht dabei um den übervollen Terminkalender, ein neues Weltranglistensystem, die Zahl der Pflichtturniere in der Saison für die Topstars und auch um die Preisgelder bei den vier herausragenden Grand-Slam-Turnieren.

 

Und am Sonntag, noch vor den ersten Ballwechseln bei diesen Australian Open, hatte Nadal, der Vizepräsident der Spielervereinigung, endgültig satt, wie die Arbeitsteilung in dieser schwelenden Krise bisher lief. „Ich bin dauernd der, der in der Öffentlichkeit vorprescht und die Kritik einstecken muss“, sagte der 25-jährige, „Roger hält sich da raus, hat sowieso eine andere Meinung, die er für die richtige Meinung hält. Und ist immer der Gentleman.“ So aber, befand Nadal, „kann das nicht weitergehen.“ Als die Journalisten ihn dann auf das jüngste, höchst turbulente Spielertreffen in Melbourne ansprachen, bei dem offenbar neue Streikandrohungen ausgesprochen worden waren, weigerte sich der pikierte Matador, auch nur die kleinsten Informationsbruchstücke weiterzugeben: „Ich bin es leid, ewig die Frontfigur zu sein. Derjenige, der die Streitpunkte anspricht.“ Und sich die Hände schmutzig macht. Federer redete am Montagabend keinesfalls über den Disput hinweg, er sprach davon, dass er ständig mit Nadal im Dialog sei. Und er sagte auch: „Früher hörte man von Rafa: Was immer Roger sagt, ist okay für mich. Jetzt ist er gereift und vertritt einen eigenen, klaren Standpunkt. Das ist gut, das bereichert die Diskussion."

 

Spieler fordern Reform des Weltranglistensystems

 

Was immer die Tennisszene in den letzten Monaten bewegte, es bewegte auch Nadal und Federer auseinander. Nadal plädierte angesichts der ewigen Verletzungsmisere im Wanderzirkus für eine Schrumpfung der Turnierlandschaft und forderte, dass die Zahl der Pflichtwettbewerbe reduziert werden müsse – Federer hielt dagegen mit dem Argument, jeder Spieler sei selbst verantwortlich für eine sinnvolle Planung. Nadal war für den Holländer Richard Krajicek als neuen ATP-Boss, Federer lehnte den Ex-Wimbledonchampion ab, plädierte stattdessen für einen erfahrenen Geschäftsmann. Nadal wollte ein Ranglistensystem auf Zwei-Jahres-Basis, in dem sich Verletzungszeiten der Spieler besser kompensieren ließen, Federer, stets der Traditionswahrer, wehrte auch diesen Vorstoß ab, eine solche Reform, so gab er zu Protokoll, ändere „ziemlich unnötig“ ein gut laufendes System. Auch als Nadal rund um die ATP-Finals im November in London wieder einmal über die zu lange Saison und die zu kurze Winterpause klagte, stand er ohne Federers Unterstützung da. „Ist es gut, seine Karriere mit einem Körper zu beenden, der überall lädiert ist? Vielleicht hat Federer ja einen Superkörper, vielleicht hört er auf und sieht aus wie eine blühende Rose“, sagte Nadal jetzt in Melbourne dazu, „für die meisten Spieler ist es ein Kampf da draußen, eine Schlacht. Und nicht etwas Schwereloses wie für Roger.“

 

Freilich wirkt in dem Kampfgetümmel zwischen den Profis und den ATP- und Grand-Slam-Funktionären eher Federer, der Chef des Spielerrates, isoliert. Bei der WM in London sprachen sich beispielsweise alle Spieler mit Ausnahme Federers für eine Reform des Weltranglistensystems aus. Besonders Andy Murray, aber auch Novak Djokovic und Andy Roddick schlugen sich wiederholt und demonstrativ auf Nadals Seite. In dem hitzigen Profimeeting in Melbourne kamen am letzten Samstagabend, so berichten es jedenfalls Augen- und Ohrenzeugen, sogar ernsthafte Streikandrohungen ins Gespräch, ganz gegen Federers Willen, „nicht alles in Frage zu stellen und zu kritisieren“. Ein Spieler soll dabei sogar den umgehenden Boykott der Australian Open gefordert haben.

 

Streikmaßnahmen nicht ausgeschlossen

 

Hintergrund des schweren Krachs ist hier die Ausschüttungspolitik der Major-Turniere, die im Gegensatz etwa zu manchen US-Profisportarten (rund 50 Prozent) nur etwa 13 Prozent ihres Umsatzes an die Spieler verteilen. Selbst bei regulären ATP-Wettbewerben, monieren die Kritiker, würden 30 Prozent ausgeschüttet. Das Gros der zusätzlichen Gelder solle dabei nicht an die Topstars fließen, sondern an die Spieler aus den unteren Weltranglistenregionen, sagen die Befürworter – und glauben so die Vorwürfe von Raffke-Mentalität und mangelnder Sensibilität in Zeiten der Finanzkrise parieren zu können. Streikmaßnahmen der Profis schon bei den French Open oder gar im Grand-Slam-Heiligtum Wimbledon seien keineswegs ausgeschlossen, sagt ein Topprofi im Schutz der Anonymität, „die Sache ist ernster, als mancher Turnierboss es noch glaubt.“ (Foto: GEPA pictures)

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Kommentare
Kommentare (5)
16.01.2012 21:14:08
nadalfan
Beim Tennis geht es weniger um Geld als bei 99% der anderen Weltsportarten. Tennisspieler zu sein ist noch eher eine Berufung als Fußballer oder Footballer!
16.01.2012 19:15:13
Trottldoktor
Sie sind Protagonisten des Systems. Wenn sie nicht wollen rücken genug nach die dem System "Unterhaltung" gehorchen. Die sportliche Leistung ist doch schon lange nebensächlich. Primär geht es um Show, Geld, Geld, Geld,.....
16.01.2012 18:49:04
nadalfan
Also erstens: Nadal hat immer recht :).
Zweitens: ein bisschen entschärft gehört der Kalender schon. Ich meine, jede Woche irgendwo anders Tennismatches zu spielen, muss schon ziemlich anstrengend sein
16.01.2012 17:48:38
Poelli
ich bin der letzte, der nadal verteidigt, weil er ein sinnloser tennisroboter ist, aber:
1. im artikel steht genau, dass ein großteil des zusatzpreisgeldes den schlechter platzierten spielern zugute kommen soll, was zb für AHM's etc. schon sehr wichtig wäre und außerdem verdient, weil auch diese spieler für ihre teilnahme an einem grandslam ordentlich entlohnt gehören.
2. an wen sollen denn die gewinne der grandslams denn sonst gehen? an die organisatoren? an die ITF? an den nationalen tennisverband? an irgendwelche funktionäre???
also bitte - den größten anteil am zuschauererfolg der grandslams haben immer noch díe spieler - also sollen sie auch die knete kriegen, die dabei verdient wird! und zwar auch jene um 100 der weltrangliste bzw. 1. und 2. rundenverlierer.
faktum ist: riesige gewinne werden erzielt und versickern irgendwo - und landen nicht bei den spielern.
gerecht? ich meine, nein. also: streikwürdig.
16.01.2012 16:58:12
colambo
Die verdienen Millionen im 2-stelligen Bereich und wollen streiken??? hahahaha Was will Nadal damit erreichen? Die Antwort ist klar: weniger spiele für noch mehr Geld! Der soll mal Schwefel abbauen in Indonesien, die machen das über Jahrzehnte für einen Groschen am Tag; Weichei!


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