
Von Jörg Allmeroth aus Melbourne
Als der Stadionsprecher Roger Federer
gerade mit wärmsten Worten als „einen der größten Spieler“ verabschiedete, „die je in dieser Arena aufgetreten sind“, sank auf dem Centre Court Rafael Nadal
noch einmal nieder in den Ringstaub und ballte die Fäuste in den kühlen, nachtschwarzen Himmel über Melbourne. Es war ein leicht paradoxer Moment am Ende des 27. Giganten-Duells zwischen Federer und Nadal, eine halbe Stunde vor Mitternacht im vollgepackten Laver-Stadion: Der mächtig Gelobte, der Schweizer Maestro, verließ in Wahrheit als bitter geschlagener Verlierer die Australian Open, und der gefallene Mann am Boden war wirklich obenauf, dieser schier unverwüstliche Matador Rafael Nadal. „Wie in einem Traum“ wähnte sich der 25-jährige Mallorquiner nach dem dramatischen 6:7-(5),-6:2,-7:6-(5),-6:4-Sieg im Tennis-Evergreen, der ihm seinen zweiten Finaleinzug beim Grand Slam-Spektakel „down under“ einbrachte, nach dem Triumph des Jahres 2009. Auf Schwerstarbeiter Nadal wartet nun der Sieger des anderen Halbfinalduells am Freitag – zwischen dem Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic
und Großbritanniens Hoffnungsträger Andy Murray.
„Die Enttäuschung ist schon sehr groß“, sagte der ausgeschiedene Federer, als schon der neue Tag in Melbourne angebrochen war.
Es war eins der unberechenbarsten Duelle zwischen dem eidgenössischen Grand-Slam-Rekordhalter und dem Mann, der ihm als erster im Wanderzirkus die liebgewonnene Allmacht streitig gemacht hatte und dann sogar zu seinem gefürchteten Angstgegner geworden war. Selbst in den letzten Minuten des bisher packendsten Turniermatches der Australian Open 2012 schien noch einmal alles möglich, der sich abzeichnende Triumph des Gladiators Nadal. Aber auch eine atemraubende Kehrtwende durch den verzweifelt fightenden Federer, der sogar einen Matchball beim 4:5-Rückstand im vierten Satz abwehrte. Damit verschaffte er sich allerdings im Nachhinein nur eine kurze Gnadenfrist gegen den zu allem entschlossenen Nadal, der seine Mission nach drei Stunden und 42 Minuten beendete – gegen öffentliche und eigene Zweifel hatte sich der am Knie leicht verletzte und am Knie dick bandagierte Kämpfertyp wieder einmal in ein großes Finale durchgeschlagen. Auch wenn man dem Weltranglisten-Zweiten zuletzt gern und oft eine Krise unterstellte, wäre es eine Krise, auf die 99,9 Prozent aller Profis sofort einschlagen würden – immerhin hatte Nadal ja nun bei den letzten vier Grand Slams mindestens jedes Mal das Finale erreicht und in Paris 2011 das Turnier auch gewonnen. „Dieser Marsch ins Endspiel gibt mir eine Menge Selbstvertrauen, für eine Saison, die noch sehr hart und strapaziös wird“, sagte Nadal später.
Federer galt bei vielen in der Tennis-Karawane als Titelfavorit Nummer eins, nicht nur wegen seines mächtigen Schlussspurts in der vergangenen Saison, sondern auch wegen der überzeugenden Auftritte in den ersten anderthalb Wochen dieses Turniers. „Ich habe eigentlich gedacht: Roger ist in der optimalen Situation, um die letzten beiden Top-Matches hier zu gewinnen“, sagte am Mikrofon von Australiens Tennissender „Channel Seven“ der alte Weggefährte Federers, Lleyton Hewitt, „doch da ist immer noch ein Mann auf der anderen Seite des Platzes. Und der heißt Rafael Nadal.“ Und der ist der Mann, der Federer noch immer und immer wieder die größten Probleme bereitet – und ihn aus seiner emotionalen Wohlfühlzone treibt. Schon vor dem Match hatte Nadals Trainer und Onkel Toni sachlich und ohne jede Schärfe festgestellt, „dass Roger gegen Rafa mental nicht diese Statur hat wie in den Spielen gegen andere“ – und der Übungsleiter sollte auch für dieses 27. Duell der beiden Großmeister recht behalten, in dem sein Schützling zwar nicht so zupackend wie üblich seine Chancen nutzte. Aber immer noch genügend Big Points verwandelte, um den betrübten Federer auf die Heimreise zu schicken.
Der Eidgenosse zauberte diesem Marathon zuweilen wie in seinen besten Zeiten, wie ein Balletttänzer feder(er)te er über den Boden des Tennispalastes am Yarra River. Aber es waren eben nur Momentaufnahmen des Genialen, die gegen den Ausdauerkünstler Nadal schlichtweg nicht ausreichten – das Spiel Federers war zu brüchig, zu wenig konsistent. Er leistete sich insgesamt 65 einfache Fehler, gewann nur 35 von 57 Netzangriffen, und in vielen Phasen wirkte er einfach zu hektisch gegen den ungeliebten Centre-Court-Kontrahenten Nadal. „Sein Selbstbewusstsein war mal da, war dann wieder verschwunden. Eine ziemliche Wellenfahrt“, sagte Australiens Davis-Cup-Coach Patrick Rafter als Beobachter. Federers Einschätzung, Nadal spiele gegen ihn „besser als gegen jeden anderen Spieler“, wurde von den trockenen Fakten mehr denn gestützt: Zwei Drittel aller gegenseitigen Partien hat der Spanier nun gewonnen, darunter auch acht von zehn Grand Slam-Spielen. (Foto: Jürgen Hasenkopf)
Masterkillah
Auf Indoor und einem schnellern Hardcourt schaut das ganze natürlich anders aus.
moserroland
nadalfan