Ende einer Titelära? 
Die Zweifel um den 
ewigen Spielverderber 



Von Jörg Allmeroth aus Melbourne

 

Es ist noch nicht lange her, da war der elegante Schlägerschwinger aus der Schweiz der Alptraum einer ganzen Spielergeneration. Wenn Roger Federer in seinen allerbesten Zeiten auf die Centre Courts marschierte, dann waren die Höchstpreise im Tennis-Wanderzirkus für die stärksten Rivalen, für Lleyton Hewitt, Andy Roddick, Tommy Haas oder Juan Carlos Ferrero, ungefähr so wahrscheinlich wie ein Lotto-Sechser mit Zusatzzahl. „Er nimmt mir die schönsten Pokal weg. Andauernd, ohne Pause“, sagte Roddick einst schmunzelnd, der Ballermann der Branche, „aber hassen kann ich Roger trotzdem nicht. Er ist ja ein ziemlich netter Typ.“

 

Wie Popeye ohne Spinat

 

Als Federer am späten Donnerstagabend matt und frustriert aus der Rod Laver Arena schlich – in der Stunde seines Australian-Open-Halbfinal-Scheiterns gegen Rafael Nadal – hat man sich unwillkürlich an die alten Tage seiner souveränen Dominanz und an die vielen bitteren Grand-Slam-Enttäuschungen seiner langjährigen Weggefährten erinnern müssen. Und zwar, weil nun Federer nicht mehr der Mann ist, der anderen das Spiel verdirbt als Seriensieger, als strahlende Nummer eins und gefeierter wie gefürchteter Maestro. Sondern weil er der ist, dem durch einen menschlich angenehmen, sportlich aber höchst unbequemen Gegenspieler das Spiel um die wichtigen Titel verdorben wird – durch keinen anderen als den Gladiator Rafael Nadal. „Gegen mich spielt er besser und stärker als gegen jeden anderen Gegner“, sagte Federer einigermaßen perplex, als seine nunmehr schon 18. Niederlage im 27. Match gegen den bulligen Mallorquiner perfekt war. Nur sage und schreibe zwei Mal hat der 30-jährige Eidgenossse seinen fünf Jahre jüngeren Herausforderer überhaupt bei den Tennis-Majors schlagen können, 2006 und 2007 in Wimbledon. „Nadal ist Federers Alptraum“, sagte Australiens Davis Cup-Boss Patrick Rafter, selbst Ende der 90er-Jahre zweimaliger Champion bei den US Open.

 

Geht die große Grand-Slam-Titelära Federers allmählich zu Ende? Es ist eine reichlich komplexe Frage. Es hat sich zwar noch nie gelohnt, Federer schon in den Vorruhestand zu schicken und Nachrufe auf den Größten seiner Zeit zu verfassen, den Mann mit den 16 Grand-Slam-Titeln. Aber eins ist auch klar: Steht ihm Nadal bei einem der vier Topturniere im Weg, dann ist es mit der Pracht und Herrlichkeit des Schweizers vorbei. „Ich spiele gern gegen Roger. Es ist schön, sich mit ihm zu messen“, sagte Nadal in der Nachschau zum Grand-Slam-Evergreen am Donnerstag. Das war aus dem Mund des untadeligen Sportsfreundes völlig wertfrei gemeint, aber es klang wie milder Zynismus des hartnäckigen Federer-Bezwingers. Steht jedenfalls dieser Nadal ihm Auge gegenüber auf einer der großen Tennisbühnen, verliert Federer sein lässiges Selbstvertrauen, wirkt wie Superman mit einer Dosis Kryptonit. „Oder wie Popeye ohne Spinat“, wie Melbournes Gratisblatt „MX“. Um leichten Spott nach dem Schaden der neuesten Niederlage musste sich Federer ohnehin nicht sorgen: Seine Chancen im Schlagabtausch mit Nadal seien etwa so verheißungsvoll wie die der „Christen, die im alten Rom gegen die Löwen ins Kolosseum mussten“, befand der englische „Guardian“ bissig.

 

Nadal hat die Lizenz für Siege

 

Die Zweifel an Federers Schlagkraft auf Grand-Slam-Niveau nahmen paradoxerweise zu, weil sich der alte Meister nach einem beeindruckenden Saisonfinish 2011, einer perfekten Vorbereitungsphase und einem starken Australian-Open-Start scheinbar in der idealen Position für einen Titelzugriff befunden hatte. „Wahrscheinlich war die Gelegenheit so günstig wie nie für Roger, noch einen Grand Slam zu gewinnen“, meinte sein alter Kumpel Hewitt. Gegen einen wieder stärkeren Nadal werde es „unheimlich schwer“ für Federer, noch einmal den langen Weg zu einem Major-Erfolg „zu Ende zu gehen“, sagte Australiens Tennislegende John Newcombe, „Rafa hat so etwas wie die Lizenz für Siege gegen Roger.“

 

Vor Federer, dem deutlich ältesten Spieler der „Fab Four“, der Fabelhaften Vier an der Weltspitze, liegt sowieso eine Saison der massiven körperlichen und psychischen Herausforderungen, mit Olympia-Medaillenkampf, aber auch Davis-Cup-Verpflichtungen. „Ich muss schon genau aufpassen, dass ich mich da nicht verzettele“, sagte der ernüchterte Eidgenosse vor seiner Abreise aus Melbourne, „vielleicht muss ich auch noch Turnierengagements streichen.“ Schon am übernächsten Wochenende geht es mit der Schweizer Nationalauswahl daheim gegen die USA, gespielt wird in der Halle auf Sand. Im Augenblick des Melbourne-Scheiterns empfand er das, geknickt und abgekämpft, als leicht zweifelhaftes Vergnügen: „Das wird wohl eine sehr spezielle Partie.“ (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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