Marathonmann Isner: Ein Riese 
macht mächtig Eindruck 



Von Jörg Allmeroth, New York

Er ist kein Grand Slam-Sieger, er ist kein Top Ten-Spieler. Und auch keiner, der wie selbstverständlich in die Fußstapfen der großen amerikanischen Tennisgeneration treten könnte.

Und doch: Seit Wimbledon 2010 ist John Isner daheim in Amerika ein Held. Ein Mann, den man erkennt, wenn er über die Straßen geht. Ein Star auch ohne große Titel. „Die Leute schauen mich ganz anders an. Und sie klopfen mir auf die Schulter, sagen: Gut gemacht, Junge“, sagt Isner. Der 2,06-Meter-Riese hat nicht nur dem Tennis im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch sich selbst ein fabelhaftes Schlagzeilenecho verschafft – mit dem Spiel der Spiele auf den grünen Tennisfeldern im All England Club. 70:68 hatte Isner in einem Ultramarathon im fünften Satz gegen den Franzosen Nicolas Mahut gewonnen, drei Tage lang, vom ersten Turnierdienstag bis zum Donnerstag, dauerte die sportliche Grenzerfahrung auf Court 18.

Zwar verlor Isner am Tag nach dem historischen Erstrunden-Kampf seine nächste Partie gegen den Holländer Thiemo de Bakker, doch vorbei war gar nichts. Jetzt ging es erst so richtig los für den Zwei-Meter-Schlaks aus North Carolina, der bisher nur durch seine Aufschlagkracher einigen eingefleischten Experten aufgefallen war. „Ich bin von Talkshow zu Talkshow gezogen. David Letterman hat mich angeschaut, als wenn ich von einem anderen Stern käme“, sagt Isner, „alle wollten mich haben. Alle wollten noch einmal alles wissen zu dem Spiel.“ Dass sein Tennis etwas litt bei soviel Öffentlichkeitsarbeit, war fast selbstverständlich – und auch zu akzeptieren: „Wenn man so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, muss man das auch mal nutzen“, findet Isner, „das war eine einmalige Chance.“ Am Mittwochabend gewann Isner sein erstes US Open-Spiel gegen den Portuguisen Frederico Gil, nun trifft er auf den Schweizer Stanislaw Wawrinka.

Isner, das „Phänomen von Wimbledon“ (LA Times), wollte eigentlich gar nicht Tennisprofi, sondern Sportreporter werden, am liebsten beim Spartenkanal ESPN. Den geradlinigsten Karriereweg schlug er auch nicht ein, etwa einen Internatsaufenthalt in einem der großen Tenniscamps wie bei Nick Bollettieri. „Das wäre auch nix für ihn gewesen. Er ist von Natur aus trainingsfaul“, sagt sein Coach Craig Boynton, „wenn man ihn im Training sieht, könnte man ihn manchmal für einen Spieler aus der Hobbyliga halten. Ich muss ihm immer Beine machen.“ Erst auf großer Bühne erwacht Isners Ehrgeiz, „da gibt er dann aber auch Vollgas“, so Boynton. Selbst als Collegespieler habe er noch eine „lausige Mentalität“ gehabt, sagt Isner, „ich habe dort eher das Leben genossen.“ Mit 21 wurde er sogar einmal mit Alkohol am Steuer erwischt.

Vergessen und vorbei. Nun will Isner die Auftritte bei den US Open-Festspielen nutzen, um sich im Gespräch zu halten und weiter auf der Welle der Sympathie und Popularität zu surfen. Was das sagenhafte Match in Wimbledon ausgelöst hat, läßt ihn aber immer noch staunen wie ein Kind. „Die haben mich sogar zum Eröffnungswurf bei einem Spiel der New York Yankees eingeladen“, sagt Isner, „ein Gefühl wie an Weihnachten, wenn einem ein großer Wunsch erfüllt wird.“ Die Fernsehleute vom „Tennis Channel“ und von ESPN 2 drehten daheim in Greenboro bunte Stories über den neuen Publikumsliebling - einen Burschen, von dem TV-Starreporter Bill Macatee sagt, „er sei der typische amerikanische Junge von nebenan, im besten Sinne normal.“

Was in den Features natürlich noch einmal in aussgewählten Höhepunkten vorüberzog, war nichts weniger als das unglaublichste Ausdauermatch aller Zeiten, ein Spiel für die Ewigkeit, ein Spiel der Rekorde und Bestleistungen, das es so nie mehr geben wird. Genau so wie das Spiel selbst brannte sich ja der Moment ins Gedächtnis ein, in dem beide Hauptdarsteller des Dramas unter tosendem Beifall vor der Anzeigetafel posierten, auf der das Basketball-Resultat des fünften Satzes abgebildet war. „Ich habe alles vor mir, als wäre es gestern passiert“, sagt Isner. Schliesslich hat er die Geschichte seiner Ausnahmeleistung inzwischen „ein paar Dutzend Mal“ erzählen müssen. Auch im Sportteil der „New York Times“ war er vor den US Open noch einmal prominent in einer Aufmachergeschichte als Hauptdarsteller des Dramas vertreten, bei dem er 112 Asse ins Feld von Mahut ballerte.

John McEnroe, der Plauderer vom Dienst, hatte ihm nach Wimbledon „wahres Heldentum attestiert“ und gesagt, beide Spieler, Mahut und Isner, hätten dem Tennis „eine kostenlose Werbekampagne im Wert von 100 Millionen Dollar“ verschafft. Einmal in Fahrt, prophezeite McEnroe auch noch, Isner werde sich bald in den Top Ten aufhalten, „das hat er einfach drauf.“ Isner hört´s mit Wohlgefallen, hat aber noch so seine Zweifel, dass ihm das in Bälde gelingt: „Ich bin kein Schnellstarter. In meiner Karriere dauert immer alles ein bisschen länger.“ Manche Spiele in dieser Karriere sowieso. (Foto: GEPA Pictures)

Hier die aktuell laufenden internationalen Turniere im Überblick.

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