
Von Jörg Allmeroth
Der französische Tennisverband hatte es gutgemeint mit dem Zeremonienmeister für die offizielle Kür des Roland Garros-Königs am Sonntagabend: Zwanzig Jahre nach seinem ersten formidablen Sieg in der roten Asche war Altmeister Jim Courier eigens eingeflogen worden, doch der Ami, der mit leicht säuerlicher Miene aufs Podium kletterte, wußte wohl selbst, dass er irgendwie in dieser außergewöhnlichen Stunde der falsche Mann am falschen Ort war.
45:1-Siege für Nadal in Paris
Björn Borg, der Mann, der das Profitennis in eine völlig neue Dimension des Spiels und der Vermarktung geführt hatte, der erste Popstar des Wanderzirkus, der sechsmalige French-Open-Sieger, er blieb nur der erträumte Protokollchef an diesem 5. Juni 2011. An dem Tag, an dem sich sein kongenialer Nachfolger mit dem wiederholten Triumph über Roger Federer auch in eine neue Pariser Grand-Slam-Erfolgsdimension spielte. „Es ist eine unglaubliche Ehre, mit Björn Borg in einem Atemzug genannt zu werden. Das erfüllt mich mit tiefem Stolz“, sagte Rafael Nadal, der Spanier, der seit seinem Debütsieg 2005 diesen Majorwettbewerb ruchlos dominiert und nun, wie der alte Schwede, ein halbes Dutzend Titel eingesammelt hat. 45 Siege und bloß eine Niederlage, dabei werde es nicht bleiben, gab aus der Ferne Borg, der verhinderte Finalgast, zu Protokoll: „Er kann, wenn er gesund und fit bleibt, hier noch ein paar Mal gewinnen. Bei sechs Titeln wird es nicht bleiben.“
Tatsächlich musste gerade Nadals sechster Roland Garros-Coup die Konkurrenz in Angst und Schrecken versetzen, schließlich spielte der 25-jährige Mallorquiner selten bei seiner 2011er Kampagne auf jenem magischen Leistungslevel wie noch vor drei, vier Jahren. Etwa wie 2008, als er den befreundeten Rivalen Federer schwerstens distanzierte und ihm nur vier Spiele in drei Sätzen gönnte. „Für mich ist der Sieg aber eine große Genugtuung“, sagte Nadal später, bei seinem Blick zurück auf wechselhafte 14 Pariser Tage, „ich habe mich durchgekämpft zum Sieg und irgendwie den Schalter noch umdrehen können nach dem harten Auftakt.“ Schwere Siege sind eben noch immersüßere Siege für den Mann, der im schweißtreibenden Sandplatztennis weiter seine größte sportliche Erfüllung findet. „Und Paris, diesem Turnier, gehört mein Herz, meine Liebe“, sagte er. In der größten Sandarena des Planeten eröffnete er sich einst die Perspektive für eine große Karriere, ziemlich genau sechs Jahre und fünf weitere Titel später krönte er sein kraftvolles Handwerk vorerst – der zweifellos prägendste Spieler auf diesem herausfordernden Tennisboden.
Freunde von Nadal haben das Nachsehen
Nadal hat sie alle abgewimmelt und ernüchtert auf dem Roten Platz, nicht nur Federer, dem er als erster überhaupt auf Augenhöhe begegnete und ihn dann auf Sandplätzen immer wieder schlug. Sondern auch all jene harten Malocher aus Südeuropa, aus Südamerika und aus seinem Heimatland Spanien, die viele Jahre große Grand-Slam-Hoffnungen im Gepäck hatten, aber von Nadal dann genau so regelmäßig zu Statisten abgestuft wurden. Freunde wie Feliciano Lopez, Fernando Verdasco, Nicolas Almagro oder auch Altmeister Juan Carlos Ferrero gehörten in diese Gruppe der Enttäuschten, Desillusionierten. „Niemals hat es einen größeren Spielverderber auf Sand gegeben als Nadal“, sagte Amerikas Ex-Superstar John McEnroe, „er lässt einfach eine ganze Generation ohne Chance auf diesem Belag.“ Letztes Jahr war Nadals Dominanz allerdings noch viel drastischer, damals gewann er neben Paris auch noch alle Masters-Turniere im Vorfeld, ein bisher einmaliger Coup. Dieses Jahr hob er sich den großen Schlag, den Grand Slam, eben für Paris auf, nachdem er bei den Top-Vorbereitungsturnieren in Madrid und Rom gegen Novak Djokovic verloren hatte. Den aber, den Saison-Überflieger, nahm ihm Freund Federer dankenswerter Weise im Halbfinale aus der Konkurrenz.
Der beste Sandplatzspieler der Welt und dieser Generation, stets bescheiden und nett geblieben, ist allerdings kein Spezialist, der sich nur hier seine Tennisträume erfüllen konnte – anders als die limitierteren Größen der Vergangenheit. Courier, Kuerten oder Muster, selbst Lendl, sie alle gewannen niemals in Wimbledon, während Nadal schon seinen „Karriere-Grand Slam“ in der Tasche hat, perfekt gemacht noch vor Vollendung des 25. Lebensjahres am vergangenen Freitag. In Australien siegt er so selbstverständlich wie in Wimbledon oder New York, sonst hätte er in dieser Ära der harten Gegnerschaft in der Weltspitze niemals den Gipfel-Platz besteigen können. Vorerst besieht er sich das Geschehen auch weiter von Platz eins, der Matador aus Manacor. Ausruhen kann er sich nicht lange, schon wartet Wimbledon um die Ecke. „Da wird es noch schwerer. Federer, Djokovic und Murray brennen sicher schon auf ihre Chance“, sagt Nadal, „aber ich weiß auch, wie man da den Titel gewinnt.“ (Foto: GEPA pictures)