Oscar-Bühne frei für den 
Djoker: "Unmenschlich 
guter Champion" 



Von Jörg Allmeroth aus London

 

Über den Dächern von London begann der mediale Marathonlauf des neuen Weltsportlers des Jahres gleich mit einem denkwürdigen Adelsschlag. Fünf Minuten nach seiner Thronbesteigung bei den „Laureus World Sports Awards“, der Oscar-Verleihung des Sports, stand Novak Djokovic auf einer Plattform hoch oben auf der Central Hall, er hatte einen majestätischen Blick auf die Skyline der Stadt, auf Westminster Abbey, Big Ben und das Riesenrad am Themseufer, er genoss diesen triumphalen Abend und diesen überwältigenden Augenblick, der irgendwie erst so richtig sein grandioses Tennisjahr 2011 abschloss. Und als es eigentlich kaum noch besser kommen konnte für ihn, den magischen „Djoker“, da betrat der ausgekochteste Typ im ganzen Tennis-Tourneebetrieb die kleine Bühne in luftiger Höhe – Ion Tiriac, der meisterliche Impresario und Milliardär aus Rumänien.

 

Was er zu Djokovics Kür zum Laureus-Champion halte, wurde Tiriac dann gefragt. Der zögerte für zwei, drei Sekunden, bevor er einen kurzen, aber umso eindrucksvolleren Monolog hielt: „Ich habe in meinem Leben vielleicht sechs Tennisspiele am Fernsehen in ganzer Länge verfolgt, von A bis Z. Der Sieg von Novak bei den Australian Open vor ein paar Tagen, diese Sechs-Stunden-Schlacht gegen Nadal, war eins davon. Vielleicht war es auch das letzte überhaupt, was ich mir angeschaut habe, denn mehr kannst du vom Tennis nicht erwarten. Das war eine neue Dimension in diesem Sport.“ Jedenfalls, so schloss Tiriac seinen Vortrag, könne er sich keinen besseren Sieger und Botschafter für „Laureus“ vorstellen als diesen Novak Djokovic, den Burschen, „der vor knapp zehn Jahren noch bei meinem Turnier in Bukarest vor der Tür stand und um eine Wildcard bettelte.“

 

In die Fußstapfen von Nadal

 

Es ist tatsächlich weit gekommen für den 24-jährigen Belgrader, der nicht nur im Nomadenbetrieb der Tennis-Profis die größten und schönsten Preise serienweise abräumt. Langsam, aber sicher erobert sich Djokovic auch abseits der Welt der Centre Courts ein Terrain, das bisher seinen härtesten Widersachern vorbehalten war, den Großmeistern Roger Federer und Rafael Nadal. Vier Mal hatte Federer die Oscar-Wahl für sich entschieden, im letzten Jahr schnappte sich Nadal die Höchstprämie des Sports in Abu Dhabi.

 

Und nun, in der Olympiastadt des Jahres 2012, war es eben Novak Djokovic, der dreimalige Grand-Slam-Champion der vergangenen Saison, der die alten Heroen aus dem Blitzlichtgewitter und den Schlagzeilen verdrängte – und der andere Nominierte wie Dirk Nowitzki, Sebastian Vettel oder Lionel Messi locker wegputzte im Bewerberrennen für den Königsthron. „Das ist eine überwältigende Ehre für mich. Es ist ein Gefühl wie sonst nur bei den größten Siegen auf dem Platz“, sagte der Serbe, der schon lange als Sieger feststand, jedenfalls noch vor dem jüngsten Melbourne-Coup, der an den zwei Laureus-Tagen in London das Gesprächsthema Nummer eins bei Sport-Superstars dieser und vergangener Zeiten war. Selbst Britanniens Premier David Cameron beglückwünschte Djokovic bei einem Empfang in Downing Street 10 zu einem Match und zu einem Sieg, „der sich wohl nicht nur ins Gedächtnis der Tennisfans eingegraben hat.“

 

Bleibt London die Feierstätte des Djokers?

 

Bei der langen Partynacht nach den Oscar-Zeremonien sprach auch Wimbledons ehemaliger Hausherr Boris Becker in großem Respekt von dem Mann, der wie nie zuvor in der Neuzeit seines Sports im Jahr 2011 eine Tennissaison geprägt hatte: „Der Djoker hat einfach eine unmenschliche Serie hingelegt. Da kannst du nur den Hut ziehen“, sagte Becker, „ich würde mich nicht wundern, wenn er in diesem Jahr auch in Paris gewinnt, bei den French Open.“ Schade sei es gewesen um die Landsleute Nowitzki und Vettel im Konkurrenzkampf um die Laureus-Trophäe, aber die „besten Argumente“ habe nun mal Djokovic für sich geliefert, „da gab es kaum Zweifel bei der Wahl.“ Kurz, aber prägnant befand Österreichs Ski-Ass Franz Klammer, Djokovic sei einfach „das neue Gesicht des Tennis“ und einer, „der dem ganzen Sport als faszinierende Persönlichkeit gut tut.“

 

Ob London im Jahr 2012 die Feierstätte für den Djoker bleibt, wird sich im Sommer weisen. Dann, wenn im Abstand von wenigen Wochen erst das Wimbledon-Turnier und dann der olympische Tenniswettbewerb im All England Club über die grüne Tennisbühne gehen. „Ich könnte hier eigentlich ein Zelt aufschlagen“, sagte Djokovic, bevor er die Frage, welches der „beiden Wimbledon-Turniere“ in dieser Saison denn nun wichtiger sei, mit üblichem Schalk beantwortete: „Am wichtigsten ist die Pause dazwischen.“ (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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