Beleidigung für einen Wettschein – Warum die Challenger voller Überraschungen sind

Auf der Challenger-Tour vermischt sich alles, und das macht das Spiel noch unvorhersehbarer.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 13.07.2016, 19:58 Uhr

Wettschein

Wenn Tennisspieler heutzutage via Facebook und Twitter von anonymen Personen bis weit unter die Gürtellinie beleidigt werden, geht es nicht selten um einen verlorenen Wettschein. 20 Euro wurden auf eigenes Risiko gesetzt. Schuld am Verlust ist natürlich nicht die Person, die den Wettschein abgegeben hat, sondern der Spieler, der das Match verloren hat. Es ist so wunderschön leicht, jegliche Schuld von sich zu weisen – indem man anonym die Tastatur bedient. Wie kann es sein, dass Spieler A in der Vorwoche noch im Halbfinale eines Challengers stand, um ein paar Tage später, bei einem schwächer besetzten Turnier, gegen einen krassen Außenseiter in Runde eins knapp in drei Sätzen zu verlieren?

Neben demjenigen, der seine Wette platziert hat, steht jemand anderes mindestens ebenso unter Strom – wenn nicht noch mehr. Was der Wettfreund nicht kennt, sind die Umstände, die jedes Turnier und jedes Match mit sich bringen. Vor jedem Match wird für jeden Spieler der „Reset“-Knopf gedrückt. Alles beginnt von vorn. Die Challenger-Tour besitzt eine enorme Leistungsdichte. Diese Dichte ist dazu gespickt mit jungen, talentierten Spielern, die zuvor nicht wirklich auf sich aufmerksam machen konnten. Wie auch, wenn diese Jungs noch nicht viele offizielle Matches bestritten haben?

Vom schnellen Hardcourt zum rumpeligen Sandplatz

Die Spieler auf der Challenger-Tour thronen während der Turniere nicht von den fürstlichen Balkonen der Fünf-Sterne-Hotels dieser Welt. Es gibt kein neunköpfiges Management, das den Spielern alle Verpflichtungen und Aufgaben aus dem Gesicht abliest und roboterartig übernimmt. Die Spieler sind zumeist mit einem kleinen Tross unterwegs – wenn überhaupt. Flüge, Unterkünfte und Trainingsmöglichkeiten müssen selbstständig geklärt werden. Alle Reisen und Aufenthalte müssen geplant und koordiniert werden. Kein Spieler hat die Sicherheit, bei einem Turnier viel Geld zu verdienen. Jede Runde, ob Qualifikation oder Hauptfeld, ist ein Kampf. Würde der Wettfreund solch ein Risiko für seinen Traum in Kauf nehmen?

Neben den Umständen außerhalb des Platzes kommen die unterschiedlichsten Bedingungen auf den Plätzen, während der Matches. Mal wird vor 13 Zuschauern gespielt. Auf einem Platz, der nicht viel besser in Schuss ist als Platz 4 des heimischen Tennisclubs. Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob man vor 1200 Zuschauern gegen einen Turnierfavoriten auf dem Center Court spielt oder vor sieben Zuschauern, auf einem Nebenplatz der Nebenplätze, gegen einen Außenseiter, den niemand kennt. Ja, diese verschiedenen Umstände haben tatsächlich einen Einfluss auf die Leistung der Spieler. Es stehen nämlich Menschen auf dem Platz. Keine Maschinen.

Der unbekannte Faktor

Wenn man auf der großen ATP-Tour unterwegs ist, kennt man sich. Man kennt seine Gegner, ihre Stärken und Schwächen. Auf der Challenger-Tour ist dem nicht so. Immer wieder erblickt man einen Spieler auf der anderen Seite des Netzes, der einem gänzlich unbekannt ist. Natürlich kann das ein oder andere YouTube-Video ein wenig Staub von der Truhe des Schatzes nehmen. Aber was sind drei Minuten YouTube verglichen mit epischen Matches, die man seit Jahren im TV verfolgt hat?

Unterschiedlichste Spielertypen. Kleine, schnelle und wendige. Große, kraftvolle Aufschläger. Ausdauernde Ball-zurück-Spieler. Gummiwände. Hardhitter. Sie alle vermischen sich auf der Challenger-Tour, um das Spiel Tennis noch unvorhersehbarer zu machen, als es sowieso schon ist. Schiebt man die menschlichen Dinge wie die Tagesform und körperliche Fitness mal beiseite, bleiben immer noch unzählige Variablen übrig. Immer wieder neue, andere Bälle. Unbekannte Plätze, auf denen man vorher noch nie gespielt hat.Roger Federerkann sich für seine Turniere die Schläger exakt bespannen lassen. Er kennt die Eigenschaften der Plätze, auf denen er seine Turniere spielt. Die Spieler auf der Challenger-Tour schmunzeln vermutlich schulterzuckend über solch einen Luxus.

Eine Analyse von Marco Kühn (tennis-insider.de).

von tennisnet.com

Mittwoch
13.07.2016, 19:58 Uhr