Australisches Englisch trifft amerikanisches Tirolerisch

Beobachtngen zur ersten Hälfte des ATP-World-Tour-500-Turniers in Wien.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 27.10.2016, 00:00 Uhr

Mikaela Shiffrin, Thomas Muster und Moderator Ronny Leber bei Tom«s Talk (Erste Bank Open 2016 in der Wiener Stadthalle); Copyright: e-motion/Bildagentur Zolles KG/Christian Hofer, 27.10.2016 Die Fotos sind zur redaktionellen Verwendung fuer die med...

Mikaela Shiffrin ist nicht lange geblieben in der Loge ganz nah am Center Court in der Wiener Stadthalle. Die dominierende Slalom-Läuferin unserer Zeit hat kurz Station gemacht in der österreichischen Bundeshauptstadt, der Ski-Weltcup-Kalender sieht gerade eine Wartephase bis zu den Rennen im finnischen Levi vor. Shiffrin verkürzt sich diese auch mit einem Interview mit Österreichs bestem Tennisspieler aller Zeiten, Thomas Muster. Zwei Medienprofis, die sich da am Stand des Titelsponsors treffen, Muster parliert in feinstem Englisch mit stark australischem Einschlag, Mikaela Shiffrin könnte womöglich auf amerikanischem Deutsch mit Tiroler Färbung antworten, die intensiven Trainingswinter in den Alpen sind auch sprachlich nicht spurlos an ihr vorübergegangen.

Wenn jemandem das Tirolerische noch mehr liegt als der 21-Jährigen aus Vail, dann ist das Stefan Steinacher. Der Hallensprecher, der die Akustik-Show auch beim Hahnenkammrennen und bei den General Open entscheidend mitschmeißt, hat Shiffrin vergangenes Wochenende in Sölden stimmlich ins Ziel begleitet, nimmt ihr auch in der Stadthalle noch schnell die öffentliche Beichte ab. Lukas Schweighofer, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen allmorgendlich österreichische Damenherzen zum Schmelzen bringt, bildet mit Steinacher jenes Tandem, das die Zuschauer bis zum Ende des Turniers bei Laune und informiert halten soll. Eine mittelschwere Übung, der österreichische Fan als solcher neigt zum vorschnellen Raunzertum, erkennt die ganz Großen aber zuverlässig, wenn er oder sie im Bild sind: mehr als freundlicher Applaus für Mikaela Shiffrin also.

Ein gefeierter Senior

Letztlich hat Mitte der Woche nur einer besser bei den Fans abgeschnitten, der nicht als Lokalmatador firmieren darf: Goran Ivanisevic, zweifacher Champion in der Stadthalle. Eigentlich als Coach von Tomas Berdych unterwegs, hat sich der große Kroate zu den "Tie Break Tens" einladen lassen. Und gleich einmal festgehalten, dass er gar nicht weiß, was er in dieser Gruppe mit den aktiven Cracks Andy Murray, Jo-Wilfried Tsonga und Dominic Thiem zu suchen habe. Gefunden hat Ivanisevic einen Platz im Halbfinale, das personifizierte Wimbledon-Zweitrunden-Märchen Marcus Willis hat gegen den tatsächlichen Champion von 2001 eingeschaut. Nicht überraschend.

Thomas Muster hat dabei zugeschaut, in Wien ging dereinst ein Finale gegen Ivanisevic verloren, zu einer Zeit, da die Aufschläge des Kroaten nicht höher als Knöchelhöhe aufgesprungen sind. Um solche Banalitäten kümmert sich der gebürtige Leipziger längst nicht mehr, er verbreitet die frohe Botschaft des Turniers, vermittelt vor allem aber den Eindruck eines Mannes, der mit sich zu exakt einhundert Prozent im Reinen ist. Und der dennoch nichts von seiner knallharten Attitüde als Profi eingebüßt hat: Nein, er würde die Siegesprämie des Tie-Break-Turniers nicht mit seinem Finalgegner teilen. Warum sich mit 125.000 US Dollar zufrieden geben, wenn man 250.000 haben könnte? Darüber hat Muster mit Mikaela Shiffrin natürlich nicht gesprochen. Wahrscheinlich weil er weiß, dass die charmante Amerikanerin auf der Rennstrecke genau gleich denkt.

von Jens Huiber

Donnerstag
27.10.2016, 00:00 Uhr