Die Nummer 4 eliminiert – Jürgen Melzer begeistert in der Stadthalle

Österreichs lange Jahre bester Spieler feiert den größten Coup seit dem Comeback nach seiner Schulteroperation.

von Manuel Wachta
zuletzt bearbeitet: 25.10.2016, 00:00 Uhr

Jürgen Melzer

2009 und 2010 hatte er beim Heimturnier damals triumphiert und kämpft nach einer Schulter-OP im November des Vorjahres um seine Rückkehr in die erweiterte Weltspitze. Am heutigen Dienstagabend hat Jürgen Melzer bei den Erste Bank Open 500 nun einen ganz großen Schritt in die Richtung gesetzt. Der 35-Jährige hat beim ATP-World-Tour-500-Hartplatzturnier in der Wiener Stadthalle überraschenderweise die Nummer vier in der Setzliste aus dem Wettbewerb eliminiert. Der Niederösterreicher (ATP 417) zwang den Spanier Roberto Bautista Agut (ATP 14), der zuletzt in Shanghai nach einem Sieg über den Weltranglisten-Leader Novak Djokovic (Serbien) sensationellins Finale eines ATP-Masters-1000-Events gekommen war , mit 6:3, 7:5 in die Knie - zur Begeisterung der österreichischen Fans in der Halle. Damit erspielte sich der routinierte Deutsch-Wagramer ein Achtelfinal-Match mit dem spanischen Linkshänder Albert Ramos-Vinolas (ATP 26) oder seinem guten Freund Fabio Fognini (ATP 49) aus Italien.

"Ich würde sogar sagen verdient gewonnen"

Nachdem Melzer die 0:6,-3:6-Abfuhr seines jüngeren Bruders, Gerald , gegenDominic Thiem in den Katakomben des Centre Courts ertragen musste, waren die meisten der rund 7500 Fans in der Halle verharrt, um ihm in die nächste Runde zu helfen. Und mit seiner starken Leistung und einem Break im ersten Spiel sollte er bald eine gute Stimmung auf den Rängen entfachen. Melzer hielt seine Führung, musste lediglich bei 3:2 gleich sechs Breakchancen abwehren und legte am Ende das Doppelbreak zur 1:0-Satzführung drauf. Zu Beginn des zweiten Abschnitts verspielte er ein 40:0 dank eines bitteren Smashfehlers, holte den entstandenen 0:2-Rückstand allerdings sofort wieder auf. Als er seinen Aufschlag nach 4:4 und 0:40 beim dritten Breakball mit einem Doppelfehler abermals abgeben musste, roch es in der stark an der Kippe stehenden Partie nach drittem Satz, und Bautista Agut hatte beim Ausservieren tatsächlich einen Satzball - aber Melzer wehrte diesen mit einem erfolgreichen Passierball nervenstark ab.

"Jürgen Melzer"-Sprechchöre hallten nun über den Centre Court, und noch begeisterter waren die Zuschauer, als dem Angefeuerten zu null auch das nächste Break zum Überraschungscoup gelang, das anschließende Bad in der Menge fand der Ex-Weltranglisten-Achte "natürlich toll. Es war eine geile Stimmung da draußen. Ich glaube, das Haus war ziemlich voll. Und dann so eine Leistung abzurufen gegen die Nummer 14 der Welt - und ich würde sogar sagen verdient gewonnen -, das freut mich natürlich riesig", bekannte er gegenüber "ORF SPORT+", er habe sich diesmal "wirklich ausgezeichnet gefühlt, ich habe mich gut bewegt. Eine solche Leistung nehme ich jeden Tag." Zudem habe sein Konzept gegriffen, "ich kenne ihn schon ein bisschen besser. Ich habe eigentlich eine klare Taktik gehabt, die ich von Anfang an spielen wollte und die auch Früchte getragen hat. Wenn man mit ihm schnell spielt, hält er sehr, sehr gut dagegen - man hat gesehen, dass er relativ viele einfache Fehler gemacht hat, wenn ich ihm langsam in die Rückhand gespielt habe, und daran habe ich mich eigentlich gehalten."

Melzer hatte "immer wieder Zweifel"

Bewusst langsame Schläge, "das ist jetzt nicht so unbedingt mein Spiel. Aber gegen ihn hat es funktioniert", ergänzte Melzer und folgerte, "natürlich, wenn man in zwei Sätzen gewinnt, hat man vieles richtig gemacht." An seinen Spielplan habe er sich in jedem Fall komplett gehalten - "man muss es schon konsequent spielen und darf sich dann auch nicht aus der Ruhe bringen lassen, wenn es dann vielleicht mal nicht so läuft. Ich habe ein ganz dummes Break zu Beginn des zweiten Satzes gekriegt, habe dann aber nicht angefangen rumzuschießen, sondern ich bin wirklich meinem Spielstil von Anfang an treu geblieben - und das hat sich dann im Endeffekt auch ausgezahlt" und wurde mit einem Sprung ins Achtelfinale belohnt. Ob dort Fognini oder Ramos-Vinolas warten wird, sei ihm "eigentlich wurscht": "Ich kenne beide und habe, glaube ich, gegen beide eine positive Bilanz. Ich freue mich auf den nächsten Spieltag hier - das wird am Donnerstag sein." Eine leichte Präferenz gab er letztlich aber doch ab: "Gegen Fabio wäre es lustig, das ist ein guter Kumpel von mir, der auch das eine oder andere Mätzchen drauf hat. Also warum nicht gegen ihn spielen?"

"Das bin ich gerne bereit, in Kauf zu nehmen, wenn man sich dann solche Bäder in der Menge geben kann."
Jürgen Melzer über seine Wehwehchen

Allgemein sei sein Weg zurück nach seinem Eingriff gegen Ende der letzten Saison "natürlich schwierig" gewesen. "Vor allem hat man immer wieder Zweifel - ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Was geholfen hat, ist, dass ich sehr, sehr gut angefangen habe - direkt mit dem Davis Cup und mit Kitzbühel (Viertelfinale; Anmerkung) . Dann bin ich in ein kleines Loch gefallen, und die letzten Wochen geht es eigentlich wieder sehr, sehr gut. Und ich habe das Gefühl, ich spiele besser als am Anfang nach dem Comeback und komme schön langsam wieder in einen Rhythmus rein. Und dann sind auch solche Tage wie heute drinnen." Körperlich traue er sich jedenfalls auch fünf solche Matches zu, "wenn es sein muss". In der Schulter habe er nun "gar nichts, das verläuft super. Immer wieder zwickt es halt allgemein im Körper. Ich bin keine 25 mehr. Aber das gehört dazu. Und das bin ich gerne bereit, in Kauf zu nehmen, wenn man sich dann solche Bäder in der Menge geben kann."

von Manuel Wachta

Dienstag
25.10.2016, 00:00 Uhr