Viertelfinale und wohl Top 100 – Gerald Melzer spielt in Kitz groß auf!

Österreichs Nummer zwei begeistert in Kitzbühel. Damit steht bereits jetzt ein Hausherr sicher im Halbfinale.

von Manuel Wachta
zuletzt bearbeitet: 20.07.2016, 00:00 Uhr

Gerald Melzer

Schon um 13:30 Uhr vermeldeten die Veranstalter: Alle Karten sind weg, rien ne va plus. Von der großartigen Stimmung an diesem "Super-Wednesday" bei den Generali Open in Kitzbühel profitierte auch Gerald Melzer - und gab den Zusehern in Form einer makellosen Vorstellung auf dem Center Court wahrhaftig eine ganze Menge zurück. Der 26-Jährige hat bei dem ATP-World-Tour-250-Sandplatzevent in den Tiroler Alpen nunmehr erstmals in seiner Karriere das Viertelfinale eines ATP-Heimturniers erreicht. Der Niederösterreicher (ATP 107) deklassierte im Achtelfinale den starken spanischen Qualifikanten Daniel Gimeno-Traver (ATP 131) nach lediglich rund 1:14 Stunden Spielzeit erstaunlich trocken mit 6:3, 6:1. Damit ist dem Deutsch-Wagramer voraussichtlich zum ersten Mal der Sprung unter die besten 100 der Welt gelungen - und damit steht zudem bereits jetzt fest, dass ein Österreicher beim Heimspiel im Semifinale aufschlagen wird, denn Melzer trifft nun am Donnerstag auf den Gewinner des rot-weiß-roten Generationen-Vergleichs zwischen seinem älteren Bruder Jürgen (ATP 421) und Shootingstar Dominic Thiem (ATP 9).

Beeindruckende Revanche

Melzer hatte seine bis dato einzigen ATP-Hauptfeld-Matcherfolge in Quito (Achtelfinale) und München 2015 (Halbfinale) verzeichnet. Auf seinen Premierensieg in der Heimat vom Vortag legte Österreichs aktuell zweitbester Spieler vorm begeisterten Publikum im Stadion nunmehr in sehr beeindruckender Manier nach. Hatte er das bislang einzige Duell mit dem 30-Jährigen, der schon Nummer 48 in der Welt war und als absoluter Sandplatz-Spezialist gilt, in Hamburg 2014 im Qualifikationsfinale einst mit 4:6, 6:7 (3) verloren, so dominierte er den Iberer dieses Mal über weite Strecken. Sehr hartnäckig massierte er die angreifbare Rückhand von Gimeno-Traver und hatte in den Rallys letztlich zumeist das bessere Ende für sich. Von Anfang an war er dem ersten Break nahe, und nach drei ausgelassenen Chancen bei 1:0 gelang es ihm bei 2:1 dann auch schon. Eine weitere Möglichkeit bei 4:1 blieb ungenützt, bei gerade drei verlorenen Punkten bei eigenem Service im ersten Satz konnte er sich dies aber leisten. Im zweiten nahm er Gimeno-Traver nach dessen 40:0-Führung den Aufschlag zum 2:1 ab, ehe sich die letztlich vorentscheidenden Szenen abspielten.

"Das ist bestimmt einer der für mich bis jetzt wertvollsten Erfolge."
Gerald Melzer

Denn in einem unglaublichen Marathongame vermochte Melzer im Anschluss sein Break zum 3:1 zu bestätigen. Nach fünf abgewehrten Breakbällen verwertete er, nach neun Mal Einstand, seinen vierten Spielball - und war daraufhin nicht mehr zu halten. Der Schützling von Werner Eschauer sicherte sich 15 der letzten 18 ausgespielten Punkte und zog dadurch in sein zweites ATP-Viertelfinale ein. "Ich bin superhappy, klar. Das ist bestimmt einer der für mich bis jetzt wertvollsten Erfolge", bekannte Melzer im "ORF SPORT+"-Interview. "Ich habe mich heute auch wohlgefühlt. Ich war zwar ein bisschen müde, was mir aber vielleicht im Endeffekt dann auch geholfen hat, einfach ruhig zu sein und mich das Stückchen extra zu konzentrieren. Und ich glaube, ich habe heute ein gutes Match gespielt. Ich habe von Anfang an gut gespielt, war bei jedem seiner Servicegames dran, er hat jedes Mal Probleme gehabt, zu halten. Ich habe bis auf ein Game eigentlich gut serviert und meine Aufschlaggames sonst immer locker gehalten, und ich glaube, das war der Schlüssel zum Erfolg."

Lieber "natürlich gegen meinen Bruder"

Freilich habe ihn auch die Unterstützung der Zuseher förmlich getragen. "Das ist unglaublich. Ich habe das bis jetzt noch nie erleben dürfen, deswegen genieße ich das jetzt umso mehr. Ich habe mich damit super wohlgefühlt, besten Dank ans Publikum." Aus den Präferenzen bei der Begegnung seiner möglichen nächsten Gegner machte Melzer keinen Hehl: "Lieber würde ich natürlich gegen meinen Bruder spielen - weil ich es meinem Bruder einfach vergönne, dass er gewinnt. Ich glaube, er ist krasser Außenseiter, aber man wird sehen." Über das mit dem Sieg bereits Erreichte, freute er sich natürlich: "Ich habe jetzt eigentlich gar nicht an die 45 Punkte gedacht oder dass ich nach dieser Woche erste 100 bin. Es war für mich viel bedeutender, vor dem Heimpublikum gut zu spielen und Spaß auf dem Platz zu haben und den Leuten etwas zu bieten." In den vergangenen Jahren habe er sich stets gut aufs Turnier vorbereiten können, die Erwartungen und Nervosität seien dadurch gewachsen. "Es ist kein Nachteil, dass ich diesmal erst so kurzfristig herkommen konnte", glaubte Melzer, "das hat es mir sicher erleichtert.

Aus der vom Davis Cup und der beschwerlichen Anreise Montagfrüh kommenden Müdigkeit habe man das Beste gedacht: "Wir haben gestern versucht, alles Mögliche für die Reha zu tun, wir haben dann auch aus dem Doppel rausgezogen, weil's für uns beide einfach nicht möglich gewesen wäre, zu spielen." Er habe dazu "alles Mögliche" zu sich genommen, "was halt legal ist. Ich werde schauen, dass ich mich gut erhole, die Müdigkeit aus den Beinen rauskriege und wieder voll Elan auf den Platz gehe", gab Melzer die Marschroute vorm Viertelfinale vor. Die Physis wieder hinzukriegen, sollte jedenfalls besser klappen als früher noch: "Ich glaube, dass ich körperlich einfach auf einem ganz anderen Niveau bin - was jetzt deppert klingt, nachdem ich gestern zum ersten Mal seit Ewigkeiten Krämpfe bekommen habe", lächelte der Deutsch-Wagramer. "Ich glaube, dass ich da ein anderer Spieler bin, was mir auch mental extrem hilft, weil ich einfach weiß, ‚Okay, ich kann die langen Rallys spielen, er soll mal was zeigen, dass er mich schlägt'." Die Arbeit mit Konditionstrainer Philipp Wessely mache sich bezahlt: "Mit ihm bin ich superhappy. Wir arbeiten sehr gut - und ich glaube, dass das eigentlich der größte Schlüssel zur bisherigen Saison heuer ist. Ich glaube, dass da noch einiges kommen wird, ich mich noch mehr steigern werde. Es macht mir sehr Spaß, dran zu arbeiten."

von Manuel Wachta

Mittwoch
20.07.2016, 00:00 Uhr