Ernüchterung und viele Fragezeichen am Rothenbaum, aber deutsche Titelchance

Für das ATP-Turnier in Hamburg haben kaum Top-20-Spieler gemeldet. Außerdem lässt der Davis Cup viele Fragen offen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 01.06.2016, 07:53 Uhr

PARIS, FRANCE - MAY 28: Alexander Zverev of Germany serves during the Men's Singles third round match against Dominic Thiem of Austria on day seven of the 2016 French Open at Roland Garros on May 28, 2016 in Paris, France. (Photo by Clive Brunskill...

Vor knapp drei Monaten berichtete tennisnet.com darüber, dass das Teilnehmerfeld beim ATP-World-Tour-500-Turnier in Hamburg (11. bis 17. Juli), Deutschlands traditionsreichstem Tennisturnier, besonders mau aussehen könnte.Der Grund: Wegen der Olympischen Spiele ist der Terminkalender in diesem Jahr so sehr zusammengepresst, dass einige traditionsreiche Turniere darunter leiden müssen, und dazu gehört das Sandplatzturnier am Hamburger Rothenbaum, das seit 1892 ausgetragen wird. Hamburg hat nicht nur das Pech, dass in der gleichen Woche das Sandplatzturnier in Bastad (Schweden) sowie das Rasenturnier in Newport (USA) stattfindet, hinzu kommt auch, dass die Davis-Cup-Viertelfinals sowie einige Spiele in der Weltgruppe I in der gleichen Woche gespielt werden. Da beim olympischen Tennisturnier in Rio de Janeiro (6. bis 14. August) anders als zum ATP-Turnier in Februar auf Hartplatz statt auf Sand gespielt wird, bietet Hamburg auch keine guten Voraussetzungen für Spieler, die sich auf Olympia vorbereiten möchten.

Und nun ist es amtlich, dass das ATP-Turnier in Hamburg mit keinem Teilnehmerfeld aufwarten kann, welches man bei einem Turnier der 500er-Kategorie erwarten sollte. Durch die deutsche Davis-Cup-Niederlage gegen Tschechien können immerhin die zwei besten deutschen Spieler,Philipp KohlschreiberundAlexander Zverev,der ohnehin bis zum Jahr 2018 vertraglich an das Turnier gebunden ist, am Hamburger Rothenbaum aufschlagen. Beim Nennschluss haben nur drei aktuelle Top-20-Spieler für Hamburg gemeldet. Der ÖsterreicherDominic Thiem(ATP 15), der SpanierRoberto Bautista Agut(ATP 16) und der SüdafrikanerKevin Anderson(ATP 20). Der Cut-off liegt bei ATP-Rankingplatz 72, den der TunesierMalek Jazirieinnimmt. 23 Spieler stehen in der offiziellen Meldeliste. Das 32er-Feld wird aufgefüllt mit Wildcards und Qualifikanten.

Haben viele Spieler nur provisorisch gemeldet?

Allerdings könnte es noch schlimmer kommen für Turnierdirektor Michael Stich. Denn zahlreiche Spieler haben vermutlich nur provisorisch für Hamburg gemeldet und könnten stattdessen im Davis Cup spielen. So könnte sich Thiem noch für die Davis-Cup-Partie in der Ukraine entscheiden. Allerdings ist dies beim Österreicher eher unwahrscheinlich, da er bekannt dafür ist, seine Turnierzusagen einzuhalten und den Verzicht auf den Davis Cup bloß noch nicht öffentlich gemacht hat. Das spanische Davis-Cup-Team spielt ebenfalls in der Hamburger Turnierwoche, und zwar in der Weltgruppe I auswärts in Rumänien. In der Meldeliste finden sich mit Bautista Agut,Pablo Carreno Busta(ATP 43),Nicolas Almagro(ATP 49),Guillermo Garcia-Lopez(ATP 51) undInigo Cervantes(ATP 69) fünf Spieler aus Spanien. Hier ist davon auszugehen, dass mindestens ein Spieler aus dem Quintett für den Davis Cup berufen wird.

Der gleiche Fall ist es mit den Spielern aus Argentinien. MitFederico Delbonis(ATP 35),Guido Pella(ATP 48),Leonardo Mayer(ATP 68 und Hamburg-Sieger von 2014) undJuan Monaco(ATP 92 und Hamburg-Sieger von 2012) sind vier Gauchos für das Turnier am Rothenbaum zwar gemeldet, aber Argentinien tritt im Davis-Cup-Viertelfinale in Italien an. Die Südamerikaner warten immer noch auf ihren ersten Davis-Cup-Titel und haben in diesem Jahr eine gute Chance, den Pokal zu gewinnen, zumal Juan Martin del Potro wieder fit ist. Auch bei den Argentiniern ist davon auszugehen, dass nicht alle aus dem Quartett antreten werden. Und da wären wir schon bei Italien, dem Viertelfinal-Gegner von Argentinien.Fabio Fognini(ATP 33), Hamburg-Sieger von 2014, ist zwar ebenfalls gemeldet, aber es ist unwahrscheinlich, dass Italien auf seinen Spitzenspieler verzichten wird.

Davis-Cup-Kader stehen erst kurz vor Beginn in Hamburg fest

Hinzu kommen noch die TschechenLukas Rosol(ATP 59) undJiri Vesely(ATP 60), die beim Sieg gegen Deutschland im März im Kader standen. Die Tschechen treffen im Davis-Cup-Viertelfinale auf Frankreich. Auch hier ist davon auszugehen, dass die beiden nur provisorisch gemeldet haben und wahrscheinlich im Davis Cup spielen werden. Anders verhält es sich mit den gemeldeten FranzosenBenoit Paire(ATP 21),Lucas Pouille(ATP 31),Jeremy Chardy(ATP 32) undPaul-Henri Mathieu(ATP 65). Es ist zwar davon auszugehen, dass Yannick Noah, Frankreichs Davis-Cup-Kapitän, Jo-Wilfried Tsonga, Richard Gasquet, Gilles Simon und Gael Monfils nominieren wird, doch bei den verletzungsanfälligen Tsonga und Monfils weiß man nie, was passiert. Auch hinterMartin Klizan(ATP 45) muss man noch ein Fragezeichen setzen, da die Slowakei in der Weltgruppe I zum Auswärtsspiel in Ungarn antritt und Klizan die klare Nummer eins seines Landes ist. Wegen der großen Davis-Cup-Fragezeichen scheint derzeit nur die Teilnahme von Kohlschreiber und Zverev sowie Anderson, Jaziri undPablo Cuevas(ATP 27) völlig sicher.

Wer tatsächlich in Hamburg spielen wird, steht womöglich erst kurz vor Turnierbeginn fest. Die jeweiligen Davis-Cup-Kader müssen spätestens zehn Tage vor Beginn der Partien, am 5. Juli, also sechs Tage vor Hauptfeld-Beginn in Hamburg, bekanntgegeben werden. Es ist davon auszugehen, dass zahlreiche „Alternates”, Spieler, die außerhalb des Cut-offs liegen und für Hamburg gemeldet haben, ins Hauptfeld nachrücken. Dazu zählen auch prominente Spieler wie Mikhail Youzhny und Ernests Gulbis. Das von den Ranglistenplatzierungen schwache Teilnehmerfeld bietet jedoch nun die große Chance, dass es den ersten deutschen Turniersieger in Hamburg seit 1993, als Michael Stich nach seinem Sieg in Tränen ausbrach, geben wird. Denn Sand ist, legt man die Ergebnisse zugrunde, der beste Belag von Kohlschreiber und Zverev.

Übrigens: Für das parallel stattfindende Sandplatzturnier in Bastad haben nur zwei derzeitige Top-50-Spieler gemeldet, darunter David Ferrer. Der Spanier zieht es also vor, sofern er nicht Davis Cup spielen möchte, in der schwedischen Hafenstadt aufzuschlagen.

von tennisnet.com

Mittwoch
01.06.2016, 07:53 Uhr