Günter Bresnik exklusiv – „Den Kasperl würde Dominic in London nicht abgeben“

Österreichs Starcoach sähe Schützling Thiem zudem verdient bei den ATP World Tour Finals. Das tennisnet.com-Interview.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 04.11.2016, 20:57 Uhr

Dominic Thiem - Günter Bresnik - ATP-Tour

Nach einer2:6,-4:6-AuftaktniederlagegegenJack Sockbeim ATP-Masters-1000-Turnier von Paris-Bercy istDominic Thiemauf Schützenhilfe angewiesen, wenn es noch mit der Premiere bei den ATP World Tour Finals in London klappen soll. Geht es nach seinem Headcoach und Manager, Österreichs Startrainer Günter Bresnik, so würde sich der Niederösterreicher diese auch verdienen. Nicht allerdings für seine Vorstellung in Frankreichs Hauptstadt, für die der 23-Jährige im tennisnet.com-Interview von Bresnik Kritik erntete.

Günter, Dominics Auftritt in Paris-Bercy ist leider sehr mager gewesen. Er hatte zuletzt beteuert, sich körperlich eigentlich wieder weitaus besser als noch vor ein paar Wochen zu fühlen. Wie leer ist der Akku bei ihm wirklich?

Ich denke nicht, dass der Akku so leer ist. Er hat einfach grottenschlecht gespielt. Im Training war’s eigentlich größtenteils in Ordnung. Sock spielt aber auch sehr gut, muss man sagen. Das hat man spätestens am Tag danach gegenRichard Gasquetgesehen. Und mit „Kohli“(Philipp Kohlschreiber; Anmerkung)hatte er zuvor das gleiche gemacht. Es ist zudem recht schwierig, wenn man im Gegensatz zum Gegner noch kein Spiel gehabt hat. Der Belag in Paris-Bercy ist sehr schnell, und Sock war ihm dann beim Return und in den Ballwechseln klar überlegen.

Dominic soll bereits bei den Erste Bank Open 500 in der Wiener Stadthalle gegenViktor Troickinicht voll fit gewesen sein und Sock beim Handshake auf eine Frage geantwortet haben, „still struggling“, also dass er immer noch kämpfe. Was ist da dran?

Ich weiß nicht, warum und in Bezug auf was er das gesagt haben soll. Er ist fit. Ich würde es sehen, wenn ihn im Training etwas behindern würde. Wenn er nicht fit wäre, dann wären wir auch nicht nach Paris-Bercy gefahren, damit er sich dort abschlachten lässt. Ich habe ihm bei den US Open schon gesagt: Wenn ihm das Knie wehtut, soll er aufhören.

Wenn er wirklich völlig fit ist, muss man allerdings feststellen, dass man ihn wohl schon weit lustvoller als gegen Sock gesehen hat.

Das Match war nicht schön zum Anschauen. Da erwarte ich mir auch mehr Gegenwehr. „Domi“ ist allerdings sicher einer, bei dem ich mit ganz ruhigem Gewissen sagen kann, dass er sich dafür selbst hart kritisiert und sich dabei richtig unwohl fühlt. Denn er ist nicht einer, der leichtfertig so eine Leistung abliefert, es ist ihm vollauf bewusst, dass das einfach eine schlechte Leistung war. Dafür gibt es keine echte Erklärung oder konkreten Gründe.

Nein. Wenn er sich fürs Masters qualifizieren sollte, dann ist er zu 100 Prozent dabei. Wenn allerdings einTomas Berdychund einJo-Wilfried Tsongain den Startlöchern stehen, muss man halt auch damit rechnen, dass es sich nicht ausgehen könnte. Aus meiner Sicht würde er es sich heuer auch mehr als ein Berdych oder Tsonga verdienen. Bei dem bestehenden System ist es allerdings so, dass Leute, die sehr fleißig waren und viele Turniere gespielt haben, nicht belohnt werden. Diese Leistung von ihm wird nicht honoriert. Man kann ihm jetzt vorwerfen, zu viel Energie bei den 250er-Turnieren gelassen zu haben. Andererseits jammern sehr viele, wenn man bei diesen gar nicht auftaucht. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass dieser Einsatz belohnt gehört. Er könnte alleine mit jenen Resultaten, die bei ihm nicht in der Wertung sind, fast unter den Top 100 der Welt stehen(mit 570 Punkten aus nicht gewerteten Turnieren wäre Thiem in der Tat auf Rang 109 des ATP-Rankings; Anmerkung). Aber das System kennt jeder. Für mich hätte sich Dominic den achten Platz bei den ATP World Tour Finals sicher verdient. Nicht allerdings mit den Leistungen der letzten drei Wochen.

Du hast es hiermit angesprochen. Sollte es sich mit dem Masters in London ausgehen, so schiene dort die Gefahr von drei Niederlagen in drei Matches bei seiner aktuellen Form groß. Was könnte man in der kurzen Zeit bis London noch machen, um das zu ändern?

Ich habe mir natürlich meine Überlegungen gemacht. Aber darüber will ich jetzt, wo noch gar nichts sicher ist, nicht reden. Ich weiß jedenfalls, dass sich Dominic in gewissen Situationen extrem steigern kann. Es wäre für ihn ein großes Vergnügen, dort dabei zu sein. Auch in Wien war es jetzt nicht so schlecht, aber er kann sich besser präsentieren. Im Training tut er das. Ich mache mir anhand seiner Leistungen dort wenig Sorgen, dass er am nächsten Tag aufsteht und noch einmal so eine Leistung wie gegen Sock abliefert. Den Kasperl würde er in London ganz sicher nicht abgeben. Er wäre bestimmt ein sehr ernstzunehmender Gegner.

Der Kritik, dass Dominic zu viele Turniere spielen würde, stimmst du bekanntlich nicht zu. Nicht zu bestreiten ist jedoch, dass er an der Spitze absoluter Vielspieler ist. Was ist der Beweggrund, ihm so ein hartes, zumindest grenzwertiges Programm aufzubürden? Ist es, wenn es ihm in diesem Jahr vielleicht gar zu viel gewesen sein sollte, so paradox es klingen mag, quasi als eine Investition für die Zukunft zu sehen? Oder dient es vielleicht dazu, den Weg aufzuzeigen: „Das erwarte ich mir von dir künftig, das auszuhalten“?

Nein. Er steht auf Nummer acht in der Welt. Da kann ich nicht von einer Investition in die Zukunft sprechen. Er steht nicht grundlos dort, sondern weil er so viele Turniere gespielt hat. Bezeichnend ist ja auch: Am Jahresbeginn hat er noch relativ wenige Turniere gespielt, da ist es auch nicht so gut gelaufen. EinDavid Goffinhat jetzt, glaube ich, acht Wochen am Stück gespielt, und hat in der Zeit gut gespielt. Er muss einfach bei so einem gesteigerten Programm belastbar sein. Wenn ich mir einenAndy Murrayanschaue, der von Rom weg jede Woche ein Turnier gewonnen oder Finale gespielt hat – das ist nochmal eine ganz andere Intensität. Klar ist: Dominic hat gegen Sock ein schlechtes Match gespielt, die Gründe dafür gibt es, die muss man eben erforschen. Aber mit dem harten Programm hat das nichts zu tun.

Zu guter Letzt noch ein anderes Thema: Der kanadische JungstarDenis Shapovalovhat zuletzt bei dir in der Südstadt trainiert. Was ist der letzte Stand: Wird er vielleicht zum Stallkollegen von Thiem und Co.?

Er hat sich beim Training mit Dominic leider verletzt. Ich habe ihn mal nach Hause geschickt. Er soll wieder kommen, wenn er wieder fit ist – so sind wir verblieben. Es ist kein Geheimnis, dass er seinen Stützpunkt sehr gerne nach Wien verlagern würde. Ob das dann auch möglich sein wird, das wird man sehen.

Das Gespräch führte Manuel Wachta.

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