Knochenmühle Profitennis – Ohne Schmerztabletten geht fast nichts

Goran Ivanisevic schmiss die „Pain Killer“ bei seinem Wimbledon-Triumph „wie Bonbons“ ein, auch andere Profis wollen nicht darauf verzichten.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 08.09.2016, 15:46 Uhr

LONDON, UNITED KINGDOM - JULY 09: WIMBLEDON 2001, London; FINALE/MAENNER; SIEGER Goran IVANISEVIC/CRO am Boden (Photo by Bongarts/Getty Images)

Ist es möglich, eine erfolgreiche Tenniskarriere hinzulegen, ohne körperlichen Raubbau zu betreiben? Diese Vorstellung ist nicht nur für Toni Nadal völlig illusorisch. Der Trainer und Onkel vonRafael Nadalräumte zuletzt erst wieder ein, dass sein Neffe „immer Schmerzen spüren wird, wenn er Matches spielt oder trainiert.“ Der verletzungsgeplagte Spanier ist längst kein Einzelfall in der Szene. Auch andere Profis können die immer größer werdenden Belastungen auf der Tour oft nur noch mit schmerzlindernden Medikamenten ertragen.

Einer davon istRichard Gasquet, der gegenüber der Agentur „Reuters“ unumwunden zugibt, dass der Gebrauch entzündungshemmender Mittel für ihn zum Alltag gehört: „Ich nehme sie häufig, nicht während des Trainings, aber vor den Matches. Es ist nichts, was ich gerne mache, aber ich habe keine andere Wahl.“ Der 30-jährige Franzose hatte in der Vergangenheit immer wieder mit chronischen Rückenbeschwerden zu kämpfen. Zahlreiche Zwangspausen führten dazu, dass Gasquet (ATP 15) seinen Platz in den Top 10 zuletzt nicht verteidigen konnte. Wer es mit der Einnahme übertreibt, kann seiner Gesundheit jedoch erheblichen Schaden zufügen, weiß Dr. Eric Mattson von der Mayo Klinik in Minnesota (USA): „Die Leute sollten die Schmerzmittel möglichst kurz und in geringen Dosen einnehmen, sonst sind Nierenversagen, Bluthochdruck oder Magengeschwüre möglich.“

„Wenn der Arzt zwei Tabletten empfahl, nahm ich fünf“

Goran Ivanisevic schenkte diesen Hinweisenbei seinem Wimbledon-Sieg 2001nur bedingt Beachtung: „Als ich damals das Turnier gewann, schmiss ich die Pillen wie Bonbons ein. Irgendwann spürte ich nichts mehr, die Schmerzmittel verloren ihre Wirkung. Wenn du die Chance hast, Wimbledon zu gewinnen, ist dir das jedoch völlig egal.“ Der aufschlagstarke Kroate hatte damals gravierende Schulterschmerzen und hörte nicht auf die Warnungen der Ärzte: „Wenn der Doktor sagte: ,zwei Tabletten sind gut’, nahm ich fünf – so sehr hasste ich den Schmerz.“ Für Ivanisevic sind „Pain Killer“, das Beste, was man nehmen kann, wenn der Schmerz kurzfristig verschwinden soll. Später musste sich der „Mann der Asse“ aber dennoch an der maladen Schulter operieren lassen, da sich die Beschwerden nicht mehr durch Tabletten in den Griff bekommen ließen.

Die Einnahme von Schmerzmitteln ist nicht mit einem Dopingvergehen gleichzusetzen, dennoch sind die Profiverbände bemüht, die Spieler vor einem unkontrollierten Missbrauch zu warnen. So versendet die WTA Informationsmaterial, welches die Damen auf die Gefahren der Überdosierung aufmerksam machen soll. Die ATP weist seine Ärzte an, Schmerzmittel nur dann zu verschreiben, um Verletzungen zu behandeln. Doch nicht jeder Profi geht arglos mit den Entzündungshemmern um.Andy Murraysetzt die Medikamente nur hier und da ein, „wenn er Probleme mit Rücken oder Hüfte verspürt.“

Schmerzmittel – Das Vitamin C der Tennisprofis

Jo-Wilfried Tsonga„hasst das Zeug“ sogar so sehr, dass er nur in Halbfinals oder Endspielen darauf zurückgreift: „Ich bevorzuge es, den Schmerz zu ertragen. Oft entsteht nur ein Placebo-Effekt, wenn du diese Dinge nimmst, manchmal geht es dir danach sogar schlechter.“ Der frühere Wimbledon-Finalist,Mark Philippoussis, ist überzeugt davon, dass ambitionierten Spieler kaum eine Wahl bleibt: „Du machst alles dafür, um auf den Platz gehen zu können. Ibuprofen und andere Schmerzblocker sind wie Vitamin C für die Profis. Es ist Teil des Lebens, du musst es in Kauf nehmen.“ Offenbar sieht das ein Großteil der Szene genauso. Der moderne „Tennis-Gladiator“ kommt schon lange nicht mehr ohne permanente Schmerzbetäubung durch die Knochenmühle Profitennis.

von tennisnet.com

Donnerstag
08.09.2016, 15:46 Uhr