Victor Estrella Burgos will „alles verändern”

Der 36-jährige Methusalem aus der Dominikanischen Republik machte spät Karriere. Seine Nachfolger sollen es leichter haben.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 11.08.2016, 15:35 Uhr

LONDON, ENGLAND - JUNE 28: Victor Estrella Burgos of the Dominican Republic plays a backhand during the Men's Singles first round match against Victor Estrella Burgos of Dominican Republic on day two of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the...

Es war wohl einer der bewegendsten Tennismomente der letzten Jahre:Victor Estrella Burgosgewann 2015 das ATP-World-Tour-250-Turnier in Quito und sank nach dem Finalsieg gegenFeliciano Lopez(damals ATP 14) überglücklich zu Boden.Zitternd vor Freude weinte er über seinen ersten Turniersieg auf großer Bühne und wurde zum Rekordmann. Der damals 34-Jährige krönte sich zum ältesten Premieren-Titelträger auf der ATP-Tour, wurde jedoch in diesem Jahr vonPaolo Lorenziabgelöst.Im Alter von 34 Jahren, sieben Monaten und acht Tagen gewann der Italiener die Generali Open Kitzbühelund war damit einen Monat älter als der Mann von der Karibikinsel.

Das Kraftpaket, das aus armen Verhältnissen stammt und die Laufbahn einst schon beendet hatte, ist eine einzige Inspirationsgeschichte (tennisnet.comzeichnete seinen beeindruckenden Werdegang nach). So fügte der Spätstarter seiner Vita in diesem Jahr ein weiteres Erfolgskapitel hinzu undverteidigte den Titel in Ecuadors Hauptstadt. Danach konnte Estrella Burgos sein Glück kaum in Wort fassen, ähnlich „wie‚Rafa’ Nadalin Roland Garros“ habe er sich gefühlt. Auf diese Sternstunden musste die aktuelle Nummer 87 der Welt lange warten. Im Alter von 26 Jahren wurde er Profi – „zu spät“, bekam der 1,73-Meter-Mann oft zu hören. Doch Estrella Burgos ließ sich nicht beirren und wurde zum ersten ATP-Turniersieger seines Landes. Gegenüber „atpworldtour.com“ wünschte er sich jedoch, dass sich seine Geschichte nie wiederholt: „Ich möchte nicht, dass die Kinder aus meiner Heimat dieselben Probleme wie ich bewältigen müssen. Ich möchte alles verändern.“

Null Plätze in der Heimat – eine Stiftung soll helfen

Um besser nachzuvollziehen, was der frühere Weltranglisten-43. damit meint, hilft ein Blick zurück in dessen Heimatstadt Santiago. „Ich war ein Balljunge“, erinnert sich Estrella Burgos an seine Anfänge. Nur wenn mal keiner auf dem Platz stand, schnappte sich der achtjährige Victor einen Schläger und legte einfach los. „Niemand zeigte mir, wie man spielt. Da die Leute alle die rechte Hand benutzten, machte ich das nach, obwohl ich ansonsten Linkshänder bin.“ Später spielte sich Estrella Burgos immer weiter nach oben, musste sich jedoch mit Trainerstunden über Wasser halten, da es aufgrund finanzieller Engpässe zunächst nicht zum Sprung auf die Profibühne reichte. Erst 2006 hatte sich der Überlebenskünstler ein so großes Polster angespart, dass er den Amateurstatus aufgeben konnte. 2014 gelang ihm schließlich, als erster Dominikaner überhaupt, der Einzug in die Top 100. Zudem wurde Estrella Burgos in jenem Jahr zum ältesten Spieler, der bei den US Open im Hauptfeld debütierte.

Großartige Erfolge, zweifellos – doch was wäre möglich gewesen, wenn die Profikarriere schon mit 18 Jahren begonnen hätte? Diese Frage sollen sich seine potenziellen Nachfolger nicht mehr stellen müssen. Deshalb plant Estrella Burgos die Gründung einer Organisation, die den Tennissport in seiner Heimat auf ein stärkeres Fundament stellen soll. Um durchzustarten, zog der Volksheld wieder aus Miami (USA) nach Santiago zurück. Dort will er mit Hilfe der Regierung öffentliche Tennisplätze bauen lassen. Als Estrella Burgos in der 550.000-Einwohner-Stadt aufwuchs, gab es neun dieser Courts. „Heute sind es null“, wie er sagt.

„Ich habe einen Traum“

Wer Tennis spielen will, muss in einen der drei Privatclubs eintreten. „Uns fehlen die Anlagen. Wenn du kein Mitglied bist, kannst du nicht trainieren.“ Deshalb entscheidet sich der Nachwuchs lieber für Baseball, Basketball oder andere Sportarten. Tennistalente sind dennoch genügend vorhanden. „Ich kenne so viele, die gut spielen, aber niemanden haben, der sie auf Turniere vorbereiten kann“, weiß Estrella Burgos und will helfen: „Mit meiner Erfahrung und meinen Ideen möchte ich die Situation verbessern. Es ist mein Traum, mit einer Stiftung etwas völlig Neues zu entwickeln.“ Narzisstische Hintergedanken sind dem zweifachen Quito-Champion dabei offenbar völlig fremd. Der Exot aus der Karibik will unbedingt verhindern, dass er als erster und letzter ATP-Turniersieger aus der Dominikanischen Republik in die Sportgeschichte seines Landes eingeht.

von tennisnet.com

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11.08.2016, 15:35 Uhr