Was macht Dominic Thiem auf Rasen so stark?

So läuft die Umstellung des Österreichers von Sand auf Rasen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 16.06.2016, 11:13 Uhr

Dominic Thiem

Kurzer Rückblick: Paris. French Open 2016.Dominic Thiemgräbt drei Meter hinter der Grundlinie jeden Ball aus. Halbhoch und mit viel Spin auf Vor- sowie Rückhand, spielt er die Filzkugel zuverlässig unangenehm für jeden Gegner zurück. Bei seinen Aufschlägen verlässt er sich zumeist auf den Slice oder Kick nach außen. Auf der Vorteilseite muss der Gegner schon fast aus der ersten Reihe des Publikums heraus returnieren. So extrem springt der Kickaufschlag von Dominic Thiem zur Seite.

Mehr Slice

Doch wie gestaltet sich diese spektakuläre Spielweise auf einem komplett anderen Untergrund? Dominic Thiem hat es in Rekordzeit geschafft, sein Spiel dem schnellen Rasen anzupassen. Auf der Rückhand zaubert er gerne mal einen Slice aus dem Schläger, um das Tempo aus dem Ballwechsel zu nehmen. Und sich anschließend wieder besser an der Grundlinie positionieren zu können. Der Rückhand-Slice ist vielleicht noch nicht perfekt und nicht so giftig wie der eines Roger Federer - er erfüllt aber bereits seinen Zweck. Das taktisch kluge Einsetzen des Rückhand-Slice ist ein Indiz dafür, dass Thiem die neuen Umstände für sich zu nutzen weiß. Und das Spiel auf Rasen immer besser versteht.

Auch beim Aufschlag setzt Thiem den Slice, wie bereits bei den French Open mehrfach gesehen, hervorragend ein. Serviert Thiem auf der Einstandseite, drängt er seinen Gegner mit dieser Variation stark nach außen. Auf Rasen springt der Ball flacher und schneller ab, als noch auf der roten Asche. Diese Eigenschaften machen den Aufschlag mit Slice nach außen auf Rasen noch gefährlicher. Für Thiem öffnet sich der Platz, um seine mächtigen Grundschläge einzusetzen. Diese Kombination ist auf Rasen eine echte Waffe.

Offensive Position beim Return

Thiem steht beim Return auf Rasen näher an der Grundlinie. Mit seiner einhändigen Rückhand kann er so die Aufschläge des Gegner blocken. Dabei hilft ihm sein auffällig tiefer Körperschwerpunkt. Sehr schön vor jedem Return zu sehen. Würde er dabei weiter hinter der Grundlinie stehen, wäre die Flugkurve des Balles ungünstig, um das Service des Gegners direkt zu blocken. Der Ball springt flach ab, auch wenn der Gegner ohne Slice serviert. Thiem steht deswegen näher an der Linie, um den Ball auf der günstigsten Höhe returnieren zu können. Im besten Fall in Höhe der Hüfte.

Gegen Serve-and-Volley-Spieler ist diese Option beim Return ein cleverer Schachzug. Wie gegen Federer in Stuttgart gesehen, kann Thiem auf diese Weise den Return vor die Füße des ans Netz laufenden Gegners spielen. Der Aufschläger muss daraufhin einen schwierigen Volley, direkt vor dem Fuß, unterhalb der Netzkante spielen. Das Ganze in einem unbequemen Winkel zum gegnerischen Feld - eine Herkulesaufgabe für jeden Volley.

Ein gutes Gefühl?

Man müsste Dominic Thiem persönlich fragen. Doch macht es den Anschein, als wenn er sich sehr wohl auf dem grünen Untergrund fühlt. Vor zwei Jahren sah dies in Wimbledon noch ein wenig anders aus. Jetzt aber stimmt die Beinarbeit. Das Laufen zu den Bällen und die kleinen Schritte passen. Das Timing ist da. Thiem steht in vielen Fällen perfekt zum Ball. Von der Grundlinie spielt er mit weniger Spin, dafür aber ebenso sicher wie noch auf Sand. Findet sich Thiem in der Defensive wieder, setzt er den Topspin clever ein, um wieder Zeit zu gewinnen und den Weg zurück an die Grundlinie zu finden.

Die große Stärke, auch auf Rasen, ergibt sich beim Umschalten von der Defensive in die Offensive. Thiem spielt auch auf Rasen bei den Bällen aus dem Halbfeld groß auf. Der enorme Topspin macht für mehr Tempo platz. Dank des riesigen Selbstvertrauens aus den letzten Monaten rückt Thiem sogar ans Netz vor. Eine spielerische Weiterentwicklung, die den Österreicher auch in Wimbledon ganz sicher nicht schlecht aussehen lassen wird.

Eine Analyse von Marco Kühn (tennis-insider.de).

von tennisnet.com

Donnerstag
16.06.2016, 11:13 Uhr