Alte Rivalität in neuer Intensität – Murray und Djokovic beherrschen Tenniswelt

Dem ist auch bei der inoffiziellen Tennis-WM in London nicht anders. Im Finale am Sonntag geht es auch um die Nummer eins.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 20.11.2016, 10:42 Uhr

Andy Murray - Novak Djokovic

An den Anblick muss man sich erst gewöhnen. Wenn der ATP-Computer an diesem Montag ganz offiziell das Abschlusszeugnis für die Saison 2016 ausspucken wird, dann findet sich auf Platz 16 ein Mann, der einst als cooler Souverän das Heer der Profis anführte. Es handelt sich dabei um Roger Federer (35), den verletzten "Maestro", der ein Pleiten-, Pech- und Pannenjahr bereits nach dem Wimbledon-Treffen zu beenden hatte . Und noch ein weiterer großer Zampano, einst auf die absoluten Topplätze abonniert, muss erst in der Hackordnung erspäht werden - Rafael Nadal (30), der kampfeslustige Mallorquiner, rangiert so eben noch in den Top Ten, auf Platz neun, direkt hinter dem Saisonaufsteiger Dominic Thiem aus Österreich. Federer und Nadal, die Protagonisten einer ehedem epischen Rivalität, die Seriengewinner an allen magischen Spielorten der Branche, sind - für ihre Verhältnisse - weit abgerutscht, nicht nur wegen leidiger körperlicher Blessuren, sondern auch weil andere Großmeister an ihre Stelle getreten sind.

Der alles überstrahlende Zweikampf, das Konkurrenzverhältnis zwischen Novak Djokovic und Andy Murray , ist keineswegs neu im Welttennis, schon seit dem Jahr 2006 duellieren sich die ewigen Weggefährten und Jugendfreunde auf der Tour. Doch noch nie zuvor beherrschten der Serbe und der Schotte das Geschehen im Wanderzirkus so hartnäckig wie im Jahr 2016 - in einer Saison, in der letztlich Platz eins und Platz zwei der Weltrangliste in einem echten Krimi auf den letzten Metern entschieden wird, im WM-Finale zwischen Djokovic und Murray. Wie sehr die glorreichen Zwei den Rest der Stars abgehängt haben, beweist der Blick auf die Rangliste: Dort verfügen die ernstzunehmendsten Verfolger wie Milos Raonic (Kanada), Stan Wawrinka (Schweiz) und Kei Nishikori (Japan) alle nur über etwa halb so viele Punkte wie das Spitzenduo. "Sie bewegen sich auf den Spuren von Federer und Nadal in deren besten Zeiten", sagt Englands früherer Top-Mann Tim Henman , "und daran wird sich auch so schnell nichts ändern."

Djokovic/Murray-Phalanx mit kalendarischer Zweiteilung

Das Tennisjahr 2016 war zwar bunter, erfrischender und hier und da unberechenbarer als viele Spielzeiten zuvor, doch wenn es auf den größten Bühnen um die wirklich zählenden Titel ging, dann hatten da fast immer Djokovic und Murray den Zugriff. Drei der vier Grand-Slam-Titel holten sich die Kumpel, die beide im Juni 1987 innerhalb von sieben Tagen geboren wurden, nur Stan Wawrinka brach in die Djokovic/Murray-Phalanxmit dem US-Open-Titelein. Sieben der neun ATP-Masters-1000-Wettbewerbe gewannen sie auch, Djokovic vier, Murray drei - und der Schotteverteidigte zudem noch seinen Olympiasieg bei den Spielen in Rio. Erstmals in seiner Karriere spielte Murray über Monate auf einem herausragenden Niveau, mit einer Konstanz, die ihm Djokovic, der harte Gegenspieler, lange genug vorgemacht hatte. Nur deshalb schaffte es Murray auch, unmittelbar vor dem WM-Showdown erstmals den Gipfelplatz zu erstürmen, als erster Brite seit Einführung des neuen Wertungssystems.

So gab es in dieser Saison nicht nur eine Zweiteilung der Macht, sondern auch eine kalendarische Zweiteilung. Denn bis zu seinemFrench-Open-Sieg im Sand von Roland Garroswar dem Capitano Djokovic nicht beizukommen, bis zu jenem langersehnten Coup spielte er in einem eigenen Tennis-Kosmos, gewann alles von Rang und Bedeutung, auch schonfrüh in der Saison die Australian Open. Und dann, auf der absoluten Höhe seiner Kunst, erfasste ihn plötzlich erst die Sinn- und dann die Leistungskrise. Murray, im Frühsommer noch rund 8000 Weltranglistenpunkte hinter Djokovic abgeschlagen die Nummer zwei, nutzte die Gunst des Augenblicks und setzte zu einer ebenso erstaunlichen wie unwahrscheinlichen Aufholjagd an. Erst beim Abschlusschampionat der Saison, nun in vertauschten Rollen - Murray als Nummer eins, Djokovic als Nummer zwei - begegneten sie sich wieder auf Augenhöhe. Und beide diktierten sie auch dieses Turnier der Besten nach Belieben, ungeschlagen rückten sie ins Finale vor, zum Gladiatorenkampf um Sieg und Platz eins für 2016. Der Rest der Welt - er hatte, wie so oft in diesem Jahr, nur die beste Zuschauerposition "beim Duell der Titanen" ("Daily Mirror").

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von tennisnet.com

Sonntag
20.11.2016, 10:42 Uhr