Günter Bresnik exklusiv – „Ich habe keine Erwartungen an Dominic“

Die rot-weiß-rote Trainer-Größe empfindet diese bei Österreichs Shootingstar Thiem als "nicht angebracht und fehl am Platz".

von Manuel Wachta
zuletzt bearbeitet: 11.11.2016, 00:00 Uhr

Dominic Thiem - Günter Bresnik

Es gibt normale Turniere, es gibt besondere Turniere und wirklich besondere Turniere. Wenn man mit Günter Bresnik über die ATP World Tour Finals spricht, dann lässt dieser gar keinen Zweifel, dass diese der letzteren Kategorie angehören. Die Londoner O2-Arena zu betreten - das "ist für jeden immer wieder beeindruckend, auch wenn man schon mehrmals da war", so Österreichs Startrainer. Dies war sein Schützling noch nicht: Am Sonntag um nicht vor 15:00 Uhr MEZ bestreitetDominic Thiem sein Debüt beim Saison-Abschlussturnier der besten Acht, und das gleich gegen den Sieger der letzten vier Ausgaben Novak Djokovic . Im tennisnet.com-Exklusivinterview redet Bresnik über das spezielle Flair und die entspannte Atmosphäre beim Masters, über die Vorbereitung von Österreichs Jungstar und warum er keine Erwartungen in diesen setzt. Und warum Thiems Mutter Karin fast weinen musste.

Günter, Dominic hat am Donnerstag zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt seinen Fuß in die O2-Arena gesetzt. Ist es auch für dich das erste Mal hier?

Nein, ich war schon zwei Mal mit Nenad Zimonjic beim Doppel-Masters hier.

Trotzdem wird das auch für dich immer noch ein Erlebnis sein. Wie geht es einem denn, wenn man diese mächtige Halle betritt?

Es ist für jeden immer wieder beeindruckend, auch wenn man schon mehrmals da war. Das ist für europäische, aber auch für amerikanische Verhältnisse vom Fassungsvermögen her extrem groß. Es gibt auch optisch was her, mit diesem Dunkelblau und dem riesengroßen Platz. Dazu noch die ganze Geschichte hinter den Kulissen, dem Backstage-Bereich, der normalerweise ja für Konzerte ist. Dann auch außerhalb des Stadions die vielen Shoppingmalls und Restaurants für die Besucher. Das ist schon einzigartig.

"Das war ein ganzer Haufen, der die Krawatte nicht richtig binden konnte."
Günter Bresnik amüsiert sich über Vorkommnisse vorm feinen Abendessen

Wie waren die ersten Stunden in London?

Wir sind Mittwochabend angekommen. Dominic hat am Donnerstag gleich vier Stunden lang mit den Jungen aus der #NextGen trainiert, von 9:00 bis 11:00 Uhr am Vormittag und danach am Nachmittag ab 14:30 Uhr. Am Abend haben sich dann die Spieler, quasi aus ihren Privat-Gemächern, zu einem gemeinsamen, offiziellen Abendessen aufgemacht - einer mit und einer ohne Krawatte, weil er sie nicht binden kann.

Wem ist es etwa so ergangen?

Das war ein ganzer Haufen, der die Krawatte nicht richtig binden konnte. (lacht) Es war wohl sogar die Mehrheit, die sich dann von den Trainern und Betreuern mit den Schuhbändern und den Krawatten helfen hat lassen. Um 18:30 Uhr war für die meisten Abfahrt, manche waren um 19:30 dort. Und die, die ihre Probleme hatten, halt erst um 19:45 Uhr. (lacht) Sie haben dann Selfies miteinander gemacht, Fotos wurden geschossen. Es waren nur die paar Spieler, Betreuer und Organisationsleute dabei.

"Es läuft komplett entspannt, sympathisch und nett ab."
Günter Bresnik über das Verhältnis und die Stimmung der Spieler untereinander

Wie relaxt läuft es dabei unter den ganzen Spielern und Betreuern ab?

Es war richtig lustig und eine echt nette Atmosphäre, es läuft komplett entspannt, sympathisch und nett ab. Es haben alle ihren Spaß untereinander gehabt. Für mich ist das Ganze wohl noch mehr bewegend, weil ich mit Dominic solch eine lange Vergangenheit habe. Als ich das alles seiner Mutter, Karin, erzählt habe, hat sie fast weinen müssen. Ihr geht das auch extrem nahe, dass Dominic dort dabei ist, weil sie das Turnier so wie er auch immer nur im TV angesehen hat.

Und wie geht es Dominic damit?

Ich weiß nicht genau, wie es der Kleine empfindet, aber wohl genauso. Mal beim Abendessen mit Murray , Djokovic und, ich glaube, Raonic zu sitzen, zu viert über Gott und die Welt reden - das erzeugt auch bei mir so richtig das Gefühl, dass der Kleine in der erweiterten Weltspitze voll und ganz angekommen ist. Akzeptiert und gemocht, das wurde er ja eh schon länger, aber es ist etwas anderes, im Anzug statt in den verschwitzten Tennisklamotten zusammenzusitzen. Er denkt allerdings sowieso nur daran, hier gut zu spielen. Aber das ist auch gut so - Gott sei Dank ist das so, das sollte auch so sein. Heute hat er dann noch mit Kei Nishikori trainiert. Da gab es auch die hier üblichen zwei Gedenkminuten für die Gefallenen des ersten Weltkriegs - alle standen still, auf der anderen Seite Nishikori. Vielleicht bin ich derzeit einfach besonders sentimental, aber es ist einfach bewundernswert und aufregend, das alles hier mit Dominic zu erleben.

Den Spielern geht es auf der ATP-Tour stets bestens, aber beim Masters in London wird man bekanntlich ganz besonders hofiert. Wie sehr genießt auch du diese ganzen Extras, die man dort so hat, wie etwa eine eigene Garderobe?

Die Garderobe relativ wenig - das wohl einzige Mal, das ich hier geduscht habe, war gestern Abend vor dem gemeinsamen Abendessen. Sonst gibt es sogar einen Sicherheitsbeamten für Dominic, einen eigenen Chauffeur - für mich ist das alles ja eher unangenehm, denn ich will Leute nicht als Dienstboten behandeln. Den Sicherheitsbeamten haben wir für Freitagabend gleich zum Fußballmatch England gegen Schottland eingeladen. Und dem Fahrer haben wir gesagt, dass wir lieber mit der U-Bahn fahren, das geht schneller.

Vom Sportlichen her: Wie sehr ist Nervosität ein Thema, wenn man vor bis zu 17.500 Zuschauern die Halle betritt?

Das ist prinzipiell schon ein Thema. Dominic litt aber nie besonders unter Nervosität. Es kann sein, dass es für ihn am Anfang mal ein bisserl ein anderes Gefühl wird. Aber sobald das Spiel losgeht, wird sich das im Rahmen halten, denke ich.

"Von den Schlägen her war es mehr als ansprechend."
Günter Bresnik über Dominic Thiems Form im Training

Wie beurteilst du Dominics Form vom Training her?

Am Donnerstag war es nur mal ein reines Bälle schlagen, an die Verhältnisse gewöhnen. Und heute gegen Nishikori war es in Ordnung - bei 4:4 haben sie aufgehört. Von den Schlägen her war es mehr als ansprechend.

Schaut man da, dass man vor allem mit Spielern der anderen Gruppe trainiert, aus der Nishikori ja ist?

Das ist hier Usus. Die ATP macht die Zusammenstellung der Trainingseinheiten und schaut, dass sie einem jemanden von der anderen Gruppe suchen.

"Über das ist er, glaube ich, schon hinaus, dass er nur zum Lernen dort wäre."
Günter Bresnik über Dominic Thiems Masters-Debüt

Dominic geht sicherlich in alle Matches als Außenseiter hinein. Wird das für ihn einfach eine Zeit des Lernens?

Über das ist er, glaube ich, schon hinaus, dass er nur zum Lernen dort wäre. Wobei Erfahrung sammeln natürlich auch eine Form davon ist. Er kennt alle, hat gegen alle gespielt und hat mit ihnen trainiert. Es ist natürlich Tatsache, dass alle Leute im Ranking vor ihm stehen. Aber der Turniermodus ist auch ein anderer. Wenn er im ersten Match gegen Djokovic verliert, dann ist das Turnier für ihn nicht aus. Das ist im Tennis ungewohnt. Aber vielleicht ist das für ihn eine gute Erfahrung, um sich nicht zwei, drei Tage lang mit einer Niederlage zu beschäftigen.

Worauf wird es für ihn ankommen, wenn es mehr als den Lerneffekt erfüllen soll? Was muss er dazu machen?

Gut zu spielen. Das ist für mich wichtig. Wobei er gegen diese Leute, auch wenn er gut spielt, immer noch Außenseiter ist. Das ist auch Fakt - sonst wären sie in der Weltrangliste nicht vor ihm. Wichtig ist, dass er zum Jahresende, auch wenn seine letzten Turniere leider nicht so gut waren, wieder so spielt, wie er das kann. Wenn ihm das gelingt, dann kann er sich auch Dinge beweisen, an denen er vielleicht gar selbst noch gezweifelt hat. Ich gehe davon aus, dass seine Form ab Sonntag dann so weit ist, dass er gute Figur machen wird. Aber sein Ziel ist stets, zu gewinnen. Ich wage zu behaupten: Keiner von den Spielern in London will einfach nur dabei sein, kein einziger, damit begnügt sich echt niemand von ihnen. Auch ein Goffin undBautista Agut als Ersatzspieler wittern ihre Chance und wollen diese nützen.

Wenn wir nächste Woche dann Bilanz ziehen: Was muss geschehen, damit du zufrieden resümierst? Was erwartest du dir von Dominic?

Ich habe keine Erwartungen. Es gibt Dinge, für die ich mich als Trainer verantwortlich sehe. Aber an einen 23-Jährigen, der an Nummer neun in der Welt steht, schon die Nummer sieben war, 2016 vier Turniere gewonnen hat, stelle ich keine Erwartungen. Ich finde, er ist in seiner Entwicklung so weit, dass das nicht angebracht und fehl am Platz wäre.

von Manuel Wachta

Freitag
11.11.2016, 00:00 Uhr