Milos Raonic – Der moderne Herr der Asse

Der 25-jährige Kanadier steht beim Saisonfinale in London im Halbfinale. Das soll erst der Anfang gewesen sein.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 18.11.2016, 00:00 Uhr

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 17: Milos Raonic of Canada serves in his men's singles match against Dominic Thiem of Austria on day five of the ATP World Tour Finals at O2 Arena on November 17, 2016 in London, England. (Photo by Julian Finney/Getty Ima...

Am Donnerstagabend herrschte ordentlich Gedrängel in der Spielerloge von Milos Raonic. Riccardo Piatti saß da in der Londoner O2-Arena, sein regulärer Coach, ein Weggefährte über viele Arbeitsjahre. Dann Carlos Moya, der Teilzeitcoach, der früher einmal über die Sandplätze der Tenniswelt gebot. Und schließlich auch noch er: John McEnroe, genialer Centre-Court-Artist und Superflegel der Vergangenheit, umtriebiger Chefexperte an den Mikrofonen diverser TV-Sender - und eben auch Berater des WM-Teilnehmers Raonic.

Das ganz große Ziel

Jener Raonic ist ein Mann, der offen ist für viele An- und Einsichten, für die Meinungen vieler Fachleute; wichtig ist für den ehrgeizigen, perfektionistisch veranlagten Kanadier nur eins: Es muss ihn weiterbringen auf dem ambitionierten Weg nach ganz oben in der Tenniswelt. Und zwar spätestens dann, wenn die amtierenden Großmeister wie Roger Federer, Rafael Nadal und auch Andy Murrayund Novak Djokovic einmal in den wohlverdienten Ruhestand gegangen sind. "Nummer eins - das ist das größte Ziel, das ich habe", sagt Raonic, "wenn man ganz vorne steht, hat man auch große Turniere gewonnen." Bei der laufenden Tennis-WM in dieser Novemberwoche läuft es gut für Raonic, im besten Fall kann man nichts ausschließen für den 25-jährigen Aufschlaggiganten.

Für das Halbfinale hat sich der moderne Herr der Asse durch seinen finalen Vorrundensieg über Österreichs Hoffnung Dominic Thiem bereits qualifiziert, aber das Ende seiner Reise bei diesem Championat der acht Besten muss das noch lange nicht sein. Allein schon wegen Raonics Treffsicherheit beim Service haben ihn alle potenziellen Konkurrenten zu fürchten: Auch gegen Thiem ballerte Raonic wieder einmal 14 Asse in entscheidenden Momenten ins gegnerische Feld, ein Frusterlebnis für jeden Gegner, der resigniert die Seiten hin- und herwechseln muss. "Er ist längst ein kompletterer, variablerer Spieler geworden", sagt Einflüsterer McEnroe, "aber der Aufschlag ist natürlich sein größtes Plus. Ein Schlag, den niemand beeinflussen kann, der dir Sicherheit gibt."

Wie ein Technokrat am Racket

Bis zum Saisonfinale hatte Raonic bereits 824 Asse geschlagen, einige Dutzend werden nun noch hinzukommen bis zum letzten Ballwechsel. Raonic war auch einer der großen Profiteure der zurückliegenden Beschleunigung in der Tennisszene, der schnelleren Beläge bei vielen Turnieren, selbst schnellerer Beläge auf Sandböden. "Gegen ihn kriegst du nicht viele Chancen. Es ist ein unheimliches Konzentrationsspiel, auf die paar Möglichkeiten zu warten", sagt "Maestro" Roger Federer. Er weiß, wovon er spricht: Im Sommer hatte Raonic mit dem Halbfinalsieg in Wimbledon sozusagen die Saison für den Eidgenossen beendet, der begab sich nach dem Knockout in den zwischenzeitlichen Ruhestand und die Verletzungs-Rehabilitation.

Raonic, der über Philosophie genau so eloquent parlieren kann wie über Börsenkurse, die digitale Revolution oder seine Passion für Kunst, versteht sich als CEO der Tennisunternehmung Milos Raonic. Nichts geschieht bei ihm ohne Plan, ohne Strategie, ohne Methodik. Oft wirkt er wie ein Technokrat am Racket, der sich ganz auf seinen Intellekt und nicht so sehr auf Intuition verlässt. McEnroe entdeckte darin einen gewissen Makel, forderte Raonic auf, mehr zu improvisieren, vor allem aber mehr Statur und Emotion auf dem Court zu zeigen, nicht zu brav und scheu zu sein. "Milos kann der Chef im Ring sein. Er muss das aber auch leben in den großen Matches", sagt McEnroe. In der Endphase der WM wird McEnroe allerdings schon wieder anderen Verpflichtungen nachgehen, er reiste am Freitag aus London ab. Raonic ist geblieben, er ist auch selbst und allein stark genug, noch für Überraschungen zu sorgen. So wie im Sommer, als er in Wimbledon das Finale erreichte.

von Jörg Allmeroth

Freitag
18.11.2016, 00:00 Uhr