Stan Wawrinka – Der falsche Gast auf der richtigen Party

Die erste Vorstellung des aktuellen US-Open-Champions in London war in jeder Hinsicht nicht zufriedenstellend.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 14.11.2016, 00:00 Uhr

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 14: Stan Wawrinka of Switzerland drops his racquet in frustration during the mens singles match against Kei Nishikori of Japan on day two of the ATP World Tour Finals at at O2 Arena on November 14, 2016 in London, England....

Am Tag vor seinem ersten Spiel verbreitete Stan Wawrinkaauf seinem Twitter-Kanal noch gute Laune. Im Smoking war der WM-Teilnehmer da zu sehen, mit freundlich-zuversichtlicher Miene - und der Spruch darunter schien genau zu diesem Wawrinka zu passen: "Lasst die Party losgehen", stand da zu lesen. Doch als der 31-jährige Romand dann am Montag auf dem Centre Court der O2-Arena im Londoner Osten stand, da wirkte es eher, als sei er der falsche Gast auf der richtigen Veranstaltung. Weltmeisterschaft, ja, das stimmte, die fand und findet tatsächlich im gewaltigen Hallenpalast statt. Nur Wawrinka, der sah nicht aus wie ein Elitespieler, wie ein Mann, der hier am großen Rad drehen kann und will.

67 Minuten nur dauerte sein erster, beklagenswerter Auftritt, dann war die 2:6,-3:6-Niederlage gegen den Japaner Kei Nishikori auch schon besiegelt. Anders als im US-Open-Halbfinale, in dem Wawrinka ein 4:6,-1:4-Defizit gegen den asiatischen Superstar noch wettmachen konnte, stand eine solch fulminante Aufholjagd niemals auf der Agenda, zu leblos und lethargisch wirkte der Weltranglisten-Dritte beim ersten Einsatz. "Es sah oft so aus, als würde er am liebsten gar nicht auf dem Platz stehen wollen", gab Britanniens Ex-Größe Tim Henman als TV-Experte zu Protokoll. Doch Wawrinka wollte hinterher die Hoffnung auf bessere WM-Momente noch keineswegs aufgeben. "Ich spüre, dass ich noch etwas Großes leisten kann", sagte er. "Ich habe auch schon früher hier das Auftaktmatch verloren."

Doch keine leichte Übung

Nichtsdestotrotz hat sich gleich mit dem ersten, groben Scheitern eine Drucksituation für Wawrinka aufgebaut. Denn eigentlich galt die Gruppenpartie gegen Nishikori als leichteste Prüfung für den "King of New York", leichter jedenfalls als die kommenden Matches gegen Nummer-eins-Spieler Andy Murray und den formstarken Kroaten Marin Cilic . Will Wawrinka sicher gehen mit dem erneuten Halbfinal-Einzug, muss er diese beiden Spiele gewinnen - auf Rechenspiele, in denen auch ein Sieg zum Weiterkommen genügen würde, sollte er verzichten. "Ich habe mich einfach nicht gut gefühlt heute", sagte Wawrinka nach dem Fehltritt. Verärgert hatte der Genfer schon auf dem Court mehrfach seinen Schläger malträtiert, ansonsten aber in der Schlussphase mit versteinerter, grimmiger Miene den Niedergang quittiert. "Stans Körpersprache war extrem schlecht", notierte der frühere Weltklassespieler Pat Cash.

Wawrinka spielte fast durchgehend ohne innere Überzeugungskraft, so dass sein Rivale leichtes Spiel hatte und regelmäßig auf die leichten Fehler des Schweizers warten konnte. Zum Schluss hatte Wawrinka nicht weniger als 32 der sogenannten "unforced errors" angehäuft, kein Wunder, dass er sich mit diesem erratischen Vortrag auch keine Breakpunkte erspielen konnte. Nur Anfang des zweiten Satzes machte Wawrinka vorübergehend den Eindruck, als könne er mit etwas konzentrierterem Spiel ein Gleichgewicht der Kräfte, eine spannendere Partie und vielleicht gar eine Wende herbeiführen.

Kurzes Aufflackern

Doch es war nur flüchtiger Zauber, eine Angelegenheit von ein paar Minuten, ehe das Niveau wieder verfiel. Etwas verdattert blickten da auch Trainer Magnus Norman und Fitness-Papst Pierre Paganini drein, auch die beiden wichtigsten Unterstützer hatten sich diesen WM-Start ganz anders vorgestellt. "Es war nicht mein Tag heute. Ich habe bei allem gezögert, mir nichts wirklich zugetraut", sagte Wawrinka selbst.

von Jörg Allmeroth

Montag
14.11.2016, 00:00 Uhr