Von wegen Leichtmatrose – Popeye Murray lässt die Muskeln spielen

Der Triumph von London muss auch die letzten Kritiker von Andy Murray zum Verstummen bringen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 21.11.2016, 10:02 Uhr

LONDON, ENGLAND - NOVEMBER 20: Andy Murray of Great Britain poses with the ATP Tour Finals trophy and the Year end World number one trophy following his victory during the Singles Final against Novak Djokovic of Serbia at the Barclays ATP World Tou...

Es war nach einem dieser frustrierenden Wimbledon-Tage, früh in seiner Karriere, da konnte Andy Murray in den Boulevardblättern Londons interessante Schlagzeilen und Gedanken nachlesen. Er wirke auf dem Centre Court wie die Comicfigur "Popeye", stand da nach einem Knockout gegen "Maestro" Roger Federer geschrieben, nur eben ohne den berühmten, Wunderkräfte verleihenden Zauberspinat. Murray, der Leichtmatrose. Auch die Empfehlung gab es, Murray solle sich doch besser "einen ganz anderen Sport suchen", mit den Federers, Nadal s oder Djokovic s werde er es nie aufnehmen können. Ein "Versager" sei Murray, keine Spur von schottischem Braveheart. Was ihren Sohn in diesen Schlagzeilengewittern gerettet habe, sagte Murrays Mutter Judy einmal, seien nur "Starrsinn und eine große Dickköpfigkeit" gewesen: "Er hat sicher auch oft an sich gezweifelt. Aber der Wunsch, es allen zu zeigen, auch sich selbst, war viel größer."

Weil Murray aber auch einer ist, der sich großes Triumphgefühl und auch Schadenfreude gegenüber den treuen Kritikern versagt, hat er seinen bemerkenswertesten Karrieremoment am Sonntagabend üblich untertemperiert registriert, ganz so wie sein bärbeißiger Coach Ivan Lendl. "Offensichtlich" seien der WM-Sieg und der besiegelte Platz Eins in der Jahresabschluss-Wertung "bedeutende Erfolge", sagte Murray nach seinem souveränen 6:3, 6:4-Finalsieg über den blassen, zaudernden und zögernden Novak Djokovic zurückhaltend. "Es ist ein spezieller Tag. Und total unerwartet für mich." Das stimmte - in aller Abgeklärtheit und Distanz - dann wohl auf´s Wort: Denn noch vor einem halben Jahr konnte man mit allem rechnen in der Tenniswelt, mit einer noch stärkeren Dominanz des ewigen Rivalen Djokovic, mit dessen Sturm zum echten Grand Slam, mit einer noch deutlicheren Führung des Serben in der Weltrangliste. Aber nicht mit der Wachablösung durch Murray, den damaligen French-Open-Verlierer.

Unglaubliche Entwicklung seit Paris

Im November 2016 hatten sich die Rollen der beiden Rivalen der Centre Courts freilich in einer der abenteuerlichsten Volten der Tennisgeschichte komplett vertauscht: Murray, der notorische Grübler und Zweifler, wirkte bei seiner WM-Mission wie von allen Hemmungen befreit, er war der King im Ring, der unermüdliche Kämpfer in epischen Marathonduellen, zweimal hintereinander war er sogar an den längsten WM-Matches aller Zeiten beteiligt. Sein ganzer Auftritt in der 02-Arena war eine Verdichtung seiner professionellen Laufbahn, mit Widrigkeiten, die wieder und wieder zu überwinden waren, mit dauernden Rückschlägen in Matches, die er wegzustecken hatte. Doch am Ende hatte er sich, noch in der aktiven Ära seiner drei gewaltigen Weggefährten Djokovic, Federer und Nadal, erstmals den Nummer-eins-Platz zum Saisonabschluss erobert. In einem großen Finale, in dem es gefühlt um Alles oder Nichts ging. Gegen Djokovic, seinen Generationsgenossen, der über so viele Jahre und viele große Duelle sein grimmiger Spielverderber war, aber auch noch bis zur Jahreshälfte dieser Spielzeit.

Murray, zuletzt mit 61:4-Siegen brillierend, hat beste Chancen, nach der mitreißenden Aufholjagd im Sommer und Herbst 2016 bis in den Frühling 2017 die Tabellenspitze zu verteidigen. Hält er seine Form, hält er die selbstbewusste Statur aufrecht, ist er schwer zu verdrängen - zumal die Logik des Ranglistensystems ihn unterstützt. Denn Djokovic muss bis zu den French Open alle in dieser Saison errungenen Titel verteidigen und kann kaum Punkte dazu addieren, Murray aber kann das sehr wohl. Erst mit der Rasensaison ändern sich die Verhältnisse, dann steht Murray in der Pflicht, die 2016er Siege zu bestätigen.

Gute Chancen bis zur Rasensaison

Die Frage aber ist: Wie hart, wie umstritten wird der Kampf an der Weltrangliste? In London gab Djokovic ein zwiespältiges Bild ab: Er buchte Arbeitssiege weg, er gewann als Dominator schon in der Vorrunde, er überzeugte durch und durch im Halbfinale gegen Nishikori - und dann war er im Finale wieder ein Schatten seiner selbst gegen Murray. In kaum einem Ballwechsel steckte der alte Djokovic drin. "Ich wusste es vom Start weg: Das wird nichts", sagte er später selbst, ganz so, als habe er sich auf die Niederlage irgendwie eingerichtet. Man darf gespannt sein, wie es mit Djokovic weitergeht. Und: Mit wem. Mit oder ohne Becker. Mit den alten Dienstleistern im "Team Nole" - oder radikal erneuerter Besatzung. "Es ist nicht der Moment, um darüber zu reden", sagte Djokovic nach der Endspielpleite.

Und Murray? Die, die ihn einst verschmäht und verspottet hatten, sangen nun, am Ende eines ganz und gar verrückten Tennisjahres, hymnische Loblieder auf "Britanniens größten Sportsmann" (Daily Mail) und forderten den Ritterschlag zu "Sir Andy Murray" (Express). Der Sonntags-Champion war im übrigen nicht der einzige sagenhafte Gewinner im Hause Murray. Auch Bruder Jamie beendete die Saison als Nummer eins - im Doppel. Ein doppelter, ein einmaliger Erfolg.

von tennisnet.com

Montag
21.11.2016, 10:02 Uhr