Jürgen Waber – „Wir schauen auf eine kontinuierliche Entwicklung“

Wird aus der 20-Jährigen noch 2016 eine Top-100-Dame? Ihr Coach hält den Ball lieber flach - und ist dennoch vorsichtig optimistisch.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 26.04.2016, 20:56 Uhr

Barbara Haas - Jürgen Waber

Keine Frage, Österreichs Damentennis hat schon weitaus bessere Zeiten erlebt. Seit 2. Februar 2015, also seit bald 15 Monaten, zählt keine rot-weiß-rote Vertreterin mehr zu den besten 100 Spielerinnen in der Welt. Doch es gibt Hoffnung auf Besserung. Durch die mittlerweile schon seit so einigen Jahren etablierte Tamira Paszek , deren angepeilte Top-100-Rückkehr durch ein zwischenzeitliches, kurzes Ergebnis-Tief sowie Erkrankungen hoffentlich bloß aufgeschoben, doch keinesfalls aufgehoben ist. Durch ihre sich kontinuierlich nach oben arbeitende, 19 Jahre alte Vorarlberger Kollegin Julia Grabher , die in dieser Woche bei einem ITF-Damenturnier in Chiasso (Schweiz) nicht das erste Mal aufzeigt . Durch die 17 Jahre junge Niederösterreicherin Mira Antonitsch , die sich auf der ITF-Tour nach gleichfalls konstant starken Ergebnissen zum allerersten Mal unter die Top 50 der Jugend-Weltrangliste gespielt hat. Und nicht zuletzt auch durch Barbara Haas , längst zur rot-weiß-roten Nummer zwei hinter Paszek aufgestiegen.

Haas Nummer 20 in WTA-U21-Wertung

Bereits seit vielen Jahren wird die Oberösterreicherin an erster Stelle genannt, wenn es um die größten Zukunftsperspektiven geht. Und allmählich scheint der langsam angelegte, behutsame Aufbau unter ihrem Trainer, Österreichs Fed-Cup-Kapitän Jürgen Waber , Wirkung zu zeigen: Stück für Stück spielt sich die seit 19. März 20-Jährige auf der Karriereleiter weiter nach oben - zuletzt gewann sie sogar zwei 25.000-US-Dollar-Turniere in Serie -, bis auf Platz 169 in der Damen-Weltrangliste und derzeit Position 173. Das mag im ersten Moment vielleicht nicht so spektakulär klingen, doch der Vergleich mit anderen ihres noch so jungen Alters macht sicher. Und der zeigt: Sprüche wie "Die ist mit 20 noch immer nicht Top 100. Das wird nichts mehr" gehören der Vergangenheit an, auch bei den Ladys schaffen die meisten immer später erst den Durchbruch in die erweiterte Weltspitze. So finden sich momentan lediglich 19 Athletinnen in einer U21-Wertung vor Haas, im "Race to Singapore" für 2016 gar nur 15.

Waber überzeugt: "‚Babsi' ist auch gut dabei"

Genau diese Reihung ist es auch, die Waber dabei am meisten interessiert: "Danach messe ich ‚Babsis' Entwicklung: wie sie im Verhältnis zu den Spielerinnen ihres Alters steht", sagte der Oberösterreicher tennisnet.com. "Für mich ist wichtig, dass sie da zu den Besten gehört. Dann ist die Chance größer, dass sie mit 24 in der Weltrangliste auch weiter vorn steht." Freilich, so wie bei den Herren gerne auf Boris Becker bzw. heutzutage auf Rafael Nadal verwiesen wird, so findet man auch bei den Damen Spielerinnen, die ihrer Zeit voraus sind: "Klar, es gibt auch ‚Wunderkinder', wo alles perfekt läuft - wie bei Belinda Bencic oder Darya Kasatkina ." Doch für Waber steht außer Frage: "‚Babsi' ist auch gut dabei. Da kann man nichts Negatives dabei finden." Auch hier macht der Vergleich sicher, etwa mit Österreichs stets erfolgsverwöhntem, "großem Bruder": Neun Top-100-Mitglieder mag man da in Deutschland aktuell zwar zählen, in der U21-Wertung muss man derzeit allerdings bis Platz 45 scrollen, zu Antonia Lottner .

Heuer noch Top 100? "So denke ich überhaupt nicht"

Gerade dies zeigt Waber ebenfalls, dass Haas' Entwicklung "dementsprechend gut ist. Nützen tut es aber nur, wenn diese so weitergeht und sie mit 24 dann noch weiter vorne zu finden ist." Der Zenit scheint freilich längst noch nicht erreicht, wie auch daran zu erkennen ist, dass Haas im "Race to Singapore" heuer bereits auf Rang 119 aufscheint. Reift in der Steyrerin gar noch 2016 Österreichs nächste Top-100-Spielerin heran? Muss dies jetzt das erklärte Ziel sein? "So denke ich überhaupt nicht", wiegelte Waber ab. "Solche Ziele setze ich ihr nicht. Und sie sich auch nicht. Wir schauen auf eine kontinuierliche Entwicklung. Man muss immerzu zuerst mal die kleinen Schritte gehen - sonst könnte man die großen Ziele gar nicht erreichen. Wir setzen uns vielmehr kleine Ziele, welche wir entwicklungsmäßig erreichen wollen", gab Waber dazu einen Einblick in seine persönliche Philosophie, die ihm bei Haas' in Summe sehr erfreulicher Entwicklung Recht zu geben scheint.

"Natürlich ist es das Ziel, mal davon leben zu können"

Ein großes Ziel hat Haas mit ihren jüngsten Erfolgen indes jedenfalls erreicht. "Das waren die Grand-Slam-Turniere, bei denen sie nun fix mit dabei ist. Und wenn man mal dort ist, möchte man natürlich auch jedes Spiel gewinnen. Aber wir machen uns keinen Druck, dass irgendwas Bestimmtes sein muss." So zurückhaltend Waber die Erwartungshaltung auch anlegt, eines ist dabei trotzdem klar: "Natürlich ist es das Ziel, mal davon leben zu können. Und das so schnell wie möglich. Aber man muss dazu eben zuerst die kleinen Schritte gehen." Dazu scheint Haas gewillt zu sein und im Sportland OÖ Olympiazentrum in Linz auch das erforderliche optimale Umfeld zu haben, etwa mit der langjährigen heimischen Nummer eins und Ex-Weltranglisten-20. Sybille Bammer . "Es ist kein Geheimnis, dass solch ein funktionierendes Umfeld ein ganz wesentlicher und hauptausschlaggebender Teil des Erfolgs ist, das ist aber eine Voraussetzung für jeden Leistungssportler. Es wird hier eben nach System gearbeitet - das ist aber auch nicht nur bei mir so -, und das braucht gewisse Zeit, bis es wirkt. Es scheint zu funktionieren."

Grand-Slam-Premiere bei den French Open

Für Waber sei klar: "Mit einem guten Umfeld kann man relativ viel erreichen. Wie viel, hängt vom Athleten ab und wie viel dieser mitbringt", was im Falle von Haas definitiv eine gesunde Portion Ehrgeiz ist. Und alleine dennoch zu wenig wäre. "Ich glaube schon, dass viele, so wie ‚Babsi', bereit sind, hart an sich zu arbeiten, aber wichtig ist ebenso, dass einem jemand zeigt, wie es geht und wie es funktioniert", möchte Waber auch die Bedeutung eines guten Trainers betonen. Der Wille, hart zu arbeiten, ist eben nicht alles. Haas vereint beide Erfolgsfaktoren - und erntet dafür allmählich die Früchte, mit ihren ersten Grand-Slam-Teilnahmen als Zuckerl. Die Starts bei den drei verbleibenden "Majors" sind 2016 übrigens fest eingeplant, "unbedingt - dafür spielt man Tennis als Athlet, es gibt keine, die lieber Challenger (frühere Bezeichnung auch für ITF-Damenturniere mit über 10.000 US-Dollar Preisgeld) spielt." Zum Debüt soll es damit bei den French Open in Paris kommen - auch ein Ausflug auf den Rasen in Wimbledon steht an: "‚Babsi' wird sicher nicht viele Vorbereitungsturniere auf Gras bestreiten. Aber auch dies gehört zu ihrer Entwicklung dazu, das Spiel auf Rasen. Das muss man lernen. In den Top 100 muss man sich auf allen Belägen zurechtfinden. Meine Philosophie ist die Entwicklung."

Minusgrade, Matsch, Schnee und Regen in Wiesbaden

Doch einstweilen muss Haas noch kleinere Brötchen backen. Die Oberösterreicherin spielt bei einem ITF-Damenturnier in Wiesbaden, wo sie am Mittwoch ihren elften Sieg in Serie auf der Tour feierte und durch ein 6:4, 6:3 über die Türkin Pemra Özgen (WTA 345) ins Achtelfinale der 25.000-US-Dollar-Sandplatzveranstaltung in Deutschland einzog. Die Verhältnisse waren dabei für alle Beteiligten wenig erfreulich: "Hier sind ganz schwierige Bedingungen, teilweise Minusgrade, tiefe, matschige Plätze, Schnee und Regen, und noch dazu fast drucklose Bälle", berichtete Waber. "Topspin kann man sich abschminken." Das allgemeine Motto: "Das Beste draus machen und irgendwie gesund bleiben." Das will Haas auch am Donnerstag, da geht es für die Zweitgesetzte gegen die slowakische Qualifikantin Vivien Juhaszova (WTA 492) um einen Platz im Viertelfinale.

Hier die Ergebnisse und Spielpläne aus Wiesbaden.

von tennisnet.com

Dienstag
26.04.2016, 20:56 Uhr